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11.7. Karl Adrian: Der Tamsweger Samson

Karl Adrian (Ulrike Kammerhofer-Aggermann)

11.7.1. Karl Adrian: Der Tamsweger Samson[4040]

Seit den ältesten Zeiten fällt im Lungau dem biblischen Helden Samson eine hervorragende Rolle zu; er bildet heute noch die Hauptfigur bei manchen Festzügen. Der Tamsweger Samson=Umzug am Nachmittage des Fronleichnamstages wird noch immer im ganzen in derselben Weise gehalten wie vor vielen Jahrzehnten. Der treue Beobachter und verständige Sammler heimatlicher Bräuche, Ig. von Kürsinger, hat in seinem sehr wertvollen Buche über den Lungau den Umzug des Samson so eingehend geschildert, daß seinen Ausführungen wohl wenig mehr beigefügt werden kann. Nachdem aber dieses Werk längst vergriffen ist und sich nur noch vereinzelte Exemplare im Besitze von Privaten oder Bibliotheken befinden, so möge wenigstens die Schilderung oberwähnter Sitte wieder weiteren Kreisen zugänglich werden.

Der Verfasser schreibt: „Am Fronleichnamstage nachmittags wird der Samson im ganzen Markt herumgetragen. Es ist dies eine Figur von ungefähr 5½ m Höhe, so daß er weit über den ersten Stock der Häuser hinaufreicht. Am Leibe trägt er ein langes, lichtgelbes Unterkleid (Tunika) mit einer lichtblauen an den Rändern bebänderten Jacke, über die linke Schulter herab ist ihm ein Krummsäbel umgehangen. Über dem rotbrüchigen, wohlgenährten Gesicht glänzt ein versilberter Kriegshelm, von bunten Schwungfedern umwallt und vorne mit einem sternförmigen Spiegel geziert. In der einen Hand hält er den Schaft einer langen Lanze ohne Spitze, in der anderen den bekannten Eselskinnbacken. In seinem hohlen Leibe steht ein Mann, auf dessen Schultern das schwere Gerippe dieser Figur ruht. Der Träger desselben muß ein sehr starker Mann sein und beim Vorschreiten muß er um so vorsichtiger sein, als er nur durch zwei am Unterkleide des Samson angebrachte Öffnungen zutage sieht und ein Sturz unter der schweren Last ihn erdrücken würde. Vom Träger des Kolosses bis zum Kopf desselben ist im Innern eine eiserne Stange durch den hohlen Leib angebracht, mittels dessen der bewegliche Kopf des Riesen sich nach links und rechts wenden kann. Vor und hinter ihm zog eine Abteilung uniformierter Bürger als Leibwache, an der Spitze des Zuges ging die Musik. Zu beiden Seiten gehen seine Edelfräulein, zwei weibliche Zwerge mit ungeheuren Köpfen; ihre Winzigkeit hebt die Riesengestalt ihres mächtigen Gebieters um so mehr heraus.“[4041]

Den Umzug des Samson schildert auch der Tamsweger Chronist [Andrä] Kocher „Die Tamsweger Prang mit dem Samson“ („Zeitschrift für österreichische Volkskunde“, 1896). Als kulturhistorischer Beitrag aus der Mitte des 18. Jahrhunderts möge die Stelle hier folgen: (Vor dem Samson) „gehen die Schizen. 1. Der Hauptmann mit einem Helmborten, 2. gehen 3 Fruaschizen (Fourier), 3. gehen 2 Trumelschlager und Pfeifer, 4. gehet der Herr Kabral (Korporal), der sie Kumadireth, 6. gehen 4 glider Schizen, in jedem glith 4 Man und auch 2 Kabral mit ihren Helmborten, 7. gehet der Sämson (Samson) ... (nach demselben) 8. gehet der Fenderich mit seinen schenen, großen Fahn, 9. gehen 2 Trumelschlager und Pfeifer, 10. gehet ein gemainer Kabral, 11. gehen 4 glider Schizen in ieden glid 4 Man, zu lätzt ein gemainer Kabral ... Die Schizen haben auch alle Rohte Rökh an und Kränähtirer (Grenadier=)Hauben auf, auch auf der einen Agsel den Sähbell und auf der andern die Patran Toschen gehanket ins Creuz.“

Wir geben wieder Kürsinger das Wort: „Meister Samson beginnt seinen Ausflug mit der Reverenz-Beugung vor dem Pfleggerichtsgebäude, dann zieht er zum Dechantshof, zum Marktvorstande und vor die Häuser jener, von denen er glaubt, daß sie Wohlgefallen an ihm haben. Wenn der Samson vor einem Hause ankommt, hält der Festzug und bildet um den großen Herrn einen Kreis. Die Musik beginnt mit einem Marsch und geht dann in einem steirischen Tanz über. Sobald Samson diese liebliche Weise hört, beginnt der alttestamentliche, schwerfällige Herr mit schwerem, pathetischem Schritte einen Steirer zu tanzen, während die ihm kaum an die Knie reichenden Zwerglein um ihren Gebieter herumwalzen.“

