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3.5. Wallfahrt kennt keine Grenzen (Cornelia Göksu)

3.5.1. Die Muttergottes zu Kevlaar ...

... Trägt heut ihr bestes Kleid;
Heut hat sie viel zu schaffen,
Es kommen viel kranke Leut.

Die kranken Leute bringen 
Ihr dar, als Opferspend,
Aus Wachs gebildete Glieder,
Viel wächserne Füß und Händ.

Und wer eine Wachshand opfert, 
Dem heilt an der Hand die Wund;
Und wer einen Wachsfuß opfert,
Dem wird der Fuß gesund.

Nach Kevlaar ging mancher auf Krücken,
Der jetzo tanzt auf dem Seil,
Gar mancher spielt jetzt die Bratsche,
Dem dort kein Finger war heil.

(Auszug aus: Heinrich Heine: Die Heimkehr – Die Wallfahrt nach Kevlaar, um 1820)

3.5.2. „Die viel wallfahrten, kommen selten in den Himmel“

Diese Erkenntnis aus der „Nachfolge Christi“ des Thomas von Kempen (um 1380–1471) scheint heute nicht mehr gültig, denn Wallfahrt wird wieder geschätzt. Vom Boulevardblatt bis zu Wochenzeitung und Politmagazin, vom öffentlich-rechtlichen Hörfunk bis zum privaten Fernsehen, fast jedes Medium fand in den letzten Jahrzehnten dieses Thema für eine Reportage wert. Im Internet finden sich zahlreiche Einträge zum Stichwort „Wallfahrt“, so erzielt die Suchmaschine „Google Österreich“ 2003 rund 37.300 Treffer. An Themen erscheinen z. B. die „Rekonstruktion der spätmittelalterlichen Wallfahrtsgeographie“, virtuelle Wallfahrten und Texte wie „Auf der Wallfahrt“ von Ludwig Ganghofer (1855–1920). Getreulich spiegelt sich das bunte Kaleidoskop der Wallfahrtsanlässe und -angebote wider.

Der meist besuchte römisch-katholische Wallfahrtsort der Welt mit rund 20 Millionen[92] Pilgern jährlich ist das mexikanische Guadalupe. Es folgt San Giovanni Rotondo in Süditalien mit 7,5 Millionen Besuchern, Wohn- und Sterbeort des äußerst populären, stigmatisierten Padre Pio, der 1999 selig- und 2002 heiliggesprochen wurde. Etwa 5 Millionen Gläubige pilgern pro Jahr ins südfranzösische Lourdes, nach Czestochowa (Tschenstochau) in Polen, Fátima in Portugal, in das italienische Padua. Dichtauf mit ca. 4,5 Millionen Besuchern folgen Santiago de Compostela in Spanien sowie Assisi und Loreto in Italien.

Bekannteste Wallfahrtsorte in Europa sind Altötting (Oberbayern), Gößweinstein (Oberfranken), Kevelaer (Nordrhein-Westfalen), Mariazell (Steiermark), Einsiedeln (Schweiz), Walldürn (Baden-Württemberg) und Vierzehnheiligen (Bayern). Aber auch im Norden Deutschlands gibt es – allerdings eher nüchterne – Wallfahrten, so z. B. zum Ansveruskreuz bei Einhaus, unweit von Bad Oldesloe in Schleswig-Holstein.

3.5.3. Erdendasein als ewige Pilgerschaft oder der Weg ist das Ziel

Ein Gang, eine Reise oder ein feierlicher Zug: Eine Prozession an heilige Orte ist ein in vielen Religionen nachweisbarer Brauch. Religionsgeschichtlich wurzeln die Wallfahrten in der Überzeugung, dass das Gebet an bestimmten Stätten besonders wirksam sei. Hierzu zählen häufig imposante oder besonders reizvolle Landschaften, Quellen, Bäume (z. B. Marienerscheinungen über Eichen), Felsen oder eine „Grotte“ wie in Lourdes. Die zugehörige Wallfahrtslegende berichtet von der mirakulösen Entstehungsgeschichte und lokalen Wundern.

Die Vorstellung vom Leben als einer langen Pilgerreise zur ewigen Seligkeit lenkte den Blick vom „Genuss sofort“ auf die Vollendung nach dem Tode – oft einzige Hoffnung der Chancenlosen –, häufig aber auch missbraucht zu Entmündigung und Unterdrückung der Gläubigen.

Bis heute spielen Wallfahrten eine bedeutende Rolle im Leben der katholischen Kirche. So sind nach Schätzungen jährlich etwa 40 Millionen Wallfahrer/innen zu den christlichen Pilgerorten unterwegs.

3.5.4. Sonderfall Marienverehrung

Nicht selten ist mit Wallfahrt schlechthin die populäre Marienverehrung assoziiert. Mirjam, die leibliche Mutter Jesu, wurde im Laufe der Jahrhunderte auf viele Podeste erhoben: zur allerseligsten Jungfrau, zur Himmelskönigin, zum Stern der Meere, um nur einige wenige Ehrentitel anzuführen. Für die Orthodoxen und die Katholiken gehören Maria und ihr Kult einfach dazu. Sogenannte Marienerscheinungen sind allerdings eine Eigenart katholischer Volkfrömmigkeit: Sitzt das Haupt, der Papst, in Rom, so schlägt ihr Herz in Lourdes und Fátima oder einem der anderen bekannten Marienerscheinungs- und Wallfahrtsorte.

Der Harvard-Professor für Geschichte David Gordon Blackbourn hat die verschiedensten Marienerscheinungen der vergangenen 200 Jahre in Mitteleuropa 1997 untersucht und überraschende Parallelen festgestellt. Seiner Studie gab er den Titel: „Wenn ihr sie wieder seht, fragt wer sie sei“. Darin gelangt er zu dem Schluss, dass „Erscheinungen“ in der Neuzeit gemeinhin durch größere Ereignisse ausgelöst worden sind: Kriege, Nachkriegsnöte, politische Konflikte, sozialökonomische Krisen. Offensichtlich sei auch, dass viele Erscheinungen ihrerseits Rückwirkungen auf aktuelle politische Konflikte hatten, vor allem wenn sie dazu beitrugen, eine katholische Identität gegen die Ansprüche des Staates oder die antiklerikale Herausforderung auszubilden.[93]

3.5.5. Haben Christen die Wallfahrt erfunden?

Fahrten zu heiligen Stätten wurden und werden im alten Ägypten, bei Persern und Indern, Griechen und Römern vorgenommen. Im Judentum waren Wallfahrten zum Tempel nach Jerusalem anlässlich des Pessach- oder Laubhüttenfestes üblich. Eine Reihe von Psalmen des Alten Testaments entstammt der jüdischen Wallfahrtsliturgie.

Zu den fünf Säulen des Islam gehört nach wie vor eine Pilgerfahrt nach Mekka (Hadsch). Im Christentum wurden Wallfahrten seit dem 4. Jahrhundert ins Heilige Land oder zu den Stätten der Märtyrer unternommen. Als „Zweitnutzen“ dieser Wallfahrten entstanden frühe Reisebeschreibungen. Häufig wird vergessen oder verschwiegen, dass die blutigen Kreuzzüge des Hochmittelalters zugleich Wallfahrten nach Jerusalem waren!

Bis heute nimmt die Pilgerfahrt eine bedeutende Funktion auch in der katholischen Kirche ein. Lange Zeit spielten gesellschaftliche und wirtschaftliche Aspekte eine Rolle, bedeutete für die Mehrzahl der Menschen die Wallfahrt doch oft die einzige größere Reise im Leben. Dabei wurden Wallfahrt und Wallfahrtsorte zu bedeutenden Umschlagplätzen für Waren, Nachrichten und Moden, aber auch – ein nicht zu unterschätzender Nebeneffekt! – für Liebeshändel und Heiratskandidaten.

3.5.6. Märtyrer und Reliquien, Vision, Gnadenbild und Heilwasser

Von einer Wallfahrt erhoff(t)en sich die Menschen Gnade und Heilung. Sie bedank(t)en sich aber auch zum Beispiel für erwiesene Hilfe. Die vielen zum Dank für Gebetserhörungen gestifteten Votive – naive Bilder, Rosenkränze, stilisierte Körperteile aus Wachs oder Holz – in den Wallfahrtskirchen zeigen, wie konkret und lebendig sich hohe Erwartungen mit der Pilgerfahrt verbanden. Wirkmächtige, „wundertätige“ Reliquien von Heiligen waren bereits in frühchristlicher Zeit das Ziel vieler Gläubiger. Sie wurden vor allem bei konkreten Anlässen aufgesucht, in denen die jeweiligen Heiligen als besonders kompetent galten.

Im Mittelalter setzte die Verehrung von Heiligtümern ein, die an das Leben Christi oder Mariens erinnerten, die Reliquienverehrung von Gebeinen der Heiligen wurde verstärkt. Zu einem der großen Pilgerziele entwickelte sich beispielsweise die Pilgerstadt Aachen. Anlässlich der Aachener Heiligtumsfahrten werden den Gläubigen noch heute alle sieben Jahre die vier großen Heiligtümer gewiesen: das Gewand Mariens aus der Heiligen Nacht, Windeln des Christkinds und das Lendentuch des gekreuzigten Christi sowie das Enthauptungstuch des heiligen Johannes des Täufers.[94]

In der Zeit der Gegenreformation erfuhr das Wallfahrtswesen einen starken Aufschwung. So entwickelten sich im 17. Jahrhundert vor allem über zahlreiche Gnadenbilder Marienwallfahrtsorte. Gleichzeitig vollzog sich ein bemerkenswerter Wandel weg von der mittelalterlichen Fernpilgerreise hin zur barocken Nah-Wallfahrt. Nun entstanden marianische Gnadenorte von regionaler und bis heute auch überregionaler Bedeutung – oft in der Folge von Marienerscheinungen wie Lourdes und Fátima.

3.5.7. Seher, Grübler, Enthusiasten

Wie zu jeder Urlaubsreise, so gehört auch zu einer Wallfahrt neben Riten und Erbauung allerhand „weltliches Vergnügen“: der soziale Austausch, die Reise, das Ankommen und das Staunen genauso wie gute Unterkunft, deftiges Essen, Wallfahrtswein und Unterhaltungen aller Art – und nicht zu vergessen Andenken und Souvenirs. In großer Zahl halten die örtlichen Devotionalienhändler in immer größerer Zahl ein teilweise grotesk anmutendes, auch amüsantes Spektrum bereit, so zum Beispiel ein als besonders heilkräftig bekanntes Wasser in eigens hergestellten Behältern – Plastikflakons im Look der örtlich verehrten Muttergottesstatue.

Schließlich erblüht ein bis heute – regional unterschiedlich ausgeprägter – vielfarbiger, barock bis abstoßend anmutender Strauß volkstümlicher bis magisch-mystischer Verehrungs- und Andachtsformen rund um Traditions- und neu entstandene Wallfahrten. Massenpsychologische Phänomene, wie angebliche himmlische Erscheinungen in inflationärer Zahl sowie soziale, politische und wirtschaftliche Interessen bis hin zu psychopathologischen Phänomenen, bilden bisweilen eine schwer definierbare Mischung mit teils hoher Explosivkraft. Seit 1949 entwickelte sich die einst „verbotene Wallfahrt“ im fränkischen Heroldsbach zu einer der größten Massenbewegungen der Nachkriegszeit im deutschsprachigen Raum. Zeitgenössisches Muster einer auf älterer Tradition beruhenden Wallfahrt – mit allen volkstümlichen Ingredienzien inklusive „Waldmulde“, „Gnadenquelle“ und Heilungswundern – präsentiert die umfangreiche Homepage über Marpingen im Saarland. Diese Stätte angeblicher Marienerscheinungen aus den Jahren 1876/77 erhielt einen Zulauf von tageweise bis zu 30.000 Menschen, als 1999 neue Rendezvous mit der „Muttergottes“ Schlagzeilen machten. Eines der bekanntesten Beispiele aus jüngster Zeit sind die zahllosen Marienerscheinungen in Medjugorje, einem Dorf in der Herzegowina / ehemaliges Jugoslawien. Rund eine Million Menschen aus aller Welt besuchten nach offiziellen Angaben allein 1988 den Wallfahrtsort und gaben dort an die 100 Millionen Dollar aus.

Zum Weiterlesen

[Blackbourn 1997] Blackbourn, David: Wenn ihr sie wieder seht, fragt wer sie sei. Marienerscheinungen in Marpingen – Aufstieg und Niedergang des deutschen Lourdes. 1. Aufl. Reinbek bei Hamburg 1997.

[Döring 2000] Döring, Alois: Wallfahrtsleben im 18. Jahrhundert. In: Zehnder, Frank Günter (Hg.): Hirt und Herde. Religiosität und Frömmigkeit im Rheinland des 18. Jahrhunderts. Köln 2000 (Der Riss im Himmel 5), S. 37–58.

[Eberhart 1999] Eberhart, Helmut: Zwischen Vielfalt und Beliebigkeit. Zum Wandel des kulturellen Systems Wallfahrt in der postindustriellen Gesellschaft. In: Grieshofer, Franz; Schindler, Margot (Hg.): Netzwerk Volkskunde. Ideen und Wege. Festgabe für Klaus Beitl zum siebzigsten Geburtstag. Wien 1999 (Sonderschriften des Vereins für Volkskunde in Wien 4), S. 627–638.

[Göksu 1991] Göksu, Cornelia: Heroldsbach. Eine verbotene Wallfahrt. Würzburg 1991 (Land und Leute).

[Höllhuber/Kaul 1987] Höllhuber, Dietrich; Kaul, Wolfgang: Wallfahrt und Volksfrömmigkeit in Bayern. Formen religiösen Brauchtums im heutigen Bayern: Wallfahrtsorte, Wallfahrtskirchen, Lourdesgrotten und Fatimaaltäre zwischen Altötting und Vierzehnheiligen, Wigratzbad und Konnersreuth. Nürnberg 1987.

[Kerber 1997] Kerber, Walter (Hg.): Personenkult und Heiligenverehrung. München 1997 (Fragen einer neuen Weltkultur 14).

[Kriss-Rettenbeck/Möhler 1984] Kriss-Rettenbeck, Lenz; Möhler, Gerda (Hg.): Wallfahrt kennt keine Grenzen. Themen zu einer Ausstellung des Bayerischen Nationalmuseums und des Adalbert-Stifter-Vereins, München. 2 Bde. München [u. a.] 1984.

[Pelikan 1999] Pelikan, Jaroslav Jan: Maria. 2000 Jahre in Religion, Kultur und Geschichte. Freiburg im Breisgau [u. a.] 1999.

[Posener 1999] Posener, Alan: Maria. Reinbek bei Hamburg 1999 (Rowohlts Monographien 50621).



[92] Anm. der Redaktion: Alle Zahlenangaben stammen aus dem Erscheinungsjahr 2003.

[93] Vgl. hierzu: [Blackbourn 1997].

[94] Zit. nach [Döring 2000].

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