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3.19. Weihnukka. Zwischen Assimilation und Vertreibung – Erinnerungen deutscher und österreichischer Juden an Weihnachten und Chanukka (Helga Embacher)

3.19.1. Kurztext[308]

3.19.1.1. Das Chanukka-Fest

Das Chanukka-Fest soll an den Kampf der Makkabäer gegen die Griechen im Jahr 165 vor unserer Zeitrechnung erinnern. Es wird erzählt, dass die gesetzestreuen Juden nur mehr einen einzigen Krug mit nicht verunreinigtem Öl vorfanden, als sie nach dem Krieg wieder in ihre Synagoge zurückkehrten. Doch dieser eine Krug reichte auf wunderbare Weise aus, um die Kerzen im Tempelleuchter acht Tage und Nächte brennen zu lassen.

Im Zentrum des Festes steht die Chanukka-Menorah, ein achtarmiger Leuchter, an dem täglich eine Kerze entzündet wird, bis schließlich alle acht brennen. Die Chanukkaleuchter sind seit der Antike geschichtlich belegt und gehören zu den beliebtesten jüdischen Brauchrequisiten.

Chanukka ist ein fröhliches Fest. Wie Weihnachten entwickelte sich auch Chanukka zunehmend zu einem Fest der Kinder, die beschenkt wurden und über die jüdische Geschichte belehrt werden sollten.

3.19.1.2. Weihnukka – Weihnachten und Chanukka

Die allmähliche Angleichung des jüdischen Chanukka-Festes an das christliche Weihnachtsfest begann im 19. Jahrhundert. Diese Angleichung war ein Ausdruck der bürgerlichen Emanzipation (Befreiung von Abhängigkeiten) und des zunehmenden Selbstbewusstseins sowohl der jüdischen als auch nichtjüdischen Bevölkerung. Als das Weihnachtsfest an religiösem Gehalt verlor, wurde es zu einem Familienfest mit Weihnachts- oder Tannenbaum und mit Geschenken. Die zeitliche Nähe des jüdischen Chanukka-Festes zum Weihnachtsfest, sein fröhlicher Charakter und die Ähnlichkeit der Brauchformen (Lichterbräuche) erleichterten die Annäherung an das christliche Weihnachtsfest. Dies war ein Prozess der Akkulturation (kulturellen Anpassung), der oft in einer totalen Assimilation (Angleichung) endete. Während im 19. Jahrhundert noch eine Annäherung des Chanukka-Festes an Weihnachten beobachtet werden konnte, wurde jenes im 20. Jahrhundert weitgehend durch das Weihnachtsfest ersetzt.

Den jüdischen Kindern kam bei der Angleichung an das Weihnachtsfest eine wichtige Rolle zu. In der Schule und bei nichtjüdischen Spiel- und Schulkameraden lernten die Kinder Advent- und Weihnachtsbräuche kennen. An den oft nichtjüdischen Kindermädchen und Dienstboten konnten die jüdischen Kinder christliche Bräuche beobachten und auch daran teilnehmen. Jüdische Eltern schickten beispielsweise ihre Kinder mit dem Kindermädchen in die Christmette. Diese Entwicklungen wurden von jüdischen Organisationen mit großer Skepsis verfolgt.

3.19.1.3. Weihnachten – das versteckte Fest

Weihnachten wurde von vielen deutschen und österreichischen Juden als ein selbstverständliches Fest gefeiert. Sie verstanden sich dennoch als Juden, auch wenn es zum traditionellen Judentum nur mehr wenig Beziehungen gab. Häufig wurden sowohl die wichtigsten jüdischen als auch christlichen Feste gefeiert, wobei in beiden Traditionen der religiöse Gehalt verloren gegangen war. Bei der Mehrheit der assimilierten deutschen und österreichischen Juden dürfte es sich um „Drei-Tage-Juden“ gehandelt haben: Sie feierten die bedeutendsten jüdischen Feste – Pessach, Yom Kippur und Rosch Haschanah – auf ihre Art. Da Chanukka nicht zu den wichtigsten jüdischen Festen zählte, konnte es offenbar leicht weggelassen bzw. durch Weihnachten ersetzt werden.

Interviewpartner/innen beschrieben Weihnachten auch als ein Fest, das heimlich, vor allem für die Kinder, stattgefunden hat. Eltern waren bemüht, ihren Kindern zu Weihnachten eine Freude zu bereiten und ihnen die Rolle von Außenseitern zu ersparen. Man fand viele Vorwände für das christliche Fest im jüdischen Haus. So wurde auf das christliche Dienstmädchen Rücksicht genommen und offiziell für dieses gefeiert. Den Kindern wurde auf diese Weise die Teilnahme am Weihnachtsfest ermöglicht. Aus unterschiedlichen Gründen plagte die Eltern dabei ein schlechtes Gewissen. Sie spürten offenbar auch die Verachtung jener Juden, die sich als bewusste Juden verstanden und die Übernahme des Weihnachtsfestes als Charakterschwäche betrachteten.

3.19.1.4. Weihnachten im Konzentrationslager und im Exil

Die Tragik der Assimilation von deutschen und österreichischen Juden zeigte sich ganz besonders in den Vernichtungs- und Konzentrationslagern. Die Nationalsozialisten reduzierten die Juden auf ihr „Jude-Sein“. Doch fühlten sich gerade assimilierte Juden von traditionellen Juden wie durch einen Graben getrennt. Sie konnten häufig nicht verstehen, dass orthodoxe oder traditionelle Juden auch unter Extrembedingungen, und oft unter Lebensgefahr, an jüdischen Festen und somit an einem letzten Rest von jüdischer Identität festhielten. Viele jüdische Häftlinge erlebten im Konzentrations- und Vernichtungslager das Weihnachtsfest häufig als Schikane. Beispielsweise wurden jüdische Häftlinge im Frauenlager Ravensbrück zu Weihnachten besonders bestraft, indem sie weder Brot noch ein Mittagessen bekamen.

Viele assimilierte Juden und Jüdinnen haben trotz der Vertreibung am Weihnachtsfest im Exil festgehalten und es sich auch von den Nationalsozialisten nicht nehmen lassen. Dennoch wurde ihnen die Freude daran, und somit der Sinn des Festes, genommen. Weihnachten war fortan eng verbunden mit schönen und furchtbaren Erinnerungen an die alte Heimat. Je weiter der Abstand von der Heimat war, je weniger Hoffnung auf eine Rückkehr bestand, umso trauriger gestalteten sich die Weihnachtsfeiertage, umso schmerzhafter wurde der Gedanke an die alte Heimat. Erinnerungen an die Zeit vor der Vertreibung, an ein geordnetes Leben mit einem geregelten Einkommen, ließen oft gerade in diesen Tagen Ängste vor der so ungewissen Zukunft aufkommen.

3.19.1.5. Leben nach der Shoah

Shoah ist die neuhebräische Bezeichnung für die Vernichtung der Juden während der nationalsozialistischen Herrschaft. Die wenigen Überlebenden Juden und Jüdinnen, die nach der Verfolgung nach Deutschland und Österreich zurückgekehrt waren, zeigten sich größtenteils weiterhin um eine Assimilation bemüht. Das traditionelle Judentum und somit auch die jüdische Festkultur blieb ihnen fremd. Den Überlebenden fehlte auch das Wissen um die jüdischen Bräuche. Durch die Ermordung des deutschen und österreichischen Judentums konnten jüdische Traditionen nicht mehr weitergegeben werden.

Das traditionelle jüdische Leben wurde vorwiegend von den aus Osteuropa zugewanderten Juden aufrechterhalten. Erst die zweite und dritte Generation der „österreichischen“ und „deutschen“ Juden zeigt seit einigen Jahren größeres Interesse am traditionellen Judentum, am Leben ihrer Großeltern. Auch in den verschiedenen Emigrationsländern – mit Ausnahme von Israel – finden sich nach der Shoah unterschiedliche Ausprägungen jüdischer Identitäten und Festkulturen. Im Unterschied zu den 1920er- und 1930er-Jahren haben Juden den Glauben an eine Assimilation in Deutschland und Österreich jedoch weitgehend verloren.

