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Kapitel 12. Interviews

Inhaltsverzeichnis

12.1. Leo Bauernberger: Tourismus – Traditionen und Strategien
12.2. Erwin Eder: Volkskulturelle Vereine, dörfliches Miteinander
12.3. Christine Eisl: Volkskultur im Hause Eisl
12.4. Sepp Eisl: Politiker, Bauer, Familienvater
12.5. Günther Essl: Zu Gast beim Krimpelstätter
12.6. Hadmut Glatz: Pfadfinder und Kindertänze
12.7. Ewald Hartmann: Zelt Gottes unter den Menschen
12.8. Bodo Hell: Schriftsteller, Senner, Querdenker
12.9. Franz Hochwarter: Tourismus: Vermarktung ja, Verkitschung nein
12.10. Alois Kanz: HE-MU: Die Salzburger Faschingsgilde
12.11. Heinrich D. Kiener: Braukunst und Volkskultur
12.12. Augustin Kloiber: Museen auf dem Land
12.13. Alois Kothgasser: Religiöse Bräuche und Kirche
12.14. Franz Meißl: Salzburger Traditionsschützen
12.15. Helmut Obermair: Höhlenbefahrungen – Sicherheit und Gefahr
12.16. Arnold Pichler: Lungauer Osterbräuche und ein Wallfahrtsmuseum
12.17. Karl Riegler: Rund um den Bauernherbst
12.18. Steffen Rubach: Überregionale Kulturarbeit
12.19. Manfred Sampl: Bräuche im Lungau
12.20. Franz Schausberger: Volks- und Festkultur in Salzburg
12.21. Georg Spindler: Die Salzburger Blasmusiker/innen
12.22. Hans Strobl: Heimatvereine im „Bauernherbstland“ Salzburg
12.23. Wolfram Weber: Volkstanz für alle
12.24. Alfred Winter: Regionale Kulturinitiativen und -projekte
12.25. O. P. Zier: Salzburger Bräuche – eine Identität?

12.1. Leo Bauernberger: Tourismus – Traditionen und Strategien

Leo Bauernberger (seit 2002 Geschäftsführer der SalzburgerLand Tourismus Gesellschaft, SLT), gab Marina Wimmer am 12. Dezember 2002 im Referat Volkskultur ein Interview.

Salzburg ist ein Tourismus-Land ersten Ranges. Inwieweit geht der Tourismus auf Kosten der Freiräume der Einheimischen?

Als Geschäftsführer einer Tourismus-Marketing-Organisation behaupte ich natürlich das Gegenteil, dass der Tourismus keine negativen Auswirkungen auf die Einheimischen hat. Zuallererst muss man sehen, dass der Tourismus 27 % unserer Wertschöpfung im Land ermöglicht und weiters, dass weite Teile unserer Gebirgstäler nach wie vor besiedelt sind und jene Leute, die dort leben, ein wirtschaftliches Auskommen haben. Über 20 % der direkten Investitionen in den Gebirgsgauen hängen direkt vom Tourismus ab. Der Tourismus gehört im Wesentlichen zu einer „weißen Industrie“ – nämlich ohne rauchende Schlote. Also: Wir sehen den Tourismus als essentielle Lebensgrundlage unseres Landes.

Als langfristige Strategie, unser Land natur- und umweltschonend zu nutzen, kommt der Tourismus meiner Meinung nach auch den Einheimischen sehr zugute. Der Einheimische findet eine weitgehend intakte Landschaft vor, und er hat die Vorteile, alle Infrastrukturen auch zu nutzen, die der Tourismus und die Tourismuswirtschaft investieren, organisieren und mit sich bringen. Ich glaube, das ist eine sehr positive Wechselwirkung zwischen diesen Faktoren. Wenn man das Salzburger Land mit anderen großen Ländern und Destinationen vergleicht, dann sieht man, welch ein Juwel wir hier eigentlich haben und dass die negativen Begleitumstände, die sich durchaus auch ergeben, meiner Meinung nach beherrschbar sind und in sehr geringem Ausmaß den Staat beeinflussen und schon zu verkraften sind.

Die größte Problematik in Kombination mit der lokalen Ausprägung ist der Verkehr. Die Mobilität möchte der moderne Mensch natürlich genießen und gerade in den Spitzenzeiten kommt es zu Beschränkungen und negativen Auswirkungen. Beim Thema Stau wird der Einheimische natürlich auch darunter leiden, aber ich denke, dass sich dieses Problem auf wenige Wochen im Jahr beschränkt und dass es nicht alleine dem Tourismus zuzuschreiben ist, sondern dem ganzen Wirtschaftsverkehr; Transit und fahrende Landstraße tragen natürlich ihren Teil dazu bei. Das Verkehrsproblem ist sicherlich ein Problem, wo der Tourismus verstärkend wirkt.

Ansonsten wird oft das Preisniveau kritisiert: Das stimmt punktuell, es ist aber weitgehend durch Untersuchungen belegt, dass gerade im Salzburger Land – nimmt man die Festspielinfrastruktur und Angebote heraus – das Preisniveau sehr normal ist, wenn man es mit internationalen Destinationen vergleicht. Das Salzburger Land ist ja nicht eine monokausale Insel, die sich nicht in ein Wirtschaftsgefüge weltweit eingliedern muss, sondern die Tourismus-Wirtschaft ist ein sehr umkämpftes Feld und da kann sich das Salzburger Land nicht ausnehmen. Aber insgesamt zählen wir zu einer Destination mit einem sehr guten Preis-Leistungs-Verhältnis. Was noch positiv ist: Der Tourismus bringt durch die Mobilität eine gewisse Internationalität in unser Land und das ist für die gesellschaftliche Entwicklung, wenn es zu Interaktionen zwischen Bevölkerungsgruppen kommt, sehr gut. Meiner Meinung nach trägt der Tourismus auch dazu bei, dass sich Länder, Völker, Nationen besser verstehen und kennen lernen – dem kann man durchaus etwas Positives abgewinnen.

Braucht der Tourismus Traditionen?

Man redet ja in diesen Zeiten sehr viel über Marken – und Marken sind das Wichtigste für ein nachhaltiges Wirtschaften in allen Bereichen. Länder- und Destinationsmarken können ohne traditionelle Wurzeln nicht existieren. Für mich sind die Wurzeln in der Tradition sozusagen die „Turbolader“ für eine bekannte und auch wahrgenommene Marke. Ohne Tradition würde es keine nachhaltige Tourismuspräsentation geben. Für mich ist es ein ganz wichtiger Punkt, dass wir sehr sensibel Traditionen für unsere Angebote im Tourismus verwenden. Es ist ein ganz entscheidender Punkt, diese Traditionen dem Gast zugänglich zu machen, sie aber andererseits nicht zu pervertieren und Traditionen nicht sozusagen auf dem „Altar des Tourismus“ zu opfern.

„Sound of Music“ ist eines der wenigen internationalen Wahrnehmungsfelder, welche das Salzburger Land zu bieten hat. Hier wird Salzburg mittransportiert, um das Land in einem positiven Licht darzustellen und eine positive Verbindung herzustellen. Ich finde hier nichts Anrüchiges, wenn man Erlebnisse vor Ort und Musikstücke aus dem Musical an den Originalschauplätzen präsentiert – keine Pervertierung, im Gegenteil: Es ist eine Erinnerung an eine Zeit, die sehr schwierig war und es kommen Gäste zu uns, die vielleicht sonst nicht gekommen wären, um unser schönes Land kennen zu lernen. Sound of Music bringt im Jahr zwischen 200.000 und 300.000 Gäste zu uns. Pervertierend wäre zum Beispiel, wenn ein Almabtrieb, der traditionellerweise ein Mal stattfindet, für Reisegruppen fünf Mal stattfindet. Das würde zu weit gehen. Hier muss man vorsichtig sein und darf die Dinge nicht auf die Spitze treiben. Aber das passiert Gott sei Dank kaum. Darum sind wir sehr bedacht, mit den Ressourcen sehr schonend umzugehen. Der Gast ist ja sehr reiseerfahren und in der Regel wird er immer gebildeter und demnach ist er sehr kritisch bei diesen Dingen, die darf man nicht übertreiben. Wir sehen, dass Dinge, die aus der Tradition heraus gemacht werden, bei den Gästen sehr gut ankommen. Diese Stimmung nimmt der Gast natürlich auch mit, was schon etwas ausmacht. In einer Zeit, wo viele Lebensbereiche und Angebote sich weltweit nivellieren und einheitlich von globalen Konzernen gestaltet werden, sind authentische Angebotselemente natürlich enorm wichtig und die Gäste suchen das auch. Wir merken, dass solche Programme eine starke emotionale Komponente bei den Gästen auslösen. Die emotionale Bindung macht das dann aus, dass man wiederkommt. Es ist nicht der Hamburger, sondern die „bäuerliche Kulinarik“.

Worin sehen Sie die zukünftigen Strategien der SalzburgerLand Tourismus Gesellschaft?

Wir versuchen, unsere Stärken auszubauen. Wir haben eine einzigartige Position, wo eine herrliche alpine Szenerie kombiniert mit hochkulturellem Angebot und städtischen Flair auf sehr engem Raum dargeboten werden kann. Das Thema Gesundheit ist ein Megatrend der Zukunft – hier wollen wir „Alpine Wellness“ noch stärker international vermarkten. Ich denke, die Kombination zwischen traditionellem Gesundheitsangebot mit alpinen Elementen, die starke Integration von Höhenlage – viele positive Gesundheitsaspekte entwickeln sich in der Höhe viel schneller – wollen wir in Zukunft stärker vermarkten.

Ein weiterer Bereich ist der der Kulinarik. Hier gibt es tolle Initiativen. Wir haben im Salzburger Land die höchste Dichte an Biobauern überhaupt in Europa – über 40 % unserer Bauern wirtschaften nach biologischen Kriterien. Wir haben die höchste Dichte an Haubenlokalen, wir haben das Salzburger Wirtshaus und die bäuerliche Kulinarik im Bauernherbst – all diese Facetten lassen uns prädestiniert erscheinen, diese Kulinarik unter einem globalen Dach stärker zu vermarkten.

Auf der anderen Seite wird es darum gehen, neue Großveranstaltungen ins Land zu bringen: die Olympia-Entscheidung steht im Sommer an; wir haben große Chance, die Rad-WM zu bekommen; es wird das Mozartjahr 2006 groß vermarktet. Es geht darum, das Salzburger Land mit internationalen Großevents immer wieder zu aktualisieren. Diese Strategie wird sehr stark forciert. Eine moderne und nachhaltige Tourismusdestination muss sich von Zeit zu Zeit – glaube ich – auf die internationale Weltbühne begeben. Wir haben das Gott sei Dank durch die Festspiele jedes Jahr, aber wir wissen, dass über 90 % unserer Gäste sich im alpinen Bereich aufhalten, das heißt, dieser Bereich darf hier nicht zu kurz kommen.

60 % der Wertschöpfung kommt aus dem Tourismus, der mit dem Schnee zusammenhängt. Wir haben hier eine sehr gute Position, die in den letzten zehn, zwölf Jahren stetig bergauf geht. Wir haben letztes Jahr (2001) mit fast 13 Millionen Nächtigungen den besten Winter überhaupt in der Geschichte der SLT gehabt. Das Salzburger Land hat in den letzten Jahren enorm viel investiert: es gibt den größten Skiverbund der Welt im Salzburger Land und – ich glaube – es gibt keine größere Skicard. Das sind alles Innovationen, die von uns ausgegangen sind und ich glaube, dass der Gast das auch honoriert. Wichtig ist in Zukunft auch Großveranstaltungen im Winter zu haben – heuer (2002) haben wir zum Beispiel kein Weltcuprennen. Wenn wir die Olympiade 2010 bekommen würden, wäre die Vermarktung für den Winter für die nächsten zehn bis zwölf Jahre gesichert. Und an dem arbeiten wir sehr stark.

Einer der Bereiche, die wir sehr stark ausbauen, ist die elektronische Vermarktung unserer Angebote. Wir sind gerade in der Endphase der Einführung eines landesweiten Reservierungssystems, das auch internetbasierend ist, wo der Gast weltweit auf alle Kapazitäten zurückgreifen kann – 75 % des Angebots sind jetzt in diesem System drinnen. In Zukunft ist es einfach wichtig, weltweit präsent zu sein und alle Kapazitäten verfügbar zu haben, um die steigende „Community“, die sich elektronisch Informationen sucht, holt und bucht, zu bedienen – so ist das in den nächsten Jahren ein sehr großer Schwerpunkt. Das andere ist, dass wir unter dem Titel „Salzburger Convention Büro“ dabei sind, alle Kongressinfrastrukturen zu einer einheitlichen Marketingvertriebsgesellschaft zusammenzuschließen. Kongresse sind sehr dankbar, da sie das ganze Jahr stattfinden, also auch außerhalb der Saison.

Ein Bereich, der mir sehr am Herzen liegt, ist die Gesinnung der einheimischen Bevölkerung zum Tourismus, um ihn auf einem guten Niveau zu halten. Wir machen auch regelmäßig Umfragen und je mehr die Einheimischen davon überzeugt sind, dass der Tourismus für unser Dasein wichtig ist, desto positiver stehen sie dem Tourismus gegenüber und desto gastfreundlicher ist man auch. Wir sind ja davon abhängig, dass sich alle Ebenen einer Gesellschaft dem Gast gegenüberstellen, ob nun Busfahrer, Ober im Kaffeehaus bis hin zur Feuerwehr etc., jeder hat mit Gästen zu tun. In den Hochzeiten der Ostöffnung gab es eine Phase, wo die Bevölkerung nicht mehr sehr positiv eingestellt war und es ist einfach schlecht, weil dann eine ungastliche Atmosphäre entsteht, die langfristig Gäste vertreibt. Wir sind daher sehr bestrebt, konsequente Informationsarbeit zu leisten, um die Bedeutung des Tourismus immer wieder zu artikulieren, aber auch Verständnis für diese „weiße Industrie“ zu gewinnen.

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