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6.3. Karl Adrian: Das Frautragen im Gebirge

6.3.1. Kommentar von Ulrike Kammerhofer-Aggermann

Bewertung und Stilisierung

Karl Adrians (17. 02. 1861–14. 10. 1949) Darstellung von Bräuchen ist zwar nach heutigem Verständnis nicht umfassend und bewertet vor allem ausgewählte historische Formen des Alltagslebens von vornherein als „wichtig“ (und lässt andere weg), doch gibt sie das Verständnis dieser Erscheinungen als gestaltende und ordnende Bestandteile des Alltags und Lebensumfeldes wieder. Diese Auffassung mag wohl vor der NS-Zeit auch in der breiten Bevölkerung noch existiert haben. Adrians Schilderung sieht die Menschen als Gestalter der Bräuche im Sinne von sitten- und alltagsbezogenen Handlungen. Im Gegensatz dazu steht die später in der NS-Zeit vertretene Sicht des Fortwirkens des „germanischen Mythus“ in den Bräuchen, die Menschen wie Ethnien zum Vollzugsorgan des Kultes werden ließ.

Adrians Darstellungen sind kurz gefasste Einsichten in den Wandel von Bräuchen wie in den Bewertungswandel derselben. Wenn Adrian feststellt, dass „einzelne Gebräuche in neuerer und besserer Form wieder aufleben“ und es „der führenden Hand bedürfe, um auf dem Gebiete von Sitte und Brauch manch schönen Erfolg zu erzielen“,[1786] dann treten seine volksbildenden und gesellschaftspolitischen Anliegen hervor. Sätze, deren Nachhaltigkeit heute noch hörbar wird. Mit diesen Bewertungen durch Adrian wurden in Salzburg viele Erscheinungen des Alltagslebens ihrem Wandel enthoben und als „besonders“, „schützenswert“ und „wichtig“ bewertet. Der Weg zu ihrer Stilisierung und Pflege war damit beschritten worden.

6.3.2. Das Frautragen im Gebirge (Karl Adrian)[1787]

Eine eigentümliche Sitte, die noch vor mehr als 20 Jahren bestand, beschreibt Fräulein Eysn im Jahrgang 1899 der „Berliner Zeitschrift für Volkskunde“, nämlich das sogenannte „Frautragen“ in den Adventnächten des Jahres. Der Inhalt ihrer Mitteilungen ist im wesentlichen folgender: In vielen Dörfern des Pinzgaues besitzen einzelne Familien ein Frauenbildnis mit der Darstellung von Maria Heimsuchung. Ist der Advent herangekommen, so wird das Bild im Herrgottswinkel der Wohnstube aufgestellt, die Nachbarsleute kommen dann abends dort zusammen, um den Rosenkranz zu beten und althergebrachte Frauenlieder zu singen. Nach Beendigung der Andacht wird das Bild von einem Manne auf eine Kraxe (Rückentrage) gelegt und jung und alt begleitet den Träger mit brennenden Fackeln zum nächsten Gehöft. Dort wiederholt sich die gleiche Andacht, daran schließt sich aber in sehr weltlicher Weise die entsprechende Bewirtung mit Gesang und Tanz, bei dem es manchmal ziemlich toll zuging. So wanderte das Bild in jeder Nacht in ein anderes Gut, das dauerte bis zum heiligen Abend; jeder Besitzer freute sich, es zu beherbergen, denn er erblickte darin eine gute Aussicht für ein reiches Erntejahr. Von der Kirche nie erlaubt, wurde dieser nächtliche Aufzug, infolge des häufig damit verbundenen Unfuges, auch von der weltlichen Behörde verboten.

Im Anschlusse daran enthält die Abhandlung einige Frauenlieder mit den dazugehörigen Melodien. Durch Zufall ist es auch dem Verfasser gelungen, ein solch‘ altes Frauenlied aus Rauris zu erhalten, das als Probe bäuerlicher Gefühlslyrik hier folgt:

1. Ein Ilgen[1788] ist entsprossen

und ist kommen in die Welt,

blüht so schön als wie ein Rosen

ist von Gott selbst auserwählt.

Ohne Makel ist’s empfangen,

und von Anna ausgegangen.

Frohlockt die ganze Engelschar,

sobald sie geboren war.

2. Schlange du bist schon gebunden,

leg dich zu den Füßen hin.

Maria hat dich überwunden,

deine Gwalt und Kraft ist hin.

Gott hat sie selbst auserwählet

und zur Schutzfrau uns bestellet,

daß wir von der Dienstbarkeit

sind erlöset und befreit.

3. David laß die Harpfen klingen,

stimme deine Psalmen an.

Hilf mir doch ein Brautlied singen,

komm, meine Schöne komm!

Ich will mich dir ganz ergeben,

und mein Herz zu dir erheben.

Weil du bist das schönste Gschöpf,

so unter der Sonne schwebt.

4. Salomon hat’s vorgebildet,

und ein Tempel aufgebaut.

Er hat schon auf dich gezielet,

daß von dir wird gehen aus,

jenes Heil der ganzen Erden,

soll aus dir geboren werden,

weil sonst keine war so fein.

Die könnt Mutter Gottes sein.

5. Könnt ich deine Schönheit sehen,

die dich fast in jener Welt,

wie du bist mit Freud umgeben,

und wie herrlich du gestellt,

würd mein Herz vor dir zerfließen

und sich legen dir zu Füßen.

Maria hilf der Christenheit,

daß wir sehen deine Freud.

6. Wann endlich die Stund wird kommen,

daß ich muß von dieser Welt.

Könnt ich doch die Gnad erlangen

wann die Seel‘ vom Leib wird scheiden

tu sie mit deiner Gnad bekleiden,

führ’s zu dir in Himmelsthron,

daß sie dich ewig loben kann.

In dem an das (sic!) Pinzgau angrenzenden Bayern besteht dieser Umzug in anderer Form. Dort heißt es „Anklöpfelgehen“, ist also verwandt mit dem an anderer Stelle beschriebenen Anglöckeln. Es wird aufgefaßt im Sinne einer Marienverehrung und erfolgt an den ersten drei Donnerstagen des Advents. Dabei ziehen schöngekleidete Frauengestalten abends von Haus zu Haus und begehren durch Anklopfen am Fenster Einlaß. In den Wohnstuben werden dann von ihnen Marienlieder gesungen, wofür sie von den Hausbewohnern mit Geld, Obst u. dgl. beschenkt werden.

Auch im Pongau finden wir das Frautragen. In den vier Ortschaften von Dorfgastein ist überall ein Bild Mariens als virgo gravida vorhanden. Es wird im Advent ausgestellt und alles, was im Hause nur „Schönes“ vorhanden ist, wird zum „Frauenherrichten“ hervorgeholt. Man stellt damit einen großen Altar zusammen und zündet davor möglichst viele Lichter an. Vor diesem wird der Rosenkranz gebetet und werden Frauenlieder gesungen. Das Bild bleibt einige Tage in den Häusern, so daß im Advent nach und nach alle Häuser der Ortschaft darankommen, indem es prozessionsweise von einem zum andern getragen wird. Selbst in der Stadt treffen wir in einzelnen Familien diesen schönen Brauch. Das Bild, das hiebei verwendet wird, stellt das Herbergsuchen Josefs und Mariens vor.



[1786] SLA, Landtagsbericht Nr. 150, L.-T.1911/12, 24. 01. 1912, S. 931 und Beilage B, S. 770 f.

[1787] [Adrian 1924], S. 24–27.

[1788] Anm. Adrian: Lilie.

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