3.19.2. Langtext[309]

„Möglicherweise hatte mich, bevor ich selbst das Lied vom ‚Kuckuck aus dem Walde‘ oder ‚Alle Vögel sind schon da‘ zu singen vermochte, das Weihnachtslied ‚Oh du fröhliche‘ entzückt. Ich konnte es sogar auf meiner kleinen Papp-Ziehharmonika spielen. Warum sich aber nur die Christenheit freuen durfte, wollte mir damals absolut nicht einleuchten. Es war mir völlig unverständlich, welche Unterschiede hier bestehen könnten. […] Viele Jahre später haben mich dann die Worte aus eben diesem schönen alten Lied gerührt und erschüttert: ‚Welt ging verloren!‘ Die von uns geliebte Welt mit ihren Menschen, Städten und Dörfern, Bergen und Tälern – die unsere Heimat war – ging verloren.“[310]

Wie es der in Breslau aufgewachsene Gad Gerhard Röthler 1993 eindrucksvoll schilderte, verbinden viele assimilierte Juden und Jüdinnen heute noch mit Weihnachten ein Gefühl von Geborgenheit, Erinnerungen an ihre glückliche Kindheit, an eine noch heile Welt. Während des Weihnachtsfestes wurden sie aber auch auf ihr oft nur mehr schwer definierbares Anderssein gestoßen und die trotz aller Anpassungsbemühungen bestehende Kluft zwischen Juden und Christen wurde ihnen schmerzhaft zu Bewusstsein gebracht. Nach der Shoah konnten die schönen Erinnerungen an Weihnachten kaum mehr ausgekostet werden, denn diese verschmolzen unweigerlich mit den grauenvollen Bildern vom jähen Ende jüdischen Lebens in Deutschland und Österreich, von der Vernichtung dieser – ihrer – Welt.

3.19.2.1. Weihnukka – Emanzipation und Assimilation

In Deutschland und Österreich war die Assimilation der jüdischen Minderheit nur von kurzer Dauer. Der Liberalismus im 19. Jahrhundert ermöglichte Juden die Teilnahme an der bürgerlichen Emanzipation,[311] die durch den aufkommenden Deutschnationalismus, verbunden mit einem russischen Antisemitismus spätestens in den 1890er-Jahren bereits wieder gefährdet war.[312] Der in Deutschland 1933 allmählich, in Österreich 1938 abrupt erfolgte Ausschluss der jüdischen Bevölkerung aus der Gesellschaft wurde Ende des 19. Jahrhunderts sukzessive vorbereitet. Das Ende des Liberalismus und somit der liberalen Parteien bedeutete für die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung in Österreich und Deutschland letztendlich auch politische Heimatlosigkeit; viele schlossen sich entgegen ihren wirtschaftlichen Interessen den Sozialdemokratischen Parteien an.[313]

Der um 1800 einsetzende soziale Aufstieg der jüdischen Bevölkerung ging einher mit einer Verbürgerlichung des deutschen Judentums, die letztendlich Akkulturation und somit Anpassung an die deutsche Kultur und Lebensweise hieß.[314] Auch die allmähliche Angleichung des jüdischen Chanukka-Festes an das christliche Weihnachtsfest, die häufig so weit ging, dass das jüdische Fest vollständig durch Weihnachten ersetzt wurde, ist Ausdruck bürgerlicher Emanzipation, sowohl der jüdischen als auch der nicht-jüdischen Bevölkerung. Das wirtschaftlich erstarkte Bürgertum verlieh seinem zunehmenden Selbstbewusstsein auch durch eine eigene Festkultur Ausdruck. Dazu gehörte unter anderem die Inszenierung des Weihnachtsfestes mit einem Weihnachts- oder Tannenbaum und mit Geschenken. Das Fest verlor dadurch zunehmend an religiösem Gehalt und entwickelte sich zu einem bloßen Familienfest. Diese Entwicklung erlaubte auch eine formale und ästhetische Annäherung des jüdischen Chanukka-Festes an das ehemals christliche Weihnachtsfest, ein Prozess der Akkulturation, der oft in einer totalen Assimilation endete.[315]

Charakteristisch für diese Periode ist die wiederholt erzählte Geschichte über die Berliner Jüdin Fanny von Arnstein. 1758 in Berlin geboren, heiratete sie später den Bankier Nathan von Arnstein, mit dem sie in Wien lebte und im „Geiste der Aufklärung“ einen bekannten Salon führte. 1813 soll Fanny Arnstein in Wien den Weihnachtsbaum und den Brauch des Beschenkens eingeführt haben.[316]

Nicht nur die zeitliche Nähe des Chanukka-Festes – es wird ab dem 25. Kislew (November oder Dezember im christlichen Kalender) gefeiert – zum Weihnachtsfest, auch sein fröhlicher Charakter und die Ähnlichkeit der Brauchformen (Lichterbräuche) erleichterte die Annäherung. Chanukka ist ein nachbiblisches Fest und soll an den Kampf der Makkabäer gegen die Griechen im Jahr 165 vor unserer Zeitrechnung erinnern. Dabei wird erzählt, dass die gesetzestreuen Juden, als sie nach dem Krieg wieder in ihre Synagoge zurückkehrten, nur mehr einen einzigen Krug nicht verunreinigten Öls vorfanden, welcher wunderbarerweise aber ausreichte, um die Kerzen im Tempelleuchter acht Tage und Nächte brennen zu lassen. Auf Grund dieser Legende wird Chanukka acht Tage lang zu Hause und in der Synagoge gefeiert.

Im Zentrum des Festes steht die Chanukka-Menorah, ein achtarmiger Leuchter, an dem täglich eine Kerze entzündet wird, bis schließlich alle acht (eigentlich neun Kerzen, denn zum Anzünden der achten Kerzen wird eine eigene Kerze, der Shames, verwendet) brennen. Die seit der Antike historisch belegten Chanukka-Leuchter gehören zu den beliebtesten jüdischen Brauchrequisiten. Chanukka wird sehr fröhlich gefeiert, es ist ein jüdisches Fest, an dem weder gefastet noch Buße getan oder getrauert wird. Als traditionelle Festspeisen galten die „latkes“ (Kartoffelpfannkuchen) und glasierte Krapfen. Zu den häuslichen Belustigungen gehörte das Spiel mit dem Trendel, einem mit Buchstaben versehenen Kreisel. Wie Weihnachten entwickelte sich auch Chanukka zunehmend zu einem Fest der Kinder, die beschenkt wurden, aber auch über die jüdische Geschichte belehrt werden sollten.[317]

Gerade den jüdischen Kindern kam aber auch bei der Veränderung des Festes, der Angleichung an das Weihnachtsfest, eine wichtige Rolle zu. Kinder lernten Advents- und Weihnachtsseligkeiten bei ihren nichtjüdischen Spiel- und Schulkameraden kennen, sangen in der Schule gemeinsam mit den anderen Kindern die Weihnachtslieder oder wurden in der Schule sogar aktiv in Weihnachtsspiele eingebunden.[318] Eine besondere Rolle kam dabei den oft nichtjüdischen Kindermädchen und Dienstboten zu, an denen die jüdischen Kinder christliche Bräuche beobachten konnten und auch daran teilnehmen durften. Jüdische Eltern schickten beispielsweise ihre Kinder mit dem Kindermädchen in die Christmette.[319]

Jüdische Organisationen verfolgten diese Entwicklung mit großer Skepsis. Jüdische Zeitungen machten sich darüber lustig, dass an Chanukka-Leuchtern allmählich Tannennadeln zu wachsen begannen, bis diese schließlich vom Tannenbaum nicht mehr zu unterscheiden waren. 1919 karikierte die jüdische Zeitschrift „Schlemiel“ eine jüdische Familie, die sich unter einem brennenden Weihnachtsbaum versammelt hatte. Der Sohn, ein Mitglied des zionistischen Wanderbundes „Blau-Weiß“, wurde von seiner Mutter mit einer Menorah beschenkt.[320] Oder der bekannte Berliner Anwalt und Humorist Sammy Gronemann, der später in Tel Aviv lebte, erzählte noch in Israel folgenden Witz: Ein kleines jüdisches Mädchen schaute aus dem Fenster; als es den Weihnachtsbaum der Nachbarsfamilie erblickte, rief es erstaunt aus: „Mutti, die Christen haben auch einen Weihnachtsbaum!“[321]

Obwohl sich das deutsch-österreichische Judentum durch die Anpassung an die deutsche Kultur und Lebensweise immer mehr vom traditionellen Judentum entfernte, hielt es dennoch an einer jüdischen Identität fest. Vor allem der – wenn auch häufig ignorierte – zunehmende Antisemitismus führte Juden und Jüdinnen ihre Außenseiterrolle vor Augen. – „Während jüdische Traditionen und Gebräuche aus den Häusern verschwanden, entstand fast unbemerkt eine neue ‚Tradition‘, eine gemeinsame Art der Wahrnehmung der Umwelt und der Reaktion auf sie“, so die israelische Historikerin Shulamit Volkov.[322] Gerade an der Gestaltung und auch Ablehnung des Weihnachtsfestes lässt sich nicht nur die Heterogenität und der Grad jüdischer Emanzipation, sondern auch die innere Zerrissenheit weiter Teile der jüdischen Bevölkerung sowie die tiefe jüdische Identitätskrise des deutsch-österreichischen Judentums ablesen.

