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11.22. Franz Zillner: Faschingszüge, Unterhaltungsspiele, Reime

11.22.1. Franz Zillner (1816–1896) (Ulrike Kammerhofer-Aggermann)

Dr. Franz Valentin Zillner (1816–1896)[4338] wurde am 14. Februar 1816 in der Salzburger Griesgasse als Sohn des Zimmermanns und Maschinenbauers Johann Anton Zillner und der Innviertler Bäckerstochter Ursula, geborene Lengauer, geboren. Er wuchs in Hallein im Kleuzhaus (Trockenboden für Fassdauben) auf, da sein Vater Baubeamter der Saline Hallein wurde. Ab dem 11. Lebensjahr besuchte er in Salzburg das Gymnasium, wohnte nach dem Tode des Vaters (1830) in der Döllerergasse und unterstützte die Mutter als Privatlehrer. 1932 erhielt er einen Freiplatz im Rupertinum und besuchte danach das Lyceum. Durch den Vater und seine Lehrer wurde er im Geiste der Aufklärung erzogen. Ab 1838 studierte er in Wien Medizin, hörte Vorlesungen aller Fakultäten und wirkte ab 1844 am St. Johanns-Spital in Salzburg als Arzt. 1848 erhielt er die Stelle des Irren- und Leprosenhausarztes und heiratete die Wiener Arzttochter Emilie Pohl (gestorben 1879), mit der er drei Kinder hatte: die als Kind verstorbene Emilie, Anna, die musikalisch tätig war, und Eduard, der als Gerichtsarzt in Wien wirkte (gestorben 1886).

Als Arzt reformierte er viel und war auch als Lehrer und Prüfungskommissär der chirurgischen Lehranstalt tätig. In den Kriegsjahren 1859 und 1866 leitete er interimistisch auch andere Spitäler und erhielt dafür das Goldene Verdienstkreuz. Ab 1870 war er Vorstand des Salzburger Sanitätsrates. Lange Zeit lebte er wieder in der Griesgasse, danach im Waisenhaus. Mit seiner Pensionierung 1893 (im 77. Lebensjahr!) übersiedelte er in die Arenbergstraße.

11.22.1.1. Geschichte und Modernisierung

Die 1848er-Revolution beflügelte auch Salzburg und Zillner wurde Gemeinderat (bis 1858) und Oberleutnant des Studentencorps; gleichzeitig wurden die liberale und intellektuelle „Salzburger Zeitung“ und der „liberale Club“ gegründet, in denen Zillner schriftstellerisch und heimatkundlich wirkte. Seine Aufsätze und Monografien sind zahlreich.[4339] 1860 gründete er mit anderen die „Gesellschaft für Salzburger Landeskunde“ (GSLK); Versammlungen ab 1856.[4340] Er arbeitete ihre Statuten aus, hatte den Plan zu den „Mitteilungen“ (MGSLK) und wirkte als Vorstand wie in anderen Funktionen (1871 Ehrenmitglied). Seine Arbeiten in den MGSLK zur Geschichte und Landeskunde sind zahlreich. Auch wenn sie stellenweise den Laien zeigen, so sind sie für ihre Zeit bedeutsam.

Für die Volkskunde als Quelle bedeutungsvoll ist sein Beitrag „Volkscharakter, Trachten, Bräuche, Sitten und Sagen, Ortsanlagen und Wohnungen in Salzburg“ im sogenannten „Kronprinzenwerk“, in welchem er im Vergleich sowohl den Stand vor 1848 als auch die auf das Revolutionsjahr folgenden Veränderungen festhielt. Auch in diesem Beitrag kommt sein klarer, unpathetischer Blickpunkt der Aufklärung deutlich zum Ausdruck.[4341] So finden wir bei Zillner eine beschreibende Schilderung des Vorgefundenen, die sich nicht in mythischen Vergangenheits-Sehnsüchten versteigt, sondern das Vorgefundene als eine mögliche Lebensweise darstellt. Der erhobene Zeigefinger des aufgeklärten Intellektuellen und das damit verbundene Bedürfnis zu reformieren, finden sich darin allerdings vielfach.

Weiters war Zillner Mitglied der Akademie der Naturforscher in Halle an der Saale und korrespondierendes Mitglied der „k. k. statistischen Central-Commission“ in Wien sowie weiterer Gesellschaften. Das entsprach den damaligen Gewohnheiten Intellektueller und zeigt, dass auch in Salzburg das Bedürfnis nach Forschung und internationaler Verschränkung groß war.

