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4.13. Die Geburt Jesu und die Propheten (Franz Viktor Spechtler)

4.13.1. Die „Erfüllung“ des Alten Testamentes

Es ist bekannt, dass die Geburt Jesu als Erfüllung der Prophezeiungen der Propheten gesehen wurde, wie es bei Matthäus heißt, als der Engel dem Joseph, dem „Sohn Davids“, die Geburt Jesu verheißt: „Das alles aber ist geschehen, damit erfüllt werde, was vom Herrn durch den Propheten gesprochen wurde, welcher sagt: Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären und man wird seinen Namen Immanuel nennen, das heißt: Gott mit uns.“ (Mt 1,22–23) Damit wird Jesaja (Jes 7,14) zitiert.

Die Geburt Jesu war für die Evangelisten und die Jesusanhänger des 1. Jahrhunderts n. Chr. die Geburt des Messias, der vor allem in Zeiten der Bedrängnis des Volkes Israel von seinen Propheten als Rettung und Hoffnung vorausgesagt worden ist. Und Jesus selbst sagte: „Denkt nicht, dass ich gekommen bin, das Gesetz und die Propheten aufzuheben; ich bin nicht gekommen aufzuheben, sondern zu erfüllen.“ (Mt 5,17) Das bedeutet also, dass im Neuen Testament das Alte Testament „erfüllt“ wird. Das muss auch für die Geburt Jesu aus dem Hause David (Joseph, „Sohn“ Davids, Mt 1,20) gelten. Liest man die Evangelien, die Bibel Jesu und seiner Nachfolger auf dem Hintergrund des Alten Testamentes, dann erhält auch die Geburtsgeschichte die Bedeutung: Jesus ist der Messias, der im Alten Testament verheißen worden ist. Er hat es erfüllt.

4.13.2. Die Geburt Jesu im Neuen Testament

Über die Geburt Jesu wird im Neuen Testament nur von Matthäus und Lukas berichtet. Matthäus schrieb für Judenchristen und beginnt deswegen sein Evangelium mit dem Stammbaum Jesu, „des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams“ (1,1). Der gelehrte Arzt Lukas verfasste seinen Text nach der Tradition der griechischen Geschichtsschreibung und enthält ,,Sondergut“ wie etwa die Erzählung von der Geburt Jesu, die bekannt ist und sonst so nicht vorkommt, auch nicht im ältesten Evangelium nach Markus. Während Mt 1,18–25 nur die Tatsache der Geburt Jesu relativ kurz erwähnt, bringt der hier bereits erzählende Lukas die bekannte Erzählung von der Geburt im Stall von Bethlehem, die Verkündigung an die Hirten und die Darstellung und Beschneidung Jesu im Tempel (Lk 2,1–40). Dem geht die Verheißung der Geburt Johannes des Täufers und der Geburt Jesu sowie der Besuch Mariae bei Elisabeth voraus.

Diese Texte sind mit Hinweisen auf das Alte Testament gespickt, ja das ,,Magnifikat“, der Gruß Mariae (Lk 1,46–59), ist eigentlich eine Sammlung von Zitaten aus dem Alten Testament, vor allem aus den Psalmen. Das gilt auch für den Lobgesang von Zacharias über die Geburt seines Sohnes Johannes des Täufers (Lk 1,68–79). Diese Methode des Erzählens mit der „Rückbindung“ des Textes auf das Alte Testament, Typologie genannt, ist mit allen Zitaten für diese Texte charakteristisch.

4.13.3. „Es ist ein Reis entsprungen ...“

Die Methode des Erzählens mit der „Rückbindung“ der Texte des Neuen Testamentes auf das Alte Testament, Typologie genannt, ist mit allen Zitaten für die Evangelien charakteristisch. ,„Sohn Davids, Sohn Abrahams“ usw. können nicht wörtlich verstanden werden, sondern typologisch, d. h. solche Nennungen im Erzählstil des Orients tragen die ganze heilsgeschichtliche Bedeutung im Hinblick auf die Vollendung der Zeiten im Messias, dessen Geburtsdarstellung voll von solchen Bildern ist, die oft nur als liebliche Schilderungen und als Grundlage für die alpenländischen Krippendarstellungen gesehen werden. Aber: „Man kann die Bibel ernst nehmen – oder wörtlich.“[945]

So gesehen, „musste“ also der Sohn Davids (im biblischen Sinn) in Bethlehem geboren werden und zwar nicht nur wegen der Prophezeiung des Propheten Micha: „Du aber, Bethlehem, zwar das kleinste unter Judas Geschlechtern, doch aus dir wird mir hervorgehen, der über Israel herrschen soll“ (Mi 5,1). Im ersten Buch Samuel, Kapitel 16, wird die Berufung und Salbung Davids zum König geschildert, der vom Propheten Samuel gemäß dem Auftrag Jahwes aus den Söhnen von Isai (der ist die „Wurzel Jesse“ im Lied „Es ist ein Reis entsprungen“) ausgewählt wurde. Alle anderen Söhne hatte Isai dem Samuel vorgestellt, doch dieser verlangte nach dem jüngsten, der die Schafe auf den Weiden von Bethlehem hütete.

Daher sind auch nach Lk 2,8 die Hirten die ersten Menschen, die den Messias in Bethlehem besuchen durften. Und wenn in den Krippendarstellungen Rind (Ochs) und Esel im Stall bei der Krippe sind, dann bezieht sich das auf Jes 1,3: Das Rind kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn.

4.13.4. Die Huldigung der Magier

Eine ganz besondere Bedeutung haben die Texte über die Huldigung der Magier aus dem Osten und die Flucht nach Ägypten bei Mt 2,1–23. Für die des Alten Testamentes kundigen Judenchristen, für die Matthäus schrieb, kommen Babylon und Ägypten in bedeutsame Erinnerung. Die Magier/Weisen kommen aus dem „Morgenland“ nach Jerusalem und fragen den König Herodes nach dem gerade geborenen neuen König Israels. Dessen Schriftgelehrte weisen sie nach Bethlehem in Judäa. Und tatsächlich bleibt der Stern, der die Weisen geleitet hatte, dort stehen.

Was bedeutete Babylon, der Osten, für die Juden? Es war das Land, aus dem ihr Urvater Abraham gekommen war, dessen Kultur der gesamte Orient Wesentliches zu verdanken hatte – vor allem die Astronomie und die Astrologie, die ja eins waren. Natürlich verband man damit auch die schreckliche Zeit der Verschleppung im 6. Jahrhundert v. Chr. (aus der der Prophet Daniel berichtet), aber auch die große Macht und die Wissenschaft des Ostens.

Und nun werfen sich die Weisen aus diesem Land dem Kind, dem neuen König, dem Messias zu Füßen – Babylon liegt ihm zu Füßen. Ihre Geschenke sind genauso sinnträchtig: Gold für das Königtum, Weihrauch für den Göttlichen und Myrrhe als Symbol für das (künftige) Leiden (diese Deutungen bei Jes 49,23; 60,6; Psalm 72,10–15).

4.13.5. Die Flucht nach Ägypten

Welchen Sinn „trägt“ – mit Hinblick einer Rückbindung auf das Alte Testament – die sogenannte Flucht nach Ägypten (nur bei Mt 2,13,–23)? Dieses fruchtbare Land am Nil haben die Nomaden des Orients immer wieder in Hungersnöten aufgesucht, denken wir nur an die alttestamentliche Schilderung von Joseph in Ägypten, der vom Gefangenen zum Pharaoberater und Traumdeuter aufgestiegen ist. Auf dem Weg von Ägypten zurück durch die Halbinsel Sinai schloss Jahwe den Bund mit diesem Volk, und Mose erhielt die Zehn Gebote, das Pessachfest wurde eingeführt. Und Mt zitiert 2,15 den Propheten Hosea ausdrücklich: „Und dort blieb er [Joseph mit Maria und Jesus] bis zum Tode des Herodes – damit erfüllt würde, was vom Herrn durch den Propheten gesprochen wurde, welcher sagt: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“ Das ganze Zitat lautet bei Hosea: „Als Israel jung war, gewann ich es lieb, und aus Ägypten rief ich meinen Sohn.“ (Hos 11,1) Mose, dieser „Sohn Gottes“, hat Israel ins Heilige Land geführt. Jesus wird alle Menschen ins Land der Verheißung, das Himmel genannt wird, führen, in sein Reich, von dem er selbst oft sprach und das mit seiner Geburt schon begonnen hat.

Dies alles mussten und sollten die Jesusgemeinden des 1. Jahrhunderts so verstehen, dass mit diesem Kind Jesus die Schrift, das „Gesetz“, wie es Jesus, der jüdische Rabbi und Messias, auch nennt, erfüllt werde. Der babylonische Osten und der ägyptische Westen der Bibel sind mit diesem Kind Jesus, dem neuen König Israels (Sohn Davids) und dem Messias, für alle Menschen, gemäß den Propheten, untrennbar verbunden. Er „umfasst“ die ganze damalige Welt, die durch ihn erlöst werden soll.



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