3.19.2.2. Absage an Weihnachten – eine gescheiterte Assimilation

Moritz Güdemann, der bekannte Wiener Oberrabbiner, konnte sich, obwohl von Herzl heftig umworben, mit den Ideen des politischen Zionismus noch nicht anfreunden. In seinen Memoiren schilderte er einen Besuch bei Theodor Herzl in dessen Wiener Wohnung:

„So ging ich am 24. Dezember [1895, H. E.] zu ihm in die Pelikangasse, ich glaube Nr. 16, wo er wohnte. Ich wurde in ein großes Empfangszimmer eingelassen und fand dort – man stelle sich meine Überraschung vor – einen großen Christbaum. Bald trat Herzl ein [...]. Die Unterhaltung – in Gegenwart des Christbaums – war schleppend, und ich empfahl mich bald.“[323]

Wie aus dieser kurzen Episode hervorgeht, feierte Theodor Herzl noch ein Jahr vor dem Erscheinen seines „Judenstaates“, womit er der modernen zionistischen Bewegung eine Grundlage gegeben hat, ungeniert das christliche Weihnachtsfest. Geboren in Ungarn, lebte Herzl später in Wien, wo er ein sehr assimiliertes Leben führte: Er versammelte sich nicht nur mit seiner Familie vor dem Christbaum und sang Weihnachtslieder, auch seinen Sohn ließ er nie beschneiden. Als Journalist der „Neuen Freien Presse“ wohnte er 1895 in Paris dem Hochverratsprozess gegen Alfred Dreyfus[324] bei. Doch nicht nur der französische Antisemitismus, sondern vor allem auch die Erfolge des antisemitischen Wiener Bürgermeisters Karl Lueger (von ihm stammt der Satz: „Wer ein Jude ist, bestimme ich.“) ließen ihn an der Assimilation zweifeln.[325]

Ähnlich vollzog sich Wolfgang von Weisls Wandel vom „Assimilanten“ zum Zionisten. Sein Vater, ein bekannter Wiener Hof- und Gerichtsadvokat und in seiner Jugend ein „gefürchteter Säbelfechter“, war von Herzls „Judenstaat“ tief beeindruckt, was vor allem auch das Familienleben und die Festgestaltung beeinflusste:

„Nach Erscheinen des Judenstaates schloß sich mein Vater sofort Herzl an. [...] Mein Vater zog aus der neuen Überzeugung sofort Konsequenzen. Zum Kummer meiner Mutter wurden Weihnachtsbaum und andere christliche Feste abgeschafft. Freitag abend wurde Kiddush gemacht und das Tischgebet gesprochen. An den Feiertagen ging man in die Synagoge, Jom Kippur wurde gefastet, die Kinder erhielten einen Hebräisch-Lehrer.“[326]

Wolfgang von Weisl war ein aktives Mitglied der rechts-zionistischen Bewegung Jabotinskys und galt in Palästina/Israel als einer der bekanntesten österreichischen Zionisten. Die Mehrheit der Juden und Jüdinnen stand dem Zionismus jedoch ablehnend gegenüber und glaubte weiterhin an die Möglichkeit einer Assimilation in Deutschland und Österreich; selbst überzeugte Zionisten zogen für sich selbst keine Auswanderung nach Palästina in Betracht. Dennoch befand sich das deutsche und österreichische Judentum vor allem durch den zunehmend stärker werdenden Antisemitismus in einer Identitätskrise. Wie der aus München stammende Schriftsteller Schalom Ben-Chorin schilderte, führte gerade das alljährliche Weihnachtsfest assimilierten Juden ihre innere Zerrissenheit vor Augen.

„Im übrigen feierte man die Feste, wie sie fielen, die Feste der Umwelt, vor allem Weihnachten, – und in der Weihnachtsnacht des Jahres 1928 fiel für mich die Entscheidung. Ich wollte dieses Fest, das für uns keineswegs die Botschaft von der Menschwerdung Gottes in der Krippe von Bethlehem beinhaltete [man stand dem Christentum wohl noch ferner als dem Judentum], sondern nur Ausdruck einer gedankenlosen Angleichung an die Formen der umgebenden Wirklichkeit war, nicht mehr mitfeiern. Ich hatte erkannt, daß ich den Weg nach innen anzutreten hatte, den Weg zurück ins Judentum.“[327]

Nach dem Hitlerputsch in München im Jahr 1923 verspürte Ben-Chorin erstmals einen auf ihn drohend wirkenden Graben zwischen Juden und Nicht-Juden. Fünf Jahre später sollte das Weihnachtsfest zum Wendepunkt im Leben des 15-jährigen Schalom Ben-Chorin, damals noch Fritz Rosenthal werden. Er glaubte für sich erkannt zu haben, dass es nicht möglich ist, am Judentum festzuhalten und gleichzeitig Feste der Christenheit zu begehen. Auch wenn es ihn schmerzte, musste er sich vom äußerst liebgewonnenen Weihnachtsfest, nunmehr aber als Symbol für eine oberflächliche Zugehörigkeit betrachtet, trennen.[328] Fritz Rosenthal verließ am Weihnachtsabend sein liberales Elternhaus, um fortan bei einer orthodoxen Familie zu leben. Die „Juden-Frage“ ließ ihn seither nie wieder los. Auch in Israel beschäftigte er sich immer wieder mit den Problemen der Assimilation, Heimatlosigkeit und christlich-jüdischer Verständigung.

Während Ben-Chorin den Weg nach innen antrat, sich mehr und mehr dem traditionellen Judentum annäherte und darin eine Alternative für christliche Feste fand, beschrieb der ehemalige Wiener George Clare den ihm von den Eltern aufgezwungenen Verzicht auf das Weihnachtsfest als einen großen Schock, er fühlte sich in ein Vakuum gestoßen.

„Es geschah an meinem sechsten Geburtstag. An diesem Tag verkündete mein Vater, daß es in Zukunft keinen Christbaum und keine Weihnachtsgeschenke mehr geben würde. Ich sei alt genug, ohne so etwas auszukommen. Schließlich seien wir Juden und mein Geburtstag sei ohnehin nur drei Tage vor Weihnachten.“[329]

Wie George Clare in seinen Memoiren festhielt, prägten vor allem zwei Kindheitserlebnisse seine jüdische Identität: der auf ihn befremdend wirkende Seder bei den Großeltern und die Abschaffung des Weihnachtsfestes, eine sehr schmerzhafte Erfahrung. Von den Eltern als eine Art Kompromiss protestantisch getauft, wurde George Clare sein Judentum nur durch Abgrenzungen und durch ein Gefühl von Fremdheit vermittelt. Dazu zählten auch die Verachtung der sogenannten „Ostjuden“ sowie der jiddischen Sprache.

Während Herzl, Weisl und auch Ben-Chorin im Zionismus oder im traditionellen Judentum eine neue Identität finden konnten, war dies vielen anderen Juden und Jüdinnen nicht möglich. Wie George Clare konnten sie dem zunehmenden Antisemitismus letztendlich kein positives jüdisches Selbstverständnis entgegensetzen.[330] So feierte die Familie Reischer keine christlichen Feste, und jüdische Feste wurden auf einen Besuch bei den Großeltern reduziert.[331]

3.19.2.3. Erinnerungen an Chanukka

Die Erinnerungen an das Chanukka-Fest sind stark beeinflusst vom jeweiligen jüdischen Bewusstsein. So verbinden Juden und Jüdinnen, die in traditionellen jüdischen Familien aufgewachsen sind, mit Chanukka oft schöne Kindheitserinnerungen, während bei Kindern aus assimilierten Familien das Chanukka-Fest mitunter ein Gefühl von Einsamkeit und Ausgeschlossensein wachrief. Bertha Reichenthal, deren Eltern erst im Ersten Weltkrieg aus Galizien nach Österreich geflüchtet sind, assoziiert mit Chanukka positive Erinnerungen. Als bewusste Jüdin hat sie nie in Frage gestellt, dass ihre Familie Chanukka und nicht Weihnachten feierte. Auch Leo Glückselig – er stammte ebenfalls aus einer traditionellen jüdischen Familie – erinnert sich an schöne Chanukka-Feste in Wien. Weihnachten wurde in seiner Familie nie gefeiert, was für ihn aber kein Problem darstellte.[332]

Manchmal wurden die Erinnerungen an Chanukka auch etwas verklärt, indem das Miteinander, das gemeinsame Feiern von Juden und Christen besonders betont wurde. Die ehemalige Wienerin Melusine Spieler erinnerte sich an gemeinsame Feste mit den nicht-jüdischen Nachbarn und Freunden:

„Wir haben nicht Weihnachten gefeiert, aber wir wurden immer eingeladen. Meine Eltern waren religiös, nicht fanatisch. Chanukka wurde gefeiert. Die hatten ihre Feste und wir haben unsere gehabt. Bei uns war keine Grenze zwischen Juden und Nicht-Juden, bei jüdischen Feiertagen wurden nicht-jüdische Gäste eingeladen.“[333]

In den Erinnerungen an das Chanukka- und Weihnachtsfest wird im Allgemeinen aber häufiger das Trennende als das Gemeinsame hervorgehoben. Die ehemalige Wienerin Jehudith Huebner verbindet mit dem Weihnachtsfest nicht nur ein Gefühl von Einsamkeit, sondern konkrete antisemitische Erlebnisse. In ihrer Familie wurden keine christlichen, sondern nur jüdische Feste gefeiert, weshalb sie von den Nachbarn ein Gefühl der Verachtung und Unzugehörigkeit vermittelt bekam.[334]

Auch wenn sich die Eltern bemühten, den Kindern im Chanukka-Fest einen würdigen Ersatz für das Weihnachtfest zu bieten, blickten diese oft traurig auf den Christbaum der Nachbarskinder. Clara Geissmar musste sich eingestehen, dass sie am Weihnachtsabend „recht neidisch war“ und sich „manchmal der Tränen nicht erwehren konnte“, wenn sie das „ärmste Nachbarhaus im Kerzenglanze erstrahlen sah“.[335] Die in New York lebende Schriftstellerin Mimi Grossberg erzählte, dass in Wien in ihrer Familie für die Kinder Chanukka gefeiert wurde, der Vater Weihnachten zu ihrem Leidwesen aber strikt ablehnte. Da sich die Kinder jedoch sehnlichst einen Weihnachtsbaum wünschten, schmückten sie im Keller heimlich einen Baum, wofür sie von den Eltern bestraft wurden.[336] Auch die in Deutschland aufgewachsene Ellen Ornstein verbindet mit Weihnachten ein Gefühl von Einsamkeit und Ausgeschlossenheit, obwohl die Eltern gerade deshalb sehr bemüht waren, Chanukka sehr festlich zu gestalten:[337]

„My father did not hold with Christmas and Christmas trees – so he made it always especially nice for us three girls at Chanukka. Lighting candles, giving us presents and making sure we sang ‚Mo aus zur‘ (God only knows how to spell that!!!) I always wanted a tree when I was a child – everybody else in school had one.“

Während Ellens Schwester nach der Vertreibung aus Deutschland in den USA das Weihnachtsfest mit einem Weihnachtsbaum zelebrierte, konnte sich Ellen selbst diesen Wunsch immer noch nicht erfüllen; ihr aus Österreich stammender, zionistisch eingestellter Ehemann zeigte kein Verständnis dafür. Erst nach seinem Tod wurde ihr Kindertraum wahr, doch nun war es zu spät dafür:

„I always put a lot of ‚Tannenzweige‘ on the livingroom table with candles on top for decorations – I had a boyfriend and we put up a tree for 3–4 years. And, you wouldn’t believe: it was too late. I didn’t like it anymore.“

Ellen Ornstein hat nicht nur als Kind unter ihrer Rolle als Außenseiterin gelitten, noch heute ist es ihr unangenehm, einem jüdischen Kollektiv zugeordnet zu werden. Ihre ambivalente Beziehung zum Judentum dürfte sich auch auf ihre Töchter übertragen haben: Beide besuchten eine katholische Schule und beschäftigten sich wenig mit ihrer jüdischen Herkunft. Während Lauren sich nicht mehr als Jüdin verstehen möchte, gehörte Beverly einige Jahre einem Tempelverein an und hielt einige jüdische Bräuche, wie Passover oder Chanukka. Zu Weihnachten aber lud sie immer Freunde zu einem „get together“ ein, was sie als „Christmas for Jews“ beschrieb. Auch Carol Bergman, der bereits in New York geborenen Tochter österreichischer Juden, wurde von ihren assimilierten Eltern eine für sie schwer definierbare jüdische Identität vermittelt. Auch sie wünschte sich als Kind einen Christbaum, um dazuzugehören:

„We were Jews, but what did that mean? We went to the synagogue from time to time, the boys were Bar Mizwahed, we lit the candles during Chanukah and sang songs. I wanted a Christmas tree like all my friends, and was told ‚No‘, but without much explanation. I felt different, sort of, but not desperately enough to worry about it. I was an American and in America everyone came from somewhere else.“[338]

3.19.2.4. Weihnachten, ein verstecktes Fest

Interviewpartner/innen beschrieben Weihnachten auch als ein Fest, das heimlich, vor allem für die Kinder, stattgefunden hat. Kurt Weihs – er stammte aus einer begüterten, bereits stark assimilierten Wiener Familie – erinnerte sich, dass Chanukka nie, Weihnachten hingegen „etwas versteckt“, mit keinem „großen Christbaum, nur so einem kleinen quasi Christbaumerl“ gefeiert wurde. Offensichtlich bereitete selbst diese kleine Feier den Eltern noch Schuldgefühle, denn die Geschenke mussten dem Buben „in aller Stille vom Kindermädchen im Kinderzimmer übergeben werden“.[339]

Wie auch Schalom Ben-Chorin bemerkte, fand man viele Vorwände für das christliche Fest im jüdischen Haus, und ein nicht unwesentlicher war das Argument von der Rücksicht auf das christliche Dienstmädchen.[340] Eine in Israel lebende Interviewpartnerin beschrieb ihre Familie als traditionslos, die weder christliche noch jüdische Feste feierte; mit Religion habe sie „nie etwas zu tun gehabt“. Um den Kindern dennoch die Teilhabe am Weihnachtsfest zu ermöglichen, wurde dieses offiziell für das Dienstmädchen gefeiert:

„Meine Schwester hatte ein Dienstmädchen und ein Fräulein bei sich wohnen und gemeinsam hat man einen Christbaum gemacht, das war bei uns üblich, vor allem bei meiner Schwester. Auch noch nach dem Krieg. Aber nur, um den Kindern das Schöne zu zeigen und um den Angestellten etwas Angenehmes zu tun.“[341]

Ähnliches berichtete der in Salzburg aufgewachsene Hugo Schwarz, dessen ursprünglich assimilierte Mutter Dora zu den ersten Zionisten zählte und noch vor 1938 nach Palästina auswanderte:

„Zu Weihnachten hatten wir keinen Christbaum, dazu war unsere Familie zu zionistisch, meine Mutter hätte das nie erlaubt. Wir Kinder durften in den Keller zu unserer Hausmeisterin und Köchin, der Frau Huber und ihrer Tochter Mizzi gehen und dort den Christbaum anschauen. [...] Ich wollte immer der Siegfried sein. Meine Mutter hatte es sehr schwer, mich vom Siegfried zum Simon umzuprogrammieren.“[342]