Zillner erlebte den großen Aufschwung Salzburgs mit: die Salzachregulierung, den Fall der Mauern, die Gasbeleuchtung der Altstadt, die Eisenbahn, die Anlage der Gehsteige wie einer modernen Wasserleitung (Fürstenbrunn 1875) und Kanalisation (die er aus hygienischen Gründen gefordert hatte)[4342] etc. etc.

Er war in jeder Hinsicht das Musterbild des aufgeklärten, neuen intellektuellen Bürgers seiner Zeit: wissbegierig und gebildet, in Bescheidenheit für das Gemeinwohl und dessen Kultur tätig, ohne eigene Ansprüche.

Franz Zillner schildert vielfach den Umschwung in Bräuchen, Sitten und Trachten, der sich zwischen 1848 und dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts vollzogen hat. In seinen Darstellungen mischen sich die Sehnsüchte nach der Pittoreske mit den Anliegen der Ethnografen, die „nationalen Besonderheiten“ einer Region darzustellen und nach deren Wurzeln im „naiven Denken“ der „einfachen Volksmenschen“ zu suchen. Daher zeichnet er besonders die Bräuche „im Gebirge“ auf und stellt sie phänomenologisch nebeneinander. Zillner, der als Sohn eines Dürrnberger Bergarbeiters geboren worden war, sieht vielfach aber auch kritisch sowohl auf die ländlichen wie städtischen Lebenswelten.

Auch das große Sammelwerk „Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild“[4343] hatte das Anliegen, eine ethno-, sozio- und geografische Darstellung der zwölf Völker und Sprachnationen der Monarchie und deren besonderer kultureller Leistungen zu sein. Besonders angeregt durch Kronprinz Rudolf von Habsburg (1858–1889) und schließlich unter der Patronanz seiner Frau bzw. Witwe herausgegeben, wird es auch als „Kronprinzenwerk“ bezeichnet.

11.22.2. Faschingszüge und „Bauernhochzeiten“[4344]

„Wiewohl sich die rechte Faschingslust nicht jedes Jahr einstellt, so hat sich doch die Sitte der Faschingszüge in den Vorstädten und Dörfern um die Hauptstadt in leidlichem Gange erhalten und auch die Halleiner haben in diesem Fache bisweilen sehr anerkennenswerthe Leistungen erbracht. Zu einem lustigen ‚Faschingsritt‘ sind erforderlich ein oder mehrere voraustollende Hanswurste, ‚Faschingsnarren‘, zu Fuß in ihren Abzeichen mit Peitschen, einer ‚Spritzbüchse‘ sammt Wasserfechter und anderem Vexirgeräth, dann eine Anzahl sinnbildlicher, komischer satyrischer Schaustellungen auf Wagen zur Augenweide, endlich der Faschingsherold zu Pferd mit dem ebenso lebhaft begehrten als von Andern gemiedenen ‚Faschingsbrief‘. Groß ist die Zahl der seit Jahrzehnten im Gedächtniß gebliebenen Darstellungen, unter denen die ‚Bauernhochzeit‘ wegen der unentbehrlichen Tanzmusik allezeit vorkommt. Es erschien wohl auch eine Schar Spielleute mit grotesken Schlangen, Drachen, aus denen lustige Weisen gehört wurden. Große Heiterkeit erregt stets die ‚Altweibermühle‘:


Was klappert so lustig im eifrigen Laufe?
Den Wagen umzingelt ein lachender Haufe:
Sie fangen der alten Weiber gar viel,
Und schütten sie auf die polternde Mühl’.


Die Weiber, die wehren sich, kreischen und krappeln,
Die Müller sind stämmig – was nützet das Zappeln,
Die Mühle die mahlet im rasenden Saus,
Es springen die hübschesten Mädchen heraus.

Angefahren kommt ein Schiff – in jüngster Zeit aus dem Franz Joseph=Land, Masten und Taue mit Schnee und Eis bedeckt, die Matrosen mit kleinen Öfen auf dem Rücken, der Kapitän in Pelz und Kapuze handhabt ein zehnfüßiges Fernrohr. Es fährt langsam vorüber, bleibt aber öfter im Eise stecken. Da nähert sich ein Wagen mit Rathsherren in Perücken und Zöpfen, es sind


Die Väter der Stadt,
Sie sitzen versammelt am Tische zu Rath,
Fest schlafen da drei mit bedächtigem Kopf,
Den übrigen wackelt der seidene Zopf.

