Startseite: Bräuche im Salzburger LandFolge 1: Im Winter und zur WeihnachtszeitFolge 3: In Familie und Gesellschaft (in Arbeit)Begleitheft (in Arbeit)ZitierempfehlungVolltextsucheHilfe

11.4. Karl Adrian: In der Philippsnacht

Karl Adrian (Ulrike Kammerhofer-Aggermann)

11.4.1. Karl Adrian: In der Philippsnacht[4032]

Die Nacht vom letzten April zum 1. Mai heißt beim Landvolke in der Umgebung Salzburgs allgemein die Philippsnacht. In dieser Nacht führen die Burschen in der Gegend von Leopoldskronmoos, Wals, Ursprung, Elixhausen und anderen Orten manchen Schelmenstreich aus. Dabei haben sie es vornehmlich auf jene Bauern abgesehen, von denen allgemein bekannt ist, daß in deren Hauswesen keine Ordnung herrscht. Selbst die vorsichtige Bewachung des Gehöftes schützt oft nicht vor einem gelungenen Überfall. Die Burschen stehlen alles, wessen sie nur habhaft werden können; Werkzeuge, Pflug und Wagen, Gewandstücke, Zimmergeräte usw., selbst der Hühnerstock ist vor ihnen nicht sicher. Die entwendeten Gegenstände werden dann auf entlegene Feldwege verschleppt und auf einer langen Stange aufgerichtet. Zur Bewachung stellt man eine ausgestopfte männliche Puppe dazu. So ein merkwürdiger Maibaum wird Kramerstand genannt. Am nächsten Tag mögen nun die Besitzer ihre Sachen zusammensuchen, wo sie sie finden. Die nackten Stangen, an deren Spitze ein leeres Medizinfläschchen baumelt, erinnern noch lange an diesen Schabernack. Der Spaß erreicht aber seinen Höhepunkt, wenn es gelingt, einen Heuwagen oder doch wenigstens einen Pflug zu entführen. Der wird in eine weit entfernte Ortschaft gebracht. Dort zerlegt man ihn in seine Teile und setzt diese wieder mit großer Mühe und Arbeit auf dem Dachfirst eines Stadels, ja selbst eines Hauses zusammen. Erwischt man einen Mistwagen, so wird der auf dem Dache noch mit Mist beladen. Man kann sich das Erstaunen und die Überraschung des Besitzers denken, wenn der am folgenden Morgen das unwillkommene Geschenk, das für ihn nur Arbeit und manchmal auch Verdrießlichkeit bedeutet, erblickt.

Früher waren diese Geräte auch in der Wagenhütte nicht sicher und mußten von den Bauern mit Ketten angehängt und versperrt werden. Da nun bei einem ausbrechenden Brande großer Schaden dadurch entstehen könnte, wurde verboten, in Ordnung aufbewahrte Feldgeräte zu vertragen. Auf das Verstecken und Vertragen kommt es ja hauptsächlich an. Unliebsam genug ist es für den Besitzer, wenn ihm sein Jauchefaß in den Murhang geworfen wird. Es füllt sich mit Wasser, da aber der Boden im Murhang recht schlammig und weich ist, so kostet es große Anstrengung, das Faß wieder herauszubringen; ebenso schwierig ist es, ein auf eine Halmtristenstange gestecktes Rad herabzuholen. Besonders in der Gegend von Moos ist man außerordentlich erfindungsreich an solchen übelangebrachten Scherzen. Vor dem Marienbade sah man in der Frühe des 1. Mai oft eine hohe Säule errichtet aus Hühnersteigen, Scheibtruhen, Sesseln und Tischen. Die Fensterbalken haben auch keine Ruhe, sie werden ausgehängt und vertragen; in früheren Zeiten wurde auch mit Vorliebe die Leierstange am Brunnen abgenommen und versteckt, das gleiche Schicksal hatte der Hühnerstock, mit dem der Hühnerstall geschlossen wird. Verlockend sind besonders Wagen, die Holz und Torf geladen hatten. Man zieht sie hinab in den Graben. Manchmal holt man auch die Scheiter herab und scheut nicht die Mühe, Scheit an Scheit oder Torfziegel an Torfziegel die lang gestreckte Moosstraße entlang zu legen.