Eltern waren bemüht, ihren Kindern zu Weihnachten eine Freude zu bereiten und ihnen die Rolle von Außenseitern zu ersparen. Aus unterschiedlichen Gründen plagte sie dabei ein schlechtes Gewissen, und sie spürten offenbar auch die Verachtung jener Juden, die sich als bewusste Juden verstanden und die Übernahme des Weihnachtsfestes als Charakterschwäche betrachteten. Wie der in Wien assimiliert aufgewachsene israelische Historiker Walter Grab schilderte, wäre in seiner Familie Weihnachten nie gefeiert worden, und man blickte mit Verachtung auf alle Juden, die daran teilnahmen: „Da gab es eine Grenze. Ich hatte einen steinreichen Onkel, der nur übergetretene Juden um sich gehabt und Weihnachten gefeiert hat. Das hat meine Mutter nicht sehr gern gehabt.“[343]

3.19.2.5. Weihnachten wie alle anderen?

„Die Feste wurden gefeiert, wie sie fielen, und das Geschäftsleben brachte es mit sich, daß es sich dabei immer um christliche Feste handelte. Auch an den hohen jüdischen Feiertagen blieb das Geschäft geöffnet [...] Zu Weihnachten wurde zwar kein Baum aufgestellt, aber es fand eine Bescherung statt. Die religiösen Feste, der Schabbat, die Hagada, die Laubhütte usw. blieben mir bloße Begriffe, und ich wußte wohl, wann Weihnachten, aber nicht, wann Chanukka ist.“[344]

Wie Paul Mühsam zeigten sich viele deutsche und österreichische Juden bemüht, sich an das Leben der nicht-jüdischen Mehrheit anzupassen. Die wirtschaftliche Emanzipation erforderte nicht nur das Ablegen der traditionellen jüdischen Kleidung, die Annahme und Pflege der deutschen Sprache und Kultur, sondern auch das Leben nach dem christlichen Kalender, die Übernahme der christlichen Festkultur, wenngleich dabei der religiöse Sinn der Feste ausgeklammert wurde.[345] – „Wir haben Weihnachten gefeiert, aber das Jesusmotiv ignoriert“, drückte es Gaby Glückselig aus.[346] In der Wiener Familie Zipper wurde zwar ein Christbaum aufgestellt, doch an Stelle des Liedes „Stille Nacht, Heilige Nacht“ spielten Mutter und Sohn am Klavier klassische Musik.[347]

Während der religiöse Charakter des Weihnachtsfestes übergangen wurde, übernahmen Juden die kulturell gebundenen Weihnachtsbräuche der verschiedenen Regionen. Als ein ehemaliger Leipziger nach Israel einen Weihnachtsstollen zugeschickt bekam, erinnerte er sich an Weihnachtsbräuche in der alten Heimat:

„Gestern ist die große Überraschung angekommen! Ich war außer mir vor Freude. Nicht nur, daß die Stolle phantastisch schmeckt – es ist eine Sendung aus der alten Heimat und ein Stück meiner Kindheit. Auch meine Mutter, seligen Angedenkens, brachte das Brett mit den Stollen zum Bäcker ...“[348]

Auch Rolf Kralovitz verbindet mit Leipzig Erinnerungen an Weihnachten, wobei ihm die Kluft zwischen assimilierten und orthodoxen Juden bewusst wurde:

„Wir waren eine liberale Familie. Wir hatten einen Weihnachtsbaum mit Kerzen, Lametta und Schokoladenkringel. Meine Großmutter, mit der wir ja zusammen wohnten [...] hat, wie es damals noch üblich war, jedes Jahr im November alle Zutaten für die Weihnachtsstollen gekauft. Dann kam der Bäcker mit seinem Trog und knetete den Teig für eine größere Anzahl von Stollen unterschiedlichen Gewichts. [...] Ich erinnere mich, als ich noch klein war, kam auch mal ein richtiger Weihnachtsmann zu uns. Ich hatte vor ihm eine wahnsinnige Angst und hab mich an die Wand gedrückt. Es gab viele jüdische Familien, die Weihnachten nicht feierten, sondern statt dessen das Chanukka-Fest. Es fällt zeitlich in die Nähe von Weihnachten. In meiner Klasse in der jüdischen Schule fragte mich mal ein Junge: ‚Was hast du zu Chanukka bekommen?‘ Ich sagte: ‚Gar nischt!‘ Da meinte er: ‚Das kann nicht sein, jeder kriegt was zu Chanukka.‘ – ‚Ich nicht!‘ – ‚Kriegst du nie was geschenkt?‘ ‚Doch‘, sagte ich, ‚zu Weihnachten!‘ Da war der sehr erstaunt.“[349]

Gaby Glückselig kam der Unterschied zwischen assimilierten und traditionellen Juden erst während eines Weihnachtsfestes in der New Yorker-Emigration zu Bewusstsein. In ihrer Familie in Wiesbaden wurde Weihnachten ganz selbstverständlich gefeiert, und auch in New York stellte sie in ihrer Wohnung anfangs immer ein kleines Bäumchen auf. Als ihr ein Freund eine Weihnachtskarte mit einem orthodoxen Juden mit Davidstern und Christbaum schickte, setzte sie dem Brauch des Baumaufstellens etwas beschämt ein Ende. Ihre Mutter hingegen hielt weiterhin daran fest:

„Meine Mutter hat in New York bis zu ihrem Tod im Altersheim ein kleines Bäumchen gehabt. An einem ihrer letzten Weihnachten sagte die Nurse: ‚Jetzt geht es der Mutter wirklich schlecht, denn sie weiß nicht mehr was Chanukka ist.‘ Da mußte ich innerlich lächeln, denn dazu hat sie nie eine Beziehung gehabt.“[350]

Wenngleich viele deutsche und österreichische Juden Weihnachten als ein selbstverständliches Fest feierten und zum traditionellen Judentum nur mehr wenig Beziehungen aufwiesen, verstanden sie sich dennoch als Juden. Häufig wurden sowohl die wichtigsten jüdischen als auch christliche Feste gefeiert, wobei in beiden Traditionen der religiöse Gehalt verlorengegangen war. Während im 19. Jahrhundert noch eine Annäherung des Chanukka-Festes an Weihnachten beobachtet werden konnte, wurde jenes im 20. Jahrhundert weitgehend durch das Weihnachtsfest ersetzt. Bei der Mehrheit der assimilierten deutschen und österreichischen Juden dürfte es sich um „Drei-Tage-Juden“ gehandelt haben: Sie feierten die bedeutendsten jüdischen Feste – Pessach, Yom Kippur und Rosch Haschanah – auf ihre Art. Da Chanukka nicht zu den wichtigsten jüdischen Festen zählte, konnte es offenbar leicht weggelassen bzw. durch Weihnachten ersetzt werden.

Wie die Schauspielerin Helene Thimig über ihren Ehemann, den Regisseur Max Reinhardt, schrieb, war Weihnachten „das einzige Fest, von dem Reinhardt – neben wenigen jüdischen Feiertagen – Notiz nahm“.[351] Die New Yorker Schriftstellerin Stella Hershan erinnert sich nicht nur an Wiener Weihnachtsfeste, sondern auch an eine „gewisse jüdische Tradition“, die von der Großmutter gepflegt wurde. Diese bereitete an jüdischen Feiertagen bestimmte Speisen zu, unter anderem an Yom Kippur, dem jüdischen Fasttag (!), einen Wiener Gugelhupf. – „Yom Kippur ist für mich ein Gugelhupf zum Frühstück“, so Stella Hershan.[352] Bei manchen Juden und Jüdinnen kann auch eine „sozialistische Variante“ des Weihnachtsfestes beobachtet werden. Nach dem Ende des Liberalismus suchten in Deutschland und Österreich relativ viele Juden im Sozialismus, manche auch im Kommunismus eine neue politische und auch kulturelle Heimat. Die Übernahme der sozialistischen Festkultur erleichterte, vor allem nach dem Tod von Eltern und Großeltern, das Ablegen der jüdischen Tradition. Dazu schrieb die Psychologin Edith Foster:

„Meine Eltern waren Freidenker, Sozialisten, Pazifisten und Internationalisten. [...] Dem Namen nach waren sie Juden. Ich kann mich nur an zwei Besuche in einem Tempel erinnern: das erste Mal in den 20er Jahren, zu Tante Friedas Hochzeit, und bei meiner eigenen Hochzeit 1937. Zu diesem Zeitpunkt hatte die katholische austrofaschistische Regierung zivile Eheschließungen für ungesetzlich erklärt. [...] Wir waren assimilierte Juden. Wir feierten Weihnachten, Sylvester, den 1. Mai und den 12. November, den ‚Tag der Republik‘.“[353]

Henry Leichter, der Sohn der bekannten österreichischen Sozialdemokraten Käthe und Otto Leichter, erzählte, dass Weihnachten und Ostern bereits von seinen Großeltern gefeiert wurden. Bei seiner nunmehr sozialistisch eingestellten Familie kam dann noch der 1. Mai hinzu. Leichter betonte auch, dass Weihnachten ohne religiösen Charakter gefeiert wurde, „mit Geschenken, einer Gans und mit Würstl für die Kinder. Nachdem alle gemeinsam ‚Stille Nacht‘ (!) gesungen hatten, stimmte die Mutter am Klavier die ‚Internationale‘ an“.[354]

Konrad Fleischer schloss sich im Französischen Exil der Kommunistischen Partei an. In seiner Familie wurden noch die „wesentlichen jüdischen Feste“ gefeiert, als er Kommunist wurde, ersetzte er sie durch „christlich-sozialistische“: „In meiner Glanzzeit habe ich gehabt an Christbaum mit an Sowjetstern an der Spitze und ein großes Stalinbild im Zimmer.“[355] Die politische Entwicklung Osteuropas und auch die Politik der Kommunistischen Partei Österreichs ließen ihn mehr und mehr vom Kommunismus abrücken. In den späten 80er-Jahren begannen sich seine Töchter mit ihren jüdischen Wurzeln und somit auch mit der jüdischen Festkultur zu beschäftigen, was der Vater allerdings nicht ganz nachvollziehen konnte.

3.19.2.6. Das Ende aller Illusionen

Die 1933 in Deutschland und ab 1938 in Österreich einsetzende Verfolgung und Vertreibung führte der jüdischen Bevölkerung endgültig vor Augen, dass eine Assimilation in Deutschland und Österreich letztlich nicht möglich war, dass es sich bei der vielzitierten deutsch-jüdischen Symbiose um eine „negative Symbiose“[356], um eine einseitige Liebeserklärung gehandelt hatte. Gerade darin zeigte sich aber auch die Tragik der Shoah, dass sich viele Juden und Jüdinnen weiterhin als Deutsche und Österreicher und der deutschen Kultur zugehörig fühlten, dass sie ihre durch die Assimilation erworbenen kulturellen Muster und Normen nicht einfach ablegen konnten. Dazu zählte häufig auch eine gewisse Sentimentalität gegenüber dem Weihnachtsfest. Selbst im schwülen Shanghai, wo rund 20.000 deutsche und österreichische Juden oft noch im letzten Moment vor der nationalsozialistischen Verfolgung Zuflucht fanden, wurde in den 1930er- und 40er-Jahren Weihnachten gefeiert. – „Wenn mir damals jemand prophezeit hätte, daß ich einmal einen Christbaum im Fernen Osten sehen würde ...“, sinnierte ein österreichischer Emigrant in China.[357]

Wie es der in Österreich sehr assimiliert aufgewachsene Jean Améry ausdrückte, gehörten die christlichen Feste, namentlich die weihnachtliche Mitternachtsmette, zu seinen Erinnerungen, die sich nicht mehr auslöschen ließen.[358] Selbst nach seinen Erfahrungen in Auschwitz hatte er Zweifel, ob er nicht, selbst wenn er nach Israel ausgewandert wäre, am 24. Dezember an einen Weihnachtsbaum mit vergoldeten Nüssen denken würde. Für Jean Améry jedenfalls hatte sich „der Weihnachtsbaum aufgrund der ‚Nürnberger Gesetze‘ nicht magisch in den siebenarmigen Leuchter verwandelt“.[359]

3.19.2.7. Weihnachten im Exil

Aus den Tagebucheintragungen der bekannten deutsche Ärztin Hertha Nathorff[360] lässt sich nachvollziehen, wie Weihnachten – ein bisher für die Nathorffs selbstverständliches Fest – mit der Diskriminierung, Entrechtung und gesellschaftlichen Isolierung der jüdischen Bevölkerung an Glanz verloren hat und letztlich nur mehr als wehmütiges, trauriges Beisammensein erlebt werden konnte. 1934 berichtet Hertha Nathorff noch von Geschenken der Patienten, teilweise jedoch schon anonym, denn „sie haben Angst, ihren Namen in das Haus des Judendoktors zu schicken, er könnte ja gefunden werden, und dann – weh ihnen und ihren Männern!“ Trotz einiger Geschenke von Freunden hat sie 1936 bereits verlernt, sich „richtig zu freuen. Wir sind morgens mit dem Auto ein wenig hinausgefahren in den Grunewald! Aber das alles ist mir fremd geworden – es ist nicht mehr mein“.[361] Ein Jahr später verzichteten die Nathorffs dann auf den Weihnachtsbaum:

„Kein Baum, kein Lichterglanz in unserem Haus! Ich habe meiner alten Köchin ein Bäumchen in ihr Zimmer gestellt, sie mag sich daran freuen. Wir sitzen im engsten Freundeskreis beisammen, er ist kleiner geworden im letzten Jahr. Wir haben keine Weihnachtsfreude mehr.“[362]

1938, als ihnen in Deutschland die Lebensgrundlage endgültig entzogen worden war und sie sich immer gefährlicheren Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt sahen, feierten sie das letzte Weihnachtsfest in ihrer alten Heimat:

„Weihnachtsabend! Der letzte in unserem Heim. Kein Baum, kein Lichterglanz. Selbst meine alte Köchin hat es abgelehnt, in ihrem Zimmer ein Bäumchen zu haben. Auch Weihnachtsgeschenke scheinen ihr diesmal nicht so viel Freude zu machen, wie in früheren Jahren. Sie weiß ja auch, daß es die letzten Weihnachten nach 13-jähriger Tätigkeit in unserem Hause sind.“[363]

Der Familie Nathorff war es letztendlich gelungen, in die USA zu emigrieren, wo sie als Hilfsarbeiter langsam begannen, sich ein neues Leben aufzubauen. Zu Weihnachten 1940 hielt Hertha Nathorff in ihrem Tagebuch fest:

„Weihnachten. Gestern Abend brachte uns eine deutschamerikanische Bekannte, eine der wenigen, die wir hier bis jetzt kennengelernt haben, einen Kranz mit Lichtern. So leuchtete uns doch wieder Licht nach all den dunklen, trüben Tagen. Wir saßen still und friedlich daheim, alle drei auf dem schmalen Bett, fest aneinandergeschmiegt, und wir versuchten, die alten Weihnachtlieder anzustimmen. Und die Gedanken wanderten weit, weit hinüber in die alte Heimat. [...] Wir wollen nicht von drüben sprechen, wir wissen, es tut uns so weh, und heute ist Weihnachten. Feiertag. Wir gingen durch den Central Park.“[364]

Obwohl die Nathorffs – wie viele andere assimilierte Juden und Jüdinnen – trotz der Vertreibung am Weihnachtsfest festgehalten haben und es sich von den Nationalsozialisten nicht nehmen lassen wollten, wurde ihnen die Freude daran, und somit der Sinn des Festes, genommen. Wie eingangs bereits von Gad Röthler formuliert, war Weihnachten fortan eng verbunden mit schönen und furchtbaren Erinnerungen an die alte Heimat.