Ein anderes Bild:


Zwölf Männer in Windeln, die sitzen und liegen, 
Als Glockenspielkinder in Stühlen und Wiegen,
Zwölf Zofen sie pflegen und füttern mit Koch,
Einschläfert die Kleinen das Glockenspiel noch.

Und abermals:


Vier Männer mit Bürsten, die waschen und putzen
Am schwarzen Stier mit gar wenigem Nutzen. – 

So dauert der Zug und es ergötzt sich die Menge. Da sammelt sich eine Schar um den Vorleser des Faschingsbriefes. Verübte Narrenstreiche, lustige Possen, die sich Nachbarn während des Jahreslaufes gespielt, ‚Hirschauerstücklein‘, ‚Aufsitzer‘, sämmtlich aus dem Kirchspielbereich, werden im Chroniktone, gereimt oder ungereimt, oft mit Nennung der Namen zum Vortrag gebracht, mit heller oder gemäßigter Stimme verlesen und belacht. Im Gebirge (Pinzgau) vertritt das ‚Faschingbauen‘ zum Theil den Faschingszug. Die Burschen fahren mit einem Pfluge durch den Schnee, ackern Zaunstecken aus, säen Sägespäne in die Furchen, treiben Muthwillen und setzen wohl bisweilen zuletzt den Pflug auf das Hausdach. Mittlerweile führen Bauer und Bauknecht oder Melcher ein satyrisches Gespräch über die Gewohnheiten, Neigungen oder Liebesverhältnisse der weiblichen Dienstboten im verflossenen Jahre. Im Pongau (um St. Johann und Goldeck) vertritt das ‚Kühtreiben‘ bei nächtlicher Weile die Stelle des Faschingbauens. Die Kühtreiber, bisweilen ihrer dreißig, führen Glocken, Bergstöcke, Pistolen, Flinten, große Peitschen mit sich, andere haben große Kuhköpfe aufgesetzt aus Pappendeckel, mit großen Augenspalten, durch welche Lichterschein ausstrahlt. Unter großem Lärm und Gebrüll nahen sie dem Dorfe, von einem Berittenen geleitet, welcher den Bauer vorstellt, der dann mit dem Melcher das Gespräch führt. Faschingbauen und Kühtreiben werden aber nur selten aufgeführt.“ (Seite 441–442)

11.22.3. Unterhaltungsspiele[4345]

Da Zillner die Unterhaltungsspiele anschließend an den Fasching mit den Frühjahrsbräuchen und -sitten nennt, seien sie hier zitiert:

„Die gewöhnlichen Unterhaltungs=, Preis= oder Geldspiele sind das (Stein=) ‚Platten=‘ oder ‚Hufeisenwerfen‘, das ‚Platzkegeln‘ und ‚Wandkegeln‘, das ‚Schmarakeln‘ oder ‚Kegelstechen‘ von einem wechselnden Standpunkte aus, das Eisschießen, Scheibenschießen. Das Wettlaufen mit den besonderen Formen des Eier=, Sack= und Hosenlaufens, das Ersteigen des Maibaumes. Veraltet sind die bäuerisch=rohen Spiele des Purrösselsprunges, Scheiterkliebens, Holztristens und selten ist das Fuchsprellen. Vor fünfzig Jahren wurde noch das Gesellschaftsspiel mit der ‚Hexenkarte‘ gespielt, jetzt ist kaum mehr ein ganzes Spiel mit allen ‚Briefen‘ aufzutreiben.“ (Seite 454)


„Hiez mach’ ma’r an Gsángl halt wiedar an B’schluß,
Wan a Ding gà koan End’ nimmt, is’s ár a Vadruß.“ (Seite 455) 

Diesen Reim zitiert Zillner am Ende seiner Abhandlung der Frühlings-Spiele und -Bräuche. Da Reime und G’stanzeln, Spottverse und freche Lieder den Fasching vielfach begleiten, zitieren wir nachfolgend, was 1889 Hermann Wagner – ebenfalls im sogenannten „Kronprinzenwerk“ – über Volksdichtung schrieb.

11.22.4. Hermann Wagner: Gelegenheitsdichtung[4346]

„Was der ‚Vater der baierischen Geschichte‘, Aventin, von den Baiern berichtet: ‚Das gemeine Volk singt Tag und Nacht beim Wein, tanzt, kartet und spielt, mag überflüssig Hochzeit, Todtenmahl und Kirchtag haben‘, das war auch für unser fröhliches Alpenvölklein so zutreffend, daß die Salzburger Chronisten Jordan und Steinhauser diese Bemerkung Aventins wörtlich in ihre Werke hinübernahmen.

