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7.16. Gespräch mit Karl Steinocher (1920–2013): Weihnachten in der Salzburger Arbeiterschaft

Vorbemerkung

Das Interview mit Karl Steinocher, Landeshauptmannstellvertreter i. R., führte Nicole Ennsmann am 11. Dezember 2001 im Café Cult (Künstlerhaus) in Salzburg. Der Kontakt mit Karl Steinocher wurde durch Herrn Univ.-Prof. Dr. Robert Hoffmann im Rahmen des Seminars „Das Weihnachtsfest im gesellschaftlichen Wandel seit 1800“ hergestellt. Karl Steinocher hat bereits mehrfach für Geschichtestudentinnen/-studenten Zeitzeugeninterviews gegeben. Das Anliegen Steinochers, der sehr an Geschichte interessiert ist, ist dass die Jugend davon erfahren solle, wie es früher war. Es gibt in Salzburg einen Karl-Steinocher-Fonds, der sich speziell mit der Arbeitergeschichte beschäftigt. Zu Beginn des Interviews erklärte mir Steinocher, er habe nach der telefonischen Terminvereinbarung über das Thema „Weihnachten in seiner Kindheit“ nachgedacht, wolle mir aber zuerst einige allgemeine Informationen geben, weshalb das vorliegende Interview mit einer Schilderung der Kindheit beginnt. Bei der Transkription wurden Interjektionen weggelassen und der Dialekt, abgesehen von einigen Ausdrücken und typisch „Österreichischem“, wegen der besseren Lesbarkeit, ins Hochdeutsche transkribiert.

Biografische Daten

Karl Steinocher wurde am 19. Jänner 1920 in Bischofshofen geboren, mit 13 Jahren kam er nach Salzburg. Steinochers Vater war Schaffner bei der Eisenbahn, seine Mutter Hausfrau kleinbürgerlicher Herkunft. Steinocher hat nach dem Besuch von Volkschule und Hauptschule in Bischofshofen 1935 eine kaufmännische Lehre begonnen. Von 1938 bis 1940 war er Bediensteter der Deutschen Reichsbahn (Fahrdienstleiter, Schulungsbeamter); von 1945 bis 1957 Bediensteter der ÖBB (Schulungsbeamter). Nach seiner Vizepräsidentschaft der Arbeiterkammer Salzburg (1956–1965) war er von 1965 bis 1966 Präsident der Arbeiterkammer Salzburg. In der Zeit von 1966–1976 hatte Steinocher das Amt des Landeshauptmann-Stellvertreters von Salzburg inne und war bis 1978 Landesparteiobmann der SPÖ Salzburg.

Fragenkatalog

Interview

K.S.: [Mein Vater war] Güterzugschaffner und dann Personenzugschaffner in Bischofshofen. Dort bin ich auch geboren, in einer Dachbodenwohnung. Und dann, nach drei Jahren, sind wir dann in eine Personalwohnung, Kuchl und Zimmer, übersiedelt. Mein Bruder, der älteste, der ist bei den Großeltern gewesen. Der mittlere, also der zweite, der war vier Jahre älter, der hat da natürlich auch gewohnt, haben uns das Bett geteilt, wie es halt so war, nicht. Das war auch nicht groß. An was ich mich noch mit Schreck erinner: Das Klo war am freien Balkon draußen, ein Plumpsklo, wenn ‘s kalt war wie jetzt, dann sind wir rausgerannt schnell, unsere Notdurft verrichten in der Kälte im Winter. Ja, so bin ich aufgewachsen, nicht. Da bin ich bis zum 12. Lebensjahr gewesen. Dann bin ich nach Salzburg gekommen.

N.E.: Ihre Mutter, war die Hausfrau oder hat sie gearbeitet?

K.S.: Meine Mutter war Hausfrau und, damit sie dazu verdient, haben wir vier Kostburschen gehabt, die zum Mittagessen gekommen sind. Die sind beim Tisch g’sessen, wir sind nebenan meistens bei der Holzkisten gesessen, auf Kohlenkästen und haben ‘gessen. Und hab’n das auch noch betrachten müssen.