Auch Alice Herdan-Zuckmayer, die in Wien sehr assimiliert aufgewachsene Schriftstellerin und spätere Ehefrau von Carl Zuckmayer, erinnerte sich im amerikanischen Exil wehmütig an Weihnachtsfeiern in Österreich. Das Ehepaar Zuckmayer verbrachte einen Großteil des Jahres in Henndorf am Wallersee, wo sie auch an den Weihnachtsfeiern und -bräuchen der benachbarten Bauern teilnahmen. 1938 gelang ihnen die Flucht in die Schweiz. Mit neuerworbenen Schweizer Freunden feierten sie die ersten Weihnachten in der Emigration, eine „freundliche, wehmütige Weihnacht“. Je weiter sich das Ehepaar Zuckmayer auch geografisch von seiner Heimat entfernte und je weniger Hoffnung auf eine Rückkehr bestand, umso trauriger gestalteten sich die Weihnachtsfeiertage, umso schmerzhafter wurde der Gedanke an die alte Heimat. Die erste Weihnacht in den USA schilderte Herdan-Zuckmayer:

„... so bis zur Vollkommenheit unweihnachtlich, daß ich mich nur mit verwundertem Staunen und leisem Frösteln daran erinnern kann. Die Kinder verbrachten diese erste amerikanische Weihnacht im Osten, die Ältere in New York, die jüngere in ihrer Schule in Vermont. Wir saßen im Westen, fünftausend Kilometer entfernt, in einem italienischen Keller in San Francisco und versuchten, Weihnachten zu vergessen. In den Fenstern der Häuser standen Christbäume, mit bunten elektrischen Lichtern besteckt, die schon zwei Wochen vorm Weihnachtsabend allabendlich angeknipst werden und den Eindruck eines Faschingsfestes erwecken.“

Erinnerungen an die Zeit vor der Vertreibung, an ein geordnetes Leben mit einem geregelten Einkommen, ließen oft gerade in diesen Tagen Ängste vor der so ungewissen Zukunft aufkommen. So erlebten die Zuckmayers die Weihnachten von 1940 „schon etwas erholt und gebessert“, denn sie besaßen erstmals wieder eine eigene Wohnung und konnten das Fest gemeinsam mit ihren Kindern feiern. Doch selbst als sie in ihrem eigenen Haus in Vermont lebten, an alte Traditionen anknüpfend ein Weihnachtsbaum in der Stube stand, und sich der Duft von selbstgemachtem Weihnachtsgebäck im Haus ausbreitete, wollte zu Weihnachten noch immer keine rechte Freude aufkommen. Als Carl Zuckmayer seine Frau Alice fragte, ob sie sich auf Weihnachten freuen würde, gab sie ihm zur Antwort: „Freuen kann ich mich nicht, ich kann höchstens versuchen, mich nicht zu fürchten davor.“[365]

3.19.2.8. Weihnachten im Konzentrationslager

Die Tragik der Assimilation von deutschen und österreichischen Juden zeigte sich ganz besonders in den Konzentrations- und Vernichtungslagern. Obwohl von den nationalsozialistischen Verfolgern auf ihr „Jude-Sein“ reduziert, fühlten sich gerade assimilierte Juden von traditionellen Juden weiterhin wie durch einen Graben getrennt; sie konnten häufig auch nicht verstehen, dass orthodoxe oder traditionelle Juden auch in Extrembedingungen und oft unter Lebensgefahr an jüdischen Festen und somit an einem letzten Rest von jüdischer Identität festgehalten haben. Josef Gitler-Barski, Häftling im KZ Bergen-Belsen, notierte am 29. Dezember 1943 in sein Tagebuch: „Ein begabter junger Mann, Rozenperl, referiert anläßlich der letzten Chanukka-Kerze zum Thema ‚Judaismus und Hellenismus auf dem Hintergrund des Chanukka-Festes‘. Der Rechtsanwalt Rokman erzählt Chanukka-Erinnerungen aus seiner Kindheit.“[366]

Die Historikerin Sybil Milton schilderte, dass jüdische Frauen im Konzentrationslager improvisierten und sich als äußerst erfinderisch erwiesen, um heimlich Shabbathkerzen und zu Chanukka „dreidesl“ (Kreisel) aus kleinen Holzstücken herzustellen.[367] Jean Améry dagegen fühlte sich trotz aller Verfolgung und Folter von der jüdischen Tradition ausgeschlossen; sie blieb ihm selbst in den nationalsozialistischen Lagern fremd. Dies brachte er auch anhand der Beschreibung einer orthodoxen Chanukka-Feier im französischen Internierungslager Gurs zum Ausdruck:

„Ich kam mir angesichts des ergreifenden leidvollen Schreiens, zu dem der Singsang der Betenden sich steigerte, vor, als sei ich in eine andere und durchaus unheimliche Welt verschlagen worden. – Neben mir stand der Philosoph Georg Grelling. Wir blickten einander sprachlos und leider auch etwas beschämt an. Der feine Herr aus Berlin räusperte sich und sagte verlegen: ‚Es ist wie das Museum für Völkerkunde‘.“[368]

Jüdische Häftlinge erlebten im Konzentrations- und Vernichtungslager das Weihnachtsfest häufig als große Schikane. So wurden 1941 im Frauenlager Ravensbrück jüdische Häftlinge zu Weihnachten besonders bestraft, indem sie weder Brot noch ein Mittagessen bekamen.[369] – „Von den Weihnachts- und Neujahrsfeiertagen hatten wir sonst eigentlich gar nichts, vielleicht fielen weniger Bomben, es gab seltener Fliegeralarm, aber gearbeitet haben wir wie immer, sonn- und feiertags“,[370] erinnerte sich Lisa Scheuer. Für viele Häftlinge hinterließ vor allem der am Appellplatz aufgestellte Tannenbaum einen äußerst makaberen Eindruck, befand sich doch daneben der Galgen. Die in Wien lebende Schoschana Rabinovici verbindet damit folgende Erinnerung:

„An Weihnachten 1944 stellten die Deutschen auf dem Hauptplatz der Appellplätze im alten Lager einen schönen Tannenbaum auf, groß und mit bunten Kerzen geschmückt. Alle Häftlinge des Lagers, des alten und des neuen, wurden spät abends zum Appell gerufen. Dieser Appell dauerte stundenlang. Plötzlich wurde ein Pole mitten auf den Platz gebracht. Da erst fiel uns auf, daß neben dem festlich geschmückten Baum ein Galgen errichtet war. Nachdem die Offiziere sich lange unterhalten und den Jungen immer wieder beschimpft hatten, wurde er vor aller Augen aufgehängt. Am Abend dieses hohen christlichen Festes mußten die Häftlinge den Gehenkten betrachten. Als wollten die Deutschen uns damit mitteilen, daß trotz des Festes die Grausamkeiten nicht aufhörten. Der junge Mann war wegen Brotdiebstahls zum Tode verurteilt worden.“[371]

In Berichten von Weihnachtsfeiern im Konzentrationslager finden sich auch Hinweise, dass selbst Kinder brutal ermordet wurden. Die Österreicherin Hannah Sturm bereitete 1944 in Ravensbrück jüdischen Kindern, die bereits fürs Gas bestimmt waren, eine Weihnachtsfeier.[372] Der Französin Charlotte Delbo wurde während eines von polnischen Häftlingen organisierten Weihnachtsfestes in Auschwitz das grausame System des Lagerlebens, die Problematik des Überlebens schmerzhaft vor Augen geführt:

„Am Tischende streichelte ein junges Mädchen einen kleinen Bär, den sie bekommen hatte. Ein Bär aus rosafarbenem Plüsch mit einem Seidenband um den Hals. ‚Sieh‘, sagte Madelein zu mir, ‚Sieh! Ein Teddybär! Ein Kinderteddybär.‘ Und ihre Stimme veränderte sich. Ich sah zu dem Teddybär Entsetzlich.“[373]

Der Teddy wurde offensichtlich einem jüdischen Kind noch vor seiner Ermordung brutal entrissen. Das Weihnachtsfest löste im Konzentrationslager manchmal längst abgestorben geglaubte Gefühle aus. Als Lisa Scheuer mit einer Gruppe von Frauen für die Weihnachtsfeiern die SS-Baracke reinigen musste, entdeckten sie auf einem Podium einen Flügel. Unter den Häftlingen befand sich auch eine berühmte Konzertpianistin, die mit ihren geschwollenen Fingern plötzlich zu spielen begann:

„Ein Wunder, Motte spielte wie besessen, und wir heulten, nicht wegen der Weihnachtslieder, sondern wegen der Musik. Wir konnten die Tränen einfach nicht zurückhalten, und der Hauptscharführer sah plötzlich wie ein zivilisierter Mensch aus; dies war wohl das größte Wunder, das die Musik zustandegebracht hatte.“[374]

Auch Leon Zelman verbindet mit Weihnachten das Aufleben von nicht mehr für möglich gehaltenen Regungen:

„Es war um die Weihnachtszeit. Draußen spielten und sangen die Soldaten ‚Lili Marlen‘, immer aufs neue, immer wieder. Auf einmal spürte ich eine Sehnsucht, ein Ziehen, wie ich es bisher nicht gekannt hatte. Das erste Gefühl seit Birkenau, dessen ich mich entsinne.“[375]

Für Leon Zelman erhielt das Weihnachtsfest im ersten Jahr nach seiner Befreiung eine besondere Bedeutung. Von einer Freundin und deren Mutter, die ihm nach der Ermordung seiner gesamten Familie einen Hauch von Familienleben vermittelten, zum Weihnachtsfest eingeladen, wurde ihm dort schmerzhaft bewusst, dass zwischen Juden und Nicht-Juden auch nach der Shoah ein breiter, unüberwindbarer Graben bestand. Als ihm ein Onkel der Familie erzählen wollte, wie die Deutschen in Lodz, Leon Zelmans Heimatstadt, den Juden „eingeheizt“ hatten, lief er weg.

„Ich habe das Mädchen und ihre Mutter nicht mehr gesehen. Es tat mir leid, weil ich sie beide mochte, aber mit dieser Welt wollte ich nichts zu tun haben.“[376]

Auch Cordelia Edvardson – sie überlebte als sogenannter „Mischling“ Auschwitz – wurde an ihrem ersten Weihnachtsfest in Freiheit, das sie im Kreise einer schwedischen Familie verbrachte, bewusst, dass ihr ein Schritt zurück ins alte Leben nicht mehr möglich war, dass zwischen ihr und den anderen Menschen die unauslöschbaren Erinnerungen an Verfolgung und KZ-Haft standen:

„Es wurde dem Mädchen warm, und es schwitzte in dem häßlichen, kratzenden Zellwollkleid der SozialhiIfe. [...] Aber weder die Lieder noch der Tannen- und Hyazinthenduft oder der Schein der Kerzenflammen vermochten in sie einzudringen, ihr Dunkel und ihre Stummheit zu erhellen. Wie ein böses, schwarzes Bündel, wie ein häßlicher Klecks in dem lichten Carl-Larsson-Milieu, hockte das Mädchen in einer Ecke und verdarb und zerstörte die Weihnachtsstimmung der Familie. Nein, dachte sie haßerfüllt, so leicht geht das nicht, die ausgespielte Karte bleibt liegen, die Gebeine der Toten bleichen und rasseln im Wind, und das, was genommen worden ist, kann nicht wiedergegeben werden, nicht einmal in der Weihnachtsnacht.“[377]

3.19.2.9. Leben nach der Shoah

Die wenigen überlebenden Juden und Jüdinnen, die nach der Verfolgung nach Deutschland und Österreich zurückgekehrt waren, zeigten sich größtenteils weiterhin um eine Assimilation bemüht, das traditionelle Judentum und somit auch die jüdische Festkultur blieb ihnen fremd. Den Überlebenden fehlte auch das Wissen um die jüdischen Bräuche; durch die Ermordung des deutschen und österreichischen Judentums konnten jüdische Traditionen nicht mehr weitergegeben werden. Das traditionelle jüdische Leben wurde vorwiegend von den aus Osteuropa zugewanderten Juden aufrechterhalten. Erst die zweite und dritte Generation der „österreichischen“ und „deutschen“ Juden zeigt seit einigen Jahren größeres Interesse am traditionellen Judentum, am Leben ihrer Großeltern.

Auch in den verschiedenen Emigrationsländern – mit Ausnahme von Israel – finden sich nach der Shoah unterschiedliche Ausprägungen jüdischer Identitäten und Festkulturen. Im Unterschied zu den 20er- und 30er-Jahren haben Juden den Glauben an eine Assimilation in Deutschland und Österreich jedoch weitgehend verloren.



[308] Kurzfassung von Andrea Bleyer.

[309] Erstveröffentlichung: [Embacher 1997].

[311] 1869 unterzeichnete KönigWilhelm I. ein Gesetz, das allen Religionsgemeinschaften Toleranz garantieren sollte, womit der staatsbürgerlichen Gleichstellung der Juden nichts mehr im Wege stand. In Österreich wurde der jüdischen Minderheit mit dem Staatsgrundgesetz von 1867 die staatsbürgerliche Gleichstellung gegeben. – Vgl. [Richarz 1976], Bd. 2. – [Rozenblit 1983]. – [Beller 1989].

[312] Zur Entwicklung des politischen Antisemitismus siehe: [Pauley 1993]. – [Volkov 1990].

[313] [Richarz 1976], Bd. 2, S. 29.

[314] [Volkov 1990], S. 144 ff.

[319] Vgl. [Richarz 1976], Bd. 2, S. 176 und S. 334.

[321] Zit. bei [Ben-Horin 1988], S. 15.

[323] [Güdemann 1899]. – Für diesen Hinweis danke ich Albert Lichtblau.

[324] Der aus dem Elsass stammende Hauptmann Alfred Dreyfus (1859–1935) wurde beschuldigt, Militärgeheimnisse an Deutschland verraten zu haben. Während des Prozesses trat in Frankreich massiver Antisemitismus auf, der sich nicht nur gegen den jüdischen Hauptmann richtete.

[325] [Pauley 1993], S. 92. – Zu Herzl siehe: [Beller 1991]. – [Johnson 1987].

[329] [Clare 1984], S. 93 ff.

[330] Dazu siehe auch Interview Helga Embacher mit Stella Rothenberg, Salzburg 1993 und mit George Temmer, Salzburg 1994.

[331] Interview Helga Embacher mit Alfred Reischer, Wien 1990.

[332] Interview Helga Embacher mit Bertha Reichenthal, Tel Aviv 1994, Gespräch mit Leo Glückselig, Salzburg 1995. Siehe auch Interview Helga Embacher mit Moshe Meysels, Tel Aviv 1994.

[333] Interview Helga Embacher mit Melusine Spieler, Jerusalem 1994. – Dazu vgl. auch [Wassermann 1921], S. 18 ff.

[334] Interview Helga Embacher mit Jehudith Huebner, Jerusalem 1994.

[335] [Daxelmüller 1988], S. 77. – Dazu auch Interview Helga Embacher mit Frederic Morton, New York 1993.

[336] Interview Helga Embacher mit Mimi Grossberg, New York 1993.

[337] Brief vom 19. 01. 1995 an H. E., Privatbesitz.

[338] [Bergmann], S. 12.

[339] Interview Helga Embacher mit Kurt Weihs, Wien 1990.

[341] Interview mit F. Robinson, Jerusalem 1986.

[342] Interview Helga Embacher mit Hugo Schwarz, Salzburg 1993.

[343] Interview Helga Embacher mit Walter Grab, Israel 1994.

[344] Paul Mühsam, in: [Richarz 1976], Bd. 2, S. 362.

[346] Gespräch mit Gaby Glückselig, Salzburg 1995.

[347] Interview Helga Embacher mit Herbert Zipper, Los Angeles 1994.

[350] Gespräch mit Gaby Glückselig, Salzburg 1995.

[352] Stella Hershan, in: [Embacher/Lichtblau 1993].

[354] Gespräch mit Henry Leichter, Salzburg 1994.

[355] Interview Helga Embacher mit Konrad Fleischer, Wien 1992.

[358] [Améry 1986], hier S. 67 ff.

[359] [Améry 1977], S. 132 ff.

[367] [Milton 1987], S. 14 ff.

[368] [Améry 1986], hier S. 70.

[369] [Sturm 1982], S. 305.

[371] [Rabinovici 1994], S. 207. – Dazu auch [Kos 1994], S. 47. – [Delbo 1993], S. 234.

[372] [Sturm 1982], S. 304.

[373] [Delbo 1993], S. 235.

[377] [Edvardson 1986], S. 103. – Vgl. auch [Faber 1990], hier S. 42 ff.

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