Die Sage geht im Volke, daß dieser Samson ursprünglich in Wölting gewesen ist, dessen Bewohner einst von einem Erzbischof dieses Samson=Privilegium erhalten haben, wegen der Tapferkeit, die sie in der Besiegung der Margarete Maultasch bei der Feste Turnschall bewiesen haben.

Der Samson dürfte als uralte Volksfeierlichkeit von den Kapuzinern nur verbessert worden sein. Chronist Kocher sagt, daß die von den Kapuzinern veranstalteten Prangtage am Fronleichnamstage sowie am Bruderschaftsmontag besonders durch die von ihnen eingeführten alttestamentlichen Figuren sehr feierlich gemacht wurden.

Er beschreibt bei Bezeichnung der Festordnung, welche jederzeit ein P. Kapuziner als eigener Prozessionsmeister geleitet hat, unter andern die Figur des Samson, indem er sagt: „7tens gehet der Sämson. Diesen muß ein starker Man Tragen. Der hat 1 fl. lan. Dieser Trager mus auch einen Firer haben, der ihn weisen mus, weil er nur bei zwei löchern heraussehen mus – Dieser Sämson ist gros und bei 12 schuah hoch, er ist gekleittet als wie ein Mensch, in der einen Hand hat er einen spieß auf der agsel, in der andern hat er ein Kaiwagen (Kinnbacken) bein. auch einen Säbel auf der Seiten. Den Kopf hat der Trager auf einen Stangel, das er hin und her Trähen kann, das der Kopf hin und herschauet. Der Trager hat iber den Rugen eine Eisenstang und (ist) um die mitten mit Riem zusammen gedornet.“

Später in seinem Traktatus „wie bei Prang widerum alles abkumen ist,“ erzählet der Chronist Kocher folgendes: „Die Figuren hat schon der Kuhmisäri Johann Senninger (fürsterzbischöflicher Archidiakonats=Komissär 1761–1769) abkumen lassen. Es hat ihnen alles vil zu lang gedaueret, und die Ochsen-Prang wolte ihme auch nicht gefalen. Da haben sie das Figuren firen sein lassen und nicht mehr gefiret. Darnach haben sie gehende Figuren eingestöllet und angekleidet, die alt Testamentische geschichten und Figuren vorstöllen als nemlich den Moise und Aron, Aberham und Isakh, den Goliath und Jutith und noch viel andere mehr, und das war wohl auch recht gar schen und das daueret bis auf das Jahr 1786. Da seint abgeschaffen die Procesianen und Prang Täg, die seint nicht mehr erlaubet als an den Franleichnamstag und auf den Suntag darauf zu Prangen. Und da ist auch nicht mehr verlaubet in der Prang zu haben als Jungfrauen, Bruderschaft Menner und die Handwerchs Zunften. An den Bruderschaft Montag wird die Prang gehalten, aber auch kein Schiz, kein Schus, kein Figur es seint Tragente oder gehente; alle Tragente Pilter, alles ist abgeschafen.“

Vogt, ein anderer Chronist, sagt weiter: „In diesem 1798ten Jahr ist der große neue Samson gemacht und zum erstenmal getragen worden. Allein im Jahre 1803 wurde er wieder abgeschafft.“

Da jedoch das Volk eine besondere Lust und Freude an diesem Samson fand, so wurden dessen Aufzüge bald wieder bewilligt und sie bestehen noch als letzter Rest der alten Prangaufzüge.

Ähnliche Aufzüge erwähnt Kürsinger auch von Muhr und Ramingstein. Die Muhrer leiten den Besitz des Samson aus den Zeiten der Margarete Maultasch und von dem Einfall der Ungarn ab. Weil die Muhrer sich so tapfer wehrten, so erzählt die Sage, erhielten sie das Recht, den Samson tragen zu dürfen, als Symbol der Kraft und Tapferkeit. Statt des Samson trugen die Ramingsteiner den riesigen Philister Goliath herum, der vom Hirtenknaben David begleitet wurde; dabei gaben sie den Kampf mit der Steinschleuder, wie er im alten Testament beschrieben wird, zur Schau.



[4040] [Adrian 1924], S. 144–148.

[4041] Anm. der Redaktion: Karl Adrian liefert hier, wie auch an weiteren Stellen, keine weiteren Belege.

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