Die Grundschule habe ich in Wasserburg gemacht – nur damit Sie ein bisserl wissen –, da waren wir so 20 Kinder, schätz ich. Da waren wir so a bissel a Bande. Da haben wir allerhand Schabernack getrieben. Vor allen Dingen viel gerauft mit den Bauernbuben, die da über die Salzach gehen mussten. Ja, da haben wir zum Schuldirektor müssen, weil sich die Bauern beschwert haben, dass die Buben nicht nach Hause kommen. Dann haben wir zum Bürgermeister müssen, der hat uns auch recht geschimpft, weil der Vize-Bürgermeister, der war auch ein Bauer, den sein Bub nicht heimkommen ist und die Bauernkinder haben ja arbeiten müssen. Und die haben wir dann weit an der Salzach hinuntergetrieben bis zur Kreuzberg-Maut, die sind dann eine Stunde oder noch später heimkommen. Und natürlich hat es dann einen Aufstand geben. Dann haben wir das eingestellt, weil wir den Bürgermeister gern mög’n haben.

No, ich war bei den Kinderfreunden und mit drei Jahren bin ich schon am 1. Mai mitg’laufen, bei die Arbeiterturner damals noch, weil mein Vater ein Gründungsmitglied war vom Turnverein. Naja, und dann bei den roten Falken. Wir durften nicht am christlich-deutschen Turnerbund-Platz reingehen, da haben sie uns außi gwatscht. Die roten Eisenbahnerbuam, die Roten, die haben da nichts zu suchen g’habt. So war das damals, nicht. Streng getrennt.

Und zu Weihnachten is’ halt gewesen, wie es halt bei so einfache Leut gangen is‘. Schon irgendwie a bisserl a Weihnachtsfeier g’wesen. Die übliche Weihnachtsfeier gewesen mit am Christbaum, mit Geschenken, was haben wir kriegt? Wie wir klein waren Strümpf’, g’strickte, bis aufa g’strickte Strümpf’, praktische Dinge halt, und Weihnachten haben wir sehr viel im Innviertel bei meine Großeltern verbracht. Des war so a klane Keuschn mit sieben Küh, und der Vater und die Mutter sind arbeiten ‘gangen, die Großmutter und der Großvater sind arbeiten ‘gangen. Der Onkel auch, [...], an Wolfgang sei Frau hat die Landwirtschaft betrieben. Die waren Maurer, die Großmutter hat Meuter [Malter bzw. Mörtel] getragen am Kopf. Des waren also ausgeschundene Leute, aber sie waren sehr fleißig, sie haben sich dann ein schönes Haus gebaut noch. Dort haben wir Weihnachten verbracht, wie es halt bei Bauern war. Abends die Bescherung, war auch bescheiden immer gewesen. Die haben eine Tochter gehabt, die hat natürlich mehr gekriegt wie mir. A Enkelin hab’ns g’habt, die hat a bisserl mehr ‘kriegt. Wir haben uns recht geärgert, weil ‘s a verzogenes Luder war. Und so haben wir eben g’lebt – Weihnachten war sehr bescheiden.

In Bischofshofen bei den Kinderfreunden war es natürlich sehr schön, weil da a Weihnachtsfeier für Kinder war. Da is z’samm’g’sammelt word’n von alle Leit, haben Keks und so weiter gebracht, und so haben wir schöne Weihnachten g’habt, haben Theater gespielt als Kinder. Des war a gute Gemeinschaft in Bischofshofen damals. Bei den Roten Falken haben wir gebastelt vor Weihnachten, haben wir laubgesägelt, Puppen g’macht und so weiter. Die haben wir dann, Schachteln haben wir uns erbettelt, Schuhschachteln, die haben wir dann nach Mühlbach hinein, wo der Betrieb zugesperrt war, nicht, das Bergwerk war gesperrt. Da war eine fürchterliche Armut, die hat man schon g’rochen, wenn man hinein is. Mindestens zehn Kilometer sind wir da einiganga, am Heiligen Abend in der Früh und haben die Schachteln vor die Tür g’stellt und ‘klopft, damit die sich freu’n, die Kinder. Das war furchtbar da drinnen, eine fürchterliche Armut, die kann man sich gar nicht vorstellen.

