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3.20. Die Pinzgauer Heiligenblut-Wallfahrt (Reinhard Kriechbaum)

3.20.1. „Die Wallfahrt kommt von unten“

Als Josef Binder, damals Pfarrer in Stuhlfelden, 1979 die Leitung der „Pinzgauer Wallfahrt“ übernommen hat, fanden sich ungefähr 400 Gläubige zusammen, um den beschwerlichen Marsch über den Großglockner nach Heiligenblut auf sich zu nehmen. Jetzt (2003) sind es – jedes Jahr zum festen Termin am 28./29. Juni, also zum Fest der Heiligen Peter und Paul – meist zehn Mal so viele. „Und das“, sagt Pfarrer Binder, „obwohl es eine traditionelle Gebetswallfahrt geblieben ist.“ Was schätzen die Teilnehmer/innen jeden Alters und aus allen gesellschaftlichen Schichten gerade an diesem schier ausufernden Wallfahrtsunternehmen? „Die Pinzgauer Heiligenblut-Wallfahrt hat ein ganz klares Profil“, betont der verantwortliche Geistliche. „Es gibt eine klare Struktur und der religiöse Anspruch ist eben der einer Gebets- und Erneuerungswallfahrt.“ Es wirkt sozusagen eine spirituelle Eigendynamik, und deshalb ist der Marsch über den Großglockner eine der ganz wenigen traditionellen Fußwallfahrten, die sich in Österreich erhalten haben.

Wie erklärt sich Pfarrer Josef Binder, der nun seit bald einem Vierteljahrhundert über die Geschicke der Pinzgauer Heiligenblut-Wallfahrt wacht, den „Boom“? „Die Wallfahrt kommt von unten“, ist seine Erfahrung. Der überwiegende Teil der Menschen, die sich zwei Tage lang durchaus nicht zu unterschätzenden Strapazen aussetzen, seien „Suchende, die Vertrauen und Sicherheit gewinnen wollen“. Das muss nicht heißen, dass diese Leute unbedingt kirchlich gebunden sind. „Bei jeder Wallfahrt komme ich mit Tausenden Menschen persönlich in Kontakt“, sagt Binder. Und diese seien alles andere als „Eventtouristen“. Es sei für ihn immer wieder sehr bewegend, wenn ihm die Leute von Krankheiten, von der Verletzung eines Kindes, von familiären und beruflichen Sorgen berichten: „Das erzählen sie mir, nicht den begleitenden Journalisten!“

3.20.2. Wölfe, Luchse? Nein, die Pest!

In einem Dokument aus dem Jahr 1729 aus dem Pfarrarchiv Taxenbach heißt es: „Als die Wölfe und Luchse in unserer Gegend überhand nahmen und ihre Blutgier an den harmlosen Haustieren befriedigten, gelobten die Bauern in ihrer Hilflosigkeit eine jährliche Wallfahrt zum heiligen Blut jenseits des Tauern.“ Das dürfte fromme Legende sein: Vermutlich die Pestepidemien, die in den Jahren 1482 und 1495 durch den Oberpinzgau rollten, brachten lokale Wallfahrten in Gang. Damals entstand beispielsweise die Weiherkirche bei Bramberg. Wallfahrten „Zum Heiligen Blut“ nahmen im 15. Jahrhundert zu, und so wurde 1491 auch die heutige Kirche von Heiligenblut geweiht (der Ort hieß bis dahin Kirchheim). Der bis heute bestehende prachtvolle gotische Flügelaltar wurde 1520 vollendet.

Die älteste gesicherte Nachricht von der Pinzgauer Heiligenblut-Wallfahrt stammt aus dem Jahr 1544. Die Notiz auf einer Kirchenrechnung der Dekanatspfarre Stuhlfelden betrifft eine Opferkerze. Die anstrengende Wallfahrt wurde immer als Bittgang für Leib und Leben erachtet. Der weite Weg über den Tauern hin und zurück war nicht nur mit großen Strapazen, sondern auch mit Gefahren verbunden. Im Jahr 1683 sind neun Wallfahrer im Blindlkar erfroren. In den vergangenen 20 Jahren hat es zwei Todesfälle (Herzinfarkte) gegeben. Und wer im Internet stöbert, findet unter den Suchwörtern „Pinzgau Wallfahrt“ auch eine Notiz der Bergrettung: 2001 verirrten sich einige Wallfahrer im dichten Nebel und mussten vom Sonnblick-Wetterwart Friedl Wallner und anderen Helfern wieder „auf den rechten Weg“ geführt werden.

In der Zeit des Nationalsozialismus war die Wallfahrt verboten, aber es fanden sich trotzdem jedes Jahr Wallfahrer, die sogar Geldbußen und kürzere Gefängnisstrafen auf sich nahmen. Gleich im Jahr 1945 pilgerten wieder 700 Wallfahrer nach Heiligenblut.

3.20.3. Der Wallfahrts-Tross

Pfarrer Josef Binder, seit 1979 Leiter der „Pinzgauer Heiligenblut-Wallfahrt“, erinnert sich an einen Methusalem unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern: „Der unterdessen verstorbene Lachmaier Toni aus Krimml war 93 Jahre alt, als er zuletzt mitgegangen ist. Achtzigjährige sind immer wieder dabei, aber auch erstaunlich viele junge Leute.“ Fünfzehn Mal sei er selbst die ganze Strecke zu Fuß gegangen. Jetzt mache seine Organisationstätigkeit gelegentlich ein „Überholen“ der wandernden Gruppe mit dem Auto notwendig –, „aber die Hälfte des Weges gehe ich doch noch“. In der „Arbeitsgemeinschaft Pinzgauer Wallfahrer“ sorgt ein „harter Kern“ von rund 40 Leuten für den organisatorischen Ablauf. Von der Bergrettung und Feuerwehr (für Ordnerdienste) bis zu Fachärztinnen/-ärzten kümmern sich Ehrenamtliche um die Teilnehmer. Die Heiligenblut-Wallfahrt ist (inkl. Rückmarsch) auf zwei Tage konzipiert. „Ein paar hundert Leute fahren jedes Mal mit Bussen wieder zum Glocknerhaus und marschieren dann über die Pfandlscharte zurück ins Salzburgische.“

„Gut tausend Menschen nehmen regelmäßig teil“, schätzt Pfarrer Binder. „Für mich frappierend: Auch bei Schlechtwetter marschieren an die dreitausend Menschen los.“ Josef Binder hat sich mit gezielter „PR-Arbeit“ für die Wallfahrt eingesetzt: „Ich bin herumgefahren und habe Dias gezeigt.“ Bald hätten sich sogar Schulklassen von ihren Religionslehrerinnen und -lehrern für die Sache gewinnen lassen. Für Heiligenblut ist der Massenbesuch eine Herausforderung: Die 4.000 Wallfahrenden kommen in Gasthäusern und Hotels unter, im Ort selbst oder weiter draußen im Tal. „Regelmäßige Teilnehmer haben sich auch Quartiere bei Bauern gesichert“, weiß Pfarrer Binder. – Die Länge der Fußwallfahrt beträgt rund 30 Kilometer, die Route führt von 1.200 auf 2.500 Meter Seehöhe, es sind also bergwärts 1.300 Höhenmeter zu überwinden.

3.20.4. Rasten mit Gebeten

Das spirituelle „Ordnungselement“ für die „Pinzgauer Heiligenblut-Wallfahrt“ sind Gottesdienste und die Gebetsrasten: Die Teilnehmer/innen treffen sich um 5 Uhr früh in Fusch bei der Hubertuskapelle zum eröffnenden Gottesdienst. Um 6 Uhr ist Abmarsch. Gegen 9 Uhr ist die erste Gebetsrast beim Petersbrünnl am „Unteren Nassfeld“ (Abzweigung bei Kehre 10 der Glocknerstraße). „Da geht es um die Anliegen Kirche und das Gottesvolk“, erklärt Wallfahrtsleiter Pfarrer Josef Binder. Heimat und Vaterland sind die Themen der zweiten Gebetsrast um 11 Uhr auf dem Fuschertörl. „Das gemeinsame Lied ‚Großer Gott‘, angeführt von Musikanten aus St. Veit, ist immer ein Höhepunkt.“

„Die Gebetsrast beim Elendbogen, wo vor vielen Jahren eine Wallfahrergruppe im Schneesturm umkam, halte ich immer selbst“, sagt Pfarrer Binder. Da gehe es um den Tod, um das Gedenken an die Verstorbenen, „und das ist die Gelegenheit, bei der Emotionen hochkommen.“ Für ihn sei da wichtig, den Leuten „Zeit zu lassen, ihnen zuzuhören“.

Danach führt die Wallfahrt über die Glocknerstraße (auf der eine Fahrspur für die wandernden Pilger frei gehalten wird) zum höchsten Punkt, dem Hochtortunnel (2.505 Meter). Nach der Jausen- und Erholungsrast am Kasereck ist um 14:30 Uhr Abmarsch zur vorletzten Etappe mit Ziel Gipperkapelle. Die letzte Gebetsrast dort ist den Themen Maria und Frauen in der Kirche gewidmet. „Von hier gehen wir in geschlossenem Zug und gemeinsam betend die alte Glocknerstraße hinunter bis Heiligenblut, wo wir um 17 Uhr vom Pfarrer und Ministranten empfangen werden.“ Zu diesem Zeitpunkt sind die Pinzgau-Wallfahrer/innen also, die Morgenmesse eingerechnet, ziemlich genau zwölf Stunden unterwegs. Nach einer kurzen Andacht mit sakramentalem Segen ist um 18 Uhr die erste Pilgermesse (für jene, die am selben Tag noch heimfahren).

3.20.5. Das „Pinzgauer Wallfahrtsgebet“

Grundsätzlich ist die Pinzgauer Heiligenblut-Wallfahrt auf zwei Tage ausgelegt. Am Morgen des zweiten Tages ist um 6 Uhr früh der Festgottesdienst. Längst ist die Wallfahrt nicht nur eine Sache der Pinzgauer. „Leute kommen auch mit Autobussen aus Oberösterreich und Niederösterreich“, weiß Pfarrer Josef Binder. Die Rückfahrt ist mit Bussen organisiert, die besonders Eifrigen gehen auch da einen Teil der Strecke (über die Pfandlscharte). Die Teilnehmer/innen an der Wallfahrt bekommen eine kleine Urkunde, auf der in Mundart das „Pinzgauer Wallfahrtsgebet“ abgedruckt ist:

„Laßt ins übern Tauern gehen
und troi za insern Glabm stehn,
so wia’s ins die Ahnen lehrn,
im Vertraun za Gott den Herrn!

Er woaß um inser aller Sorgn,
in seiner Hand send mia geborgn.
A der gewaltign Bergwelt obm,
wolln mia bittn, dankn, lobm.

Maria geh mit ins, geleit ins guat,
hi zan Zül, nach Heiligenbluat,
und daß sih neambd am Weg verirrscht,
der ins in d’ewig Hoamat fiahscht!“

Pinzgauer Wallfahrtsgebet von Bròsai Lisei aus Bramberg

3.20.6. Die „Pinzgauer Wallfahrt“ – ein Spottlied

Große Popularität in Salzburg hat das „Pinzgauer Wallfahrerlied“ – es hat aber nichts mit der Pinzgauer Heiligenblut-Wallfahrt zu tun. Ab 1569 wurde vom Pinzgau traditionellerweise eine Pfingstwallfahrt in die Stadt Salzburg geführt, die für Teilnehmer/innen aus entlegeneren Tälern bis zu vier Tage dauern konnte. So ist der Ablauf in dem Buch „Aus dem Innergebirg. Pinzgauer Geschichten“ von Peter Blaikner beschrieben (gekürzt):[121]

„Nach zwanzig Gehstunden marschierten die Pinzgauer am Nachmittag des Pfingstmontags betend und singend von Mülln aus durch die Gstätten- und Getreidegasse über den Alten Markt zum Dom. Dabei trugen sie die Zeller Kirchenfahne voran. Am Portal des Domes wurden sie von sechs Chorpriestern empfangen und gesegnet, danach zogen sie gegen Ende der Vesper feierlich in den Dom ein. Während alle anderen Gruppen vor den Chorschranken halten mussten, durften allein die Kirchfahrer von Zell am See den Hauptaltar umschreiten.“

Dieser Umzug habe wegen des Lärms auch Ärgernis bereitet, schreibt Peter Blaikner. Nach der Andacht seien die Pinzgauer im Stiftskeller St. Peter gratis bewirtet worden. „Die eher derben Sitten der Pinzgauer, ihre bäuerliche Ausdrucksweise und vor allem ihr Gesang reizten wohl einige Salzburger zum Spott, die daraufhin das Lied von der ,Pinzgauer Wallfahrt‘ verfassten.“ Die Salzburg-Wallfahrt bestand bis 1789 und wurde dann in eine Wallfahrt nur noch nach Maria Kirchental umgewandelt.

3.20.7. Die Pinzgauer wollten kirifaschtn gehen ...

Das „Pinzgauer Wallfahrerlied“ hat nichts mit der Pinzgauer Heiligenblut-Wallfahrt zu tun, sondern bezieht sich auf die Pfingstwallfahrt der Pinzgauer in die Stadt Salzburg, die vom 16. bis zum 18. Jahrhundert durchgeführt wurde. 1789 wurde dieser Wallfahrt in eine Wallfahrt nach Maria Kirchental umgewandelt. Sitten, Ausdrucksweise und Gesang der Pinzgauer hatten die Salzburger zum Abfassen eines Spottliedes angeregt; der Refrain des Liedes lautet:

„Die Pinzgauer wollten kirifaschtn gehen, /
Widi wadi, we, eleison! /
Sie tatn gern singa und kunntns nit gar schen, /
Widi, wadi, we, eleison! /
Pinzgauer samma, des woaßt ja von eh, /
juche, widi wadi we! /
Gelobt sei die Christl und die Salome!“

Dazu gibt es eine Unzahl von Strophen, etwa:

„Die Pinzgauer gingen um den Dom herum,
Die Fahnenstang is brochen, jetzt gengans mit an Trumm.“

„Die Pinzgauer gingen in den Dom hinein,
Die Heiligen tan schlafen, sie kunntn’s nit daschrein.“

„Oh heilige Maria, du jungfräuliche Zierd,
Pass auf, das koa Bua uns koa Dirndl nit verführt.“

„Die Pinzgauer gingen aus dem Dom heraus,
und laffn gleich eini ins nächste Wirtshaus.“



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