Freilich ist unsere Kenntniß der weltlichen Volkspoesie älterer Zeit mehr auf Berichte angewiesen, erhalten blieb nur Weniges. [...]

Die Stelle des epischen Liedes vertritt heute in reicher Fülle das Gelegenheitsgedicht sowohl erzählenden als satyrischen Inhalts. Dem Hang zur Satyre traten schon frühe Verbote entgegen: 1469 wurde auf Ansuchen der Schneider ‚das böse Lied von der Gais‘ verboten; 1523 wird in Salzburg ein Spottlied der Lutherischgesinnten auf die Geistlichkeit im Volke verbreitet; wiederholte Verordnungen des letztregierenden Erzbischofs Hieronymus verbieten das Absingen ‚ärgerlicher Lieder auf geistliche und weltliche Obrigkeiten‘. Zur selben Zeit aber berichtet Hübner: ‚Wenn etwas Lächerliches vorkommt, werden lange Lieder gemacht‘. [...] Den Großtheil der weltlichen Lyrik unseres Volkes bilden die Schnadahüpfel. Obwohl in ihrer Mehrzahl in dem ganzen Gebiete der baierisch-österreichischen Alpen gleichmäßig verbreitet, haben manche dieser Vierzeiler doch auch locale Färbung; so wenn z. B. der Salzburger Bursche singt:


Im Salzburger Landl
Lebst überall schön,
Dearfst singa, dearfst schnaggln
Auf Gassl dearfst geh’n.“ (Seite 473 f.)

Was die heutige Volksmusikforschung und Musikethnologie dazu sagt, hat Gerlinde Haid treffend ausgedrückt: „In der Erotik sind die Volkspoeten Meister, das hat seinerzeit sogar Hofrat Franz Grillparzer, der sonst von Volkspoesie nicht viel hielt, festgestellt, indem er bemerkte, dass die Bauernburschen und Mägde, die sonst kein Wort zu sagen wissen, witzig, ja in ihrer Art geistreich werden, wenn das Gespräch auf verdeckte Zweideutigkeiten und Unanständigkeiten fällt. (Nach Hans Grasberger: Die Naturgeschichte des Schnaderhüpfls. Leipzig 1896, S. 5).“ „Was durch die Sprachspielereien der Gstanzln in erster Linie transportiert wird ist die Erotik. Bei den vielen Doppeldeutigkeiten, in denen die Volkspoeten Meister sind, ist oft schwer zu sagen, wo die gängigen Vergleiche aufhören, und wo die kreative Spielerei anfängt.“[4347] So ist der Inhalt der Vierzeiler Liebe, deftige Erotik, Spott, aber auch Zeit- und Gesellschaftskritik.

Und das meint der Brockhaus dazu: „Schnaderhüpfl, ursprünglich von den Bewohnern der Ostalpen als Einleitung zum Ländler gesungen, löste sich von diesem ab. [...] Schnaderhüpfl sind scherzhafte, oft improvisierte Vierzeiler auf eine bekannte Melodie, deren Reiz in der unerwarteten Abfolge verschiedener Aussagen in einem gereimten Verspaar steht.“[4348]

Otto Holzapfel hat sich mit dem Alter der Vierzeiler beschäftigt, die sich seit dem 16. Jahrhundert nachweisen lassen.[4349] Roland Girtler wieder hält das Gstanzl für einen „Hort der Unanständigkeit“. „Gstanzeln sind Symbole der Freiheit, denn sie widersetzen sich den Vorstellungen des braven Bürgers“, sie sind für ihn die Lieder der Landstraße und der Schenken, die sich schon im Mittelalter in Vagantenhandschriften, z. B. in den Carmina Burana, finden. 1812 zeichnete Haydinger die wilden vierzeiligen Spittelberger Lieder in fünf Bänden auf. Er ließ sie den Wiener Geschichtenschreiber Friedrich Schlögl lesen, dieser war entsetzt darüber: „die Haare standen mir zu Berge, als ich nur die ersten Stanzen las und ich klappte diese textierte Orgie errötend zu“, wie er 1882 in „Aus Alt- und Neu-Wien“ schrieb.[4350]



[4339] [Zillner 1871]. – Zillner, Franz: Studien zu berühmten Salzburger Geschlechtern in mehreren Bänden der Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde. – [Zillner 1885].

[4344] [Zillner 1889], hier S. 441–442.

[4345] [Zillner 1889], hier S. 454 und S. 455.

[4346] [WagnerHF 1889], hier S. 473 f.

[4347] [HaidG 1999], hier S. 8. – Vgl. [Grassmugg 1999].

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