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4.22. Der nationalsozialistische 1. Mai (Christoph Kühberger)

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4.22.1. Der 1. Mai als „Nationaler Feiertag des deutschen Volkes“

Der 1. Mai als Aktionstag der Arbeiterschaft stammt aus den USA (1886) und wurde 1889 auf die europäischen Verhältnisse (Forderungen nach dem 8-Stunden-Tag, nach menschlichen Arbeitsbedingungen etc.) umgelegt. Der 1. Mai wurde zum Kampftag der Arbeiter/innen, auch wenn mancherorts bürgerliche, politische und kirchliche Traditionen verschmolzen.

Nach der nationalsozialistischen Interpretation wurde der 1. Mai („Tag der nationalen Arbeit“, später „Nationaler Feiertag des deutschen Volkes“) zum Tag der Überwindung der Klassengegensätze, die durch das NS-Modell der „Volksgemeinschaft“ zu verwirklichen war. Alle Arbeiter/innen würden für das höhere Ideal der Nation arbeiten, weshalb der durch Klassengegensätze vorhandene gesellschaftliche Unterschied zweitrangig war und abqualifiziert wurde. Viele Deutsche ließen sich von diesem Ideal, der Verbrüderung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, überzeugen und selbst die Gewerkschaften, die das NS-System in weiterer Folge abschaffte, begrüßten diese Entwicklung.

Die Nationalsozialisten deuteten das Fest zudem um, indem sie das Frühlingsfest mit einem (germanischen) Naturmythos umgaben. Erstmals drang politische Tätigkeit in lokales und überregionales Brauchtum ein und es entwickelte sich ein nachhaltiger politischer Folklorismus.

4.22.2. Der 1. Mai als Fest der „Volksgemeinschaft“

Als Österreich im März 1938 mit dem nationalsozialistischen Feiersystem gleichgeschalten wurde, konnten die neuen Machthaber noch von dem vorhandenen Anschlusstaumel profitieren und die Veranstaltungen zum 1. Mai wurden groß aufgezogen. Doch die Brüchigkeit dieses Systems zeigte sich schon ab 1939, als das öffentliche Interesse in Österreich zurückging und viele Bevölkerungsteile den Arbeiter/innen ihr traditionelles Fest überlassen wollten. Die NS-Regie versuchte sich daher, vor allem im ländlichen Raum, auf den Veranstaltungen bewusst „bäuerlich“ und „volkstümlich“ zu geben, um das Fest als wichtigen Bestandteil der „Volksgemeinschaft“ zu stabilisieren.

Ab 1940 fielen in Berlin aufgrund des Krieges die offiziellen Feiern weg, weshalb sich unter anderem in Salzburg eigene Formen der Feierkultur des 1. Mai entwickeln konnten, die sich jedoch nicht verfestigten. Denn die Feierlichkeiten orientierten sich üblicherweise nicht an lokalen Bräuchen und Interessen, sondern an einem vorgegebenen Ablauf, der mit den Veranstaltungen in Berlin gleichgeschalten war. Die wichtigsten Reden dieser Veranstaltungen wurden ins ganze Deutsche Reich übertragen. Nach einem morgendlichen Wecken, zumeist durch Angehörige der nationalsozialistischen Jugendorganisationen, fand eine Jugendkundgebung statt, die meist direkt in die offizielle Hauptveranstaltung mündete. Zum Ausklang der starren, politischen Veranstaltung wurden im Anschluss Volksfeste und Rummel veranstaltet.

Literatur

[Heuel 1989] Heuel, Eberhard: Der umworbene Stand. Die ideologische Integration der Arbeiter im Nationalsozialismus 1933–1935. Frankfurt am Main 1989 (Campus-Forschung 636).

[KorffG 1984] Korff, Gottfried: Heraus zum 1. Mai. Maibrauch zwischen Volkskultur, bürgerlicher Folklore und Arbeiterbewegung. In: Dülmen, Richard van; Schindler, Norbert (Hg.): Volkskultur. Zur Wiederentdeckung des vergessenen Alltags (16.–20. Jh). Frankfurt am Main 1984, S. 246–281.

[Kühberger 2000] Kühberger, Christoph: Grenzen der Inszenierung. Die Störanfälligkeit von NS-Veranstaltungen in Österreich. In: Jahrbuch des Oö. Musealvereines, Gesellschaft für Landeskunde 145/I (2000), S. 189–216.

[Rásky 1992] Rásky, Béla: Arbeiterfesttage. Die Fest- und Feiernkultur der sozialdemokratischen Bewegung in der Ersten Republik Österreichs 1918–1934. Wien [u. a.] 1992 (Materialien zur Arbeiterbewegung 59).

[Troch 1991] Troch, Harald: Rebellensonntag. Der 1. Mai zwischen Politik, Arbeiterkultur und Volksfest in Österreich (1890–1918). Wien [u. a.] 1991 (Materialien zur Arbeiterbewegung 58).

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