Hat ein Bauer ein schadhaftes Dach, das er aus Fahrlässigkeit nicht ausbessert, so sitzt am nächsten Tag ein Strohmann oben, der in der einen Hand eine Hacke, in der andern eine Schindel hält. Verliebte werden gerne geneckt, so vertauschte man den Schild einer Krämerin mit dem eines Handwerkers, da man wußte, daß dessen Sohn mit der Tochter der ersteren ein Verhältnis hatte, oder einem Bauernsohn wurde das Bett im Hause seiner Liebe versteckt, wo er es am nächsten Tag fand, während es einem andern im Heuboden vergraben wurde.

Selbst einander schonen sie nicht; während ein Bursche eifrig bei einer Gruppe mithalf, hingen ihm seine Kameraden sein Fahrrad hinauf in den Gipfel eines hohen Nußbaumes. Daß es oft ohne Schaden nicht abgeht, ist wohl erklärlich, so zum Beispiel wenn dem Bauer der Mist mit Reisig vermengt wurde, so daß stets eine Lage Mist mit einer Lage Reisig wechselte, oder von einem Hause wurden eine große Zahl Reisigbündel genommen, aufgeschnitten und auf dem Angerl, das ist der Grasgarten in der Nähe des Hauses, verstreut und der Platz mit dem Pfluge umgebaut. Da aber zu der Zeit das Gras schon ziemlich lang war, außerdem das Reisig vielfach aus der Erde hervorschaute, so war der Schaden nicht unbeträchtlich, da es sehr viel Arbeit kostete, das Angerl wieder instand zu setzen.

Besonders beliebt ist es, Gegenstände vor der Haustür so aufzustellen, daß sie beim Öffnen derselben in das Haus fallen und die Leute erschrecken. Auch der schmutzigen Stalldirn droht Unheil. Zur gewohnten Zeit tritt sie frühmorgens aus dem Hause, in dem Augenblick ergießt sich ein kräftiger Schwall kalten Wassers über sie, denn ein gefüllter Wasserkübel wurde so kunstvoll über der Tür angebracht, daß die erste Person, die die Tür öffnete, den Inhalt desselben zu verkosten bekam.

Es ist ja erklärlich, daß all diesen Scherzen eine gewisse Derbheit anhaftet, wie sie dem urwüchsigen Wesen des Volkes entspricht. Immer wieder zielt man darauf ab, den Spott der Nachbarschaft herauszufordern, und der oder die davon Betroffene hat jahrelang daran zu tragen. So setzt man einer unbeliebten Dirn ein „Moamandl“ (Maimandl), das heißt, man stellt ihr einen Strohmann auf das Dach. Besonders jenen, die wenig Beständigkeit in der Liebe zeigen. Daß dieser um die Entfernung dieser sonderbaren Liebesgabe zu tun ist, ist begreiflich; wenn es ihr nun selbst nicht gelingt, muß sie ein hübsches Trinkgeld darangeben, damit ihr ein Knecht oder der Dienstbube diesen Gefallen erweist.

Besonders haben es die Missetäter auf die Wächter abgesehen. Ein Bauernsohn hatte sich im Abort versteckt, um die zu überraschen und zu verjagen, die beim Hause etwas wegführen wollten. Doch den Burschen wurde sein Versteck verraten. Sie schlichen hinzu und vernagelten die Tür, dann drehten sie das „Häusl“ um, so daß der Gefangene gezwungen war, unter großen Schwierigkeiten auf der entgegengesetzten Seite die Freiheit zu gewinnen.

Ein anderer Bursche hatte sich, um den Nachtfahrern vorzupassen, in einem Düngerwagen verborgen. Augenblicklich wurden die Deckel zugeschlagen und man fuhr mit dem Wagen davon. Erst in Glanegg hielt man still und öffnete dem Gefangenen die Truhe, der wohl froh war, dieser wenig beneidenswerten Lage entronnen zu sein.

Im benachbarten Innviertel finden sich ähnliche Bräuche, dort heißt die Nacht vom Pfingstsonntag auf den Pfingstmontag die „Stirnacht“, richtiger Störnacht, weil stiren soviel wie stören bedeutet, indem die jungen Burschen den Bauern des Dorfes allerlei Schalkheiten antun.



[4032] [Adrian 1924], S. 116–119.

This document was generated 2021-11-29 17:48:35 | © 2021 Forum Salzburger Volkskultur | Impressum