N.E.: Was haben S’ da die Familien ‘bracht? Was zum Essen?

K.S.: Ja, was zum Essen, Keks [...]. Und die Spielsachen für die Kinder. Das haben wir a paar Jahr g’macht. Eigentlich war’s ein Erlebnis, manchmal hat’s so g’schneit wie jetzt, manchmal hat’s g’regnet. Wie’s halt früher verschieden war. Da sind wir dann raus, dann sind wir müde heimkommen mittags, dann haben wir uns niederg’legt, dann haben wir g’schlafen und dann is’ die eigene Feier g’wesen. Da is dann natürlich richtig g’feiert word’n. Die Armut war riesengroß. [...] Schön war meine Kindheit trotz alledem. Wir haben a große Freiheit g’habt. Naja, und haben natürlich für die ander’n Kinder g’sammelt und ihnen geben. Selber nicht viel g’habt, aber was wir g’habt hab’n, das hab’n wir geteilt. Es war bei den roten Falken so üblich, dass wir, wenn wir fort’gangen sind zum Beispiel, hat jeder was mitgebracht von daheim, ist alles z’sammg’legt worden und der eine hat mehr g’habt, der andere weniger, der andere was Besseres, der andere nicht, das ist also ganz gemeinschaftlich aufgeteilt worden, das hab’n wir so g’lernt. Das hab’n wir dann auf Weihnachten so geübt, bei den Geschenken. Das war so, dass sogar das Stille-Nacht umgedichtet worden ist. Die erste Strophe kann ich noch.

N.E.: Wie ist die ‘gangen?

K.S.: Stille Nacht, weihe Nacht, Bergmanns Kind nicht bedacht Mit den Freuden der Weihnachtszeit. Da ist die Krippe und der Not zu [...] Schläft die Armut auf Stroh.

Das war das Gedicht, weiter kann ich nimmer, aber das müsst schon noch wo zu finden sein. Das ist meiner Meinung ein guter Ausdruck: Die Bergleute hab’n alle damals schlecht g’lebt. In Mitterberghütten ist die Kupferhütte von Krupp zugesperrt worden ‘28. Dann ist natürlich dort auch die Not ausgebrochen. Am Land, was ich so weiß, da war halt üblich, dass man in d’Mettn gang’n is’. Wir sind eh nicht einigang’n, wir hab’n uns umeinander getrieben heraußen, da hab’n’s ka Freid g’habt. Oder wir sind am Kirchenturm auffi und hab’n die Glock’n bewegt zur Unzeit. Da hab’n wir halt Schabernack ‘trieben und Gaunereien. Aber es war halt am Land was anderes. Die Leute, die waren damals halt sehr christlich und Außenseiter hab’ns schwer g’habt. Leute, die nicht mit der Kirche mitgetan hab’n, und so, die hab’n’s halt, weil’s Brauch war, mitgetan.

Ich hab einige kennen gelernt, wie ich so 16, 17 Jahr alt war, da war schon die Schuschnigg-Zeit, der Faschismus da. Da sind wir halt mit’gangen in d’Kirchen und hinterher hab’n die Leut halt gesagt: „Wir müssen, wir müssen, sonst haltens wir ja nicht aus da in der Gemeinde.“ Es hat schon ein paar ‘geben, die sich dagegen gestellt haben. Ich war dort sogar im Arbeiterturnverein, nachdem mein Bruder geturnt hat. Da war das übliche Weihnachten halt, das christliche Weihnachten, weil’s einfach Brauch war. Viele nicht, weil’s ‘glaubt hab’n, sondern weil’s der Brauch war.

N.E.: Ihre Eltern, sind die in die Mette ‘gangen?

K.S.: Ja, meine Mutter is’ mit mein älteren Bruder hingegangen und dann sind’s spazieren ‘gangen, wenn’s gar war, dann sind’s wieder heim’gangen. Sind’s zur Kirch’n ‘gangen und heim’gangen. Des hat g’stunken in der Kirch’n! Fürchterlich! Da waren die Besoffenen drinnen, angebrochen. Da hat’s fürchterlich g’stunken drinnen, dass net feierlich war.

N.E.: Hat’s irgend etwas Besonderes zum Essen ‘geb’n immer z’Weihnachten?

K.S.: Ja, da hatten wir Glück, weil meine Mutter hat immer ein Schwein geholt, bei einer Freundin in Altheim [Innviertel]. Meistens allein, und da hat’s halt natürlich schon was ‘geben, a Schweinefleisch, Blutwürste und so was. Hunger hab’n wir nicht gelitten, das muss man sagen. Aber wir hab’n immer mehr g’habt, durch diese Möglichkeit von ihren Großeltern, ihren Eltern, meinen Großeltern, etwas zu bekommen, sodass wir da keine Schwierigkeiten gehabt hab’n. Aber ich hatte halt Mitschüler, die wirklich trockenes Brot g’habt hab’n und die Butter nicht gekannt hab’n. Und daher hab’n wir auch diese Gemeinschaftsaktionen immer gemacht.

Des war schon schwierig! Eisenbahner hab’n ja a fixes Gehalt g’habt, die hatten ja den Vorteil gegenüber die Arbeitslosen, die waren ... Es war ja a große Arbeitslosigkeit, das muss man sich einmal vorstellen. Des war ja die Zeit Anfang der 30er-Jahre, wo am Freitag der Bettlertag war. Da sind die Arbeitslosen in die Geschäfte ‘gangen, die Geschäftsleut hab’n scho’ zwei und zwei Groschen hingelegt g’habt, Stückerln, sind’s einigangen, hab’n sie des Stück, des erste Stück, g’nommen, sind ‘gangen zum nächsten G’schäft, so sind a paar Schilling z’sammen’kommen. Des war üblich damals, in der Zeit, in der großen Arbeitslosigkeit. Des waren ja 600.000 Arbeitslose, da waren die gar nicht gezählt, die nichts g’habt hab’n, war’n ja viele ausg’steuert.

Es hat viele gegeben, die sind als Wanderburschen durch Österreich gezogen, mit der Gitarre hab’n’s g’sungen, und da ist ihnen halt was ‘geben worden, 10 Groschen, 20 Groschen hab’n die Leute hergegeben. Des war damals so üblich. Ich weiß vom Salfenauer, dem Bürgermeister Salfenauer, der hat das ja mitgemacht. Sein Vater war sieben Jahre arbeitslos. Der hat zuerst in einer Kellerwohnung g’wohnt, bei der Plainschule draußen, und dann in einer Hinterhofwohnung, wo’s den ganzen Tag Licht braucht hab’n, in Maxglan. Die waren so arm ..., mit seiner Mutter [ist er], nur damit’s was z’Essen hab’n, in die Ausspeis‘ von die Arbeitslosen ‘gangen, in Schallmoos damals, in der Glockengassen. Damit’s endlich wieder mal was Warm’s kriegten. Seine Mutter, die war Lehrerin, eine intelligente Frau war des, die hat mit’m Klavierspielen a paar Groschen dazu verdient, aber sieben Jahr arbeitslos! Kann man sich das vorstellen heute wie die Leut g’lebt hab’n ? Bescheiden! [...]

Unser Weihnachten war halt manchmal sehr traurig. Vor allen Dingen für die Eltern, weil’s nichts für die Kinder ‘geb’n hat. Natürlich hat der Alkohol bei manche a große Rolle gespielt. Bei die Arbeitslosen vor allen Dingen. – Was soll ich Ihnen noch erzählen? Da hab’n wir halt abends unser Weihnachtslied g’sungen, dann is verteilt worden: Backwerk und Keks. Und a Beischl oder irgend so was. Lingerl hab’n wir g’sagt, Beischel is a moderner Ausdruck. Des war unser Hauptspeis damals. Lunge war billig, hab’n wir überhaupt oft ‘kriegt. Wia g’sagt, hat die Mutter an Tag vorher scho des Schwein heim’tragen. Des is dann gesurt worden, des Schweinefleisch gesurt, sodass es lang hält. G’frierschrank hat’s ja alles noch nicht ‘geben. – Und Würst, Blutwurst g’macht. Die hab’n wir dann halt so zum Essen gekriegt, aber nicht jeden Tag. Des war ein Sonntagsessen.

N.E.: An Christbaum hab’n S’ aber schon g’habt?

K.S.: Ja, Christbaum hab’n wir g’habt, den is meine Mutter oder mein Vater stehlen gangen im Wald. Da hab’n s’ aufpassen müssen, dass‘ der Förster nicht dawischt, die war’n damals hochaktiv, de Förster. Ja, hab’n wir scho g’habt, an Christbaum.

N.E.: Wissen S’ noch, mit was der g’schmückt war? Was war’n da oben?

K.S.: Kerzen waren ob’n und so Schmuck, Spritzkerzen und so Zeig halt, und a bissl a Lametta. So wie’s halt üblich war. Wie’s heut’a noch üblich is, nur nicht so reichhaltig wie heute. Heut machen’s ja die Christbäume reichhaltiger. Naja, manchmal hat’s Würstl gegeben. A Würstlsuppen hat’s auch ‘geben, war scho seltener.

N.E.: Die gibt’s bei uns a immer noch. A Würstlsupp’n mit Nudeln.

K.S.: Mit die Nudeln ja, des war so üblich. Oder es hat a Beuschl geben, wenn s’ eines g’habt hat. Des war’n die üblichen Weihnachten. Wie wir noch kleiner waren, sind wir immer in’s Bett geschickt worden. Noch in Bischofshofen drinnen in d’Kirchen ‘gangen. Es is so, dass viele im 23er Jahr, wie der Seipl damals, Prälat Seipl noch Bundeskanzler war, einer der führenden ÖVP-Funktionäre, sind ja viele von den Sozialdemokraten aus der katholischen Kirche ausgetreten und sind altkatholisch ‘worden. Die Altkatholische Kirche – die hat ja alle aufgenommen. Die war nicht so streng, nicht, die war liberaler. Obwohl s’ altkatholisch g’heißen hat, des war nur der Name. Ich war jahrelang altkatholisch. Unterschiede waren, dass den Papst nicht anerkennen. Sie wissen, dass im 70er Jahr, voriges Jahrhundert, oder 71, wie die Unfehlbarkeit des Papstes festgelegt worden ist, haben sie des abgelehnt. Vor allen Dingen die Holländer, von dort is des aus’gangen. Und die Marienverehrung hab’n sie nicht ausgeübt. Aber sonst is dort [...] genau so [...] da sind wir nicht ‘gangen.

Viele sind daneben auch Freidenker gewesen. [...] und Kirchenbeitrag war keiner, weil des hat der Staat damals zahlt. Und viele sind bei den Freidenkern gewesen. Die sind gegen die Kirche eingestellt gewesen. Es hat sogar eine Zeitung ‘geben, die „Leuchtrakete“ hat s’g’heißen, [...]. Ich hab die Zeitung immer aus’tragen, wir hab’n s’ natürlich a ang’schaut. Ja, so war des. Des war’n die Verhältnisse. Wenn der 1. Mai-Umzug war, sind immer viele Leut’gewesen, weil die meisten mit’gangen sind. Da hab’n wir uns den ersten Teil ang’schaut, dann sind’s rein’gangen und mitmaschiert. Des war a rote Gemeinde, a Eisenbahner-Gemeinde.

N.E.: Im Austro-Faschismus, hat’s da dann nicht irgendwie Probleme geb’n?

K.S.: Ja, in Bischofshofen, hat’s natürlich Probleme geb’n. Alles war aufgelöst worden. Und man hat da Leut’ entlassen bei der Eisenbahn. Funktionäre. Man hat sie nicht entlassen, man hat sie frühpensioniert mit der Mindestpension. Außer die, die s’ eing’sperrt hab’n. Ich bin ja ‘32 nach Salzburg, nachdem mein Vater Zugführer worden ist. [...] Naja, da war’s schon in der schwarzen Zeit nicht einfach. Die mussten alle zur Vaterländischen Front geh’n, die Eisenbahner. Mein Vater war einer von die Letzten, der dazu ‘gangen is. Dann hat er sich das rot-weiß-rote Fahndl, des da umtun hab’n müss’n, all’wei’ so dreckig g’macht, dass man’s nicht g’seh’n hat. Des weiß ich noch, ja. In der Nazi-Zeit hab’n s’ ihn dann eh eing’sperrt, und is’ nimmer heimkommen. Naja, wir hab’n halt unsere Gruppe weiterg’führt in der Illegalität. Bis zum 39er Jahr, bis alle eing’ruckt sind.

N.E.: Und wie hab’n S’ dann zu der Zeit, wie S’ schon in Salzburg war’n, Weihnachten verbracht?

K.S.: Wir sind halt immer nach Altheim heimg’fahren. Ich war all’wei’ froh, wenn wir wieder heimkommen sind.

N.E.: Wieso?

K.S:: Es hat mir nicht g’fallen. A wenn wir viel Freiheit g’habt hab’n da, auf die Dauer war des nichts. Die Freunde war’n da [in Salzburg], lauter Freinde. Ja, was soll ich noch erzählen? Ich war in Salzburg da und a illegale Jugendgruppe [haben wir] g’habt. Da hab’ ich die ganze Zeit die Jugend in Bürmoos betreut. Da war die Glashütte gesperrt. [...] Da war’s FÜRCHTERLICH, da war’s FÜRCHTERLICH. Da hat man fast Gummistiefel anzieh’n müssen. Überhaupt kein Komfort. Wenn man heute Bürmoos sieht, is’ des a wunderschöne Stadt g’worden. Aber damals, des war furchtbar. Und die Armut, die hat man g’rochen, die Armut hat man g’rochen dort. Die hab’n auch äußerst bescheiden Weihnachten g’feiert.

N.E.: Wie denn? Was hab’n die da g’macht z’Weihnachten?

K.S.: Die hab’n a einen Christbam g’habt. Hab’n an Christbam g’stohlen aus’m Wald. Und a bissl a Lametta, des is halt noch da g’wesen. Aber die hab’n Weihnachten, was mir die erzählt hab’n, a Suppn kriegt und aus. Des war so üblich. Die armen Leut war’n halt doch die Arbeiter. Genauso Schneegattern, des is in Oberösterreich, da war’n [...] böhmische Musikanten. [...] Die böhmischen Musikanten war’n in der Arbeitslosigkeit, die hab’n auf der Straß’n g’spielt, so wie heute a. Damals war wirklich so a große Armut. Und die hab’n allwei g’spielt. Und die hab’n a bissl mehr bekommen als wie die, die einfach Betteln kommen sind. Ja, des war a harte Zeit damals.

Der Dollfuß hat g’sagt: „Aus einer Wursthaut kann man a noch a Supp’n machen.“ Des war damals a Aufregung, wie s’des g’sagt hab’n. Des müss’n S’ Ihnen vorstell’n, es hat ja noch keine Pension und keine Rent’n geb’n. Das Rent’ngesetz, des ‘27 beschloss’n wurde, des hab’n die Christlich-Sozialen durchgesetzt, des tritt nur in Kraft, wenn die Arbeitslosigkeit unter 100.000 liegt. [...] Da hat’s nichts gegeben. In Deutschland hat’s s’ geb’n, und ‘38 is’ dann mit Deutschland wieder eingeführt worden, für die Arbeiter. Die Ang’stellten hab’n schon eine g’habt, die Ang’stellten, des is seit 1919 nach dem Krieg gleich ‘kommen.

N.E.: Wann hab’n s’ Ihren Vater eing’sperrt?

K.S.: 1942, da hab’n s’ die Eisenbahner alle, tausend Eisenbahner im Land, eing’sperrt. 26 sind nimmer heimkommen. Mein Vater is damals g’storb’n im Zuchthaus.

N.E.: Des muss a schwierig g’wes’n sein dann für Ihr Mutter, oder?

K.S.: Die war ohne Einkommen, die war auch angeklagt, hat aber Glück g’habt, als der Hauptzeuge g’sagt hat, er kennt sie nicht, jetzt is sie aus Mangel an Beweisen freig’sprochen worden. Und war dann völlig ohne Einkommen, ich war eing’rückt, mein Bruder war auch eing’rückt. War völlig ohne Einkommen. ‘42 bis ‘45. Da hat s’ halt a bissl Jackerl g’strickt und so a bissl was dazu verdient. Des war a harte Zeit.

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