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11.9. Karl Adrian: Alperer und Kasmandel

Karl Adrian (Ulrike Kammerhofer-Aggermann)

11.9.1. Karl Adrian: Der Alperer[4052]

Zu den weniger bekannten Aufzügen gehört der einst im Pinzgau gebräuchliche Alperer; selbst der sonst so treue Schilderer des Volkslebens, [Ignaz von] Kürsinger, sagt in seinem Buche „Ober=Pinzgau“ darüber: „Kaum mehr als in der Erinnerung leben [sic!] das Alpenfahren (eine Art des im Pongau heimischen Kühtreibens).“[4053] Und doch hat sich diese Sitte fast bis in unsere Tage erhalten. So berichtet die „Salzburger Chronik“ vom 19. November 1894, daß in den Tagen vom 10. auf den 11. November desselben Jahres unter furchtbar wüstem Lärm in Wald der „Alperer“ abgehalten wurde. Diese Sitte fand in den Siebziger- und Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts [Anm. der Hg.: 19. Jahrhundert] noch häufiger statt und sollte nach Meinung des Volkes nichts anderes sein, als die Darstellung eines Stückes „Almerlebens“, gleichsam die Erinnerung an die schöne Almenzeit im Bilde des Abtriebes von der Alm; dies ist der Eindruck, den man aus der Schilderung der Leute hierüber gewinnt.

Der Verlauf dieses Aufzuges ist nun folgender: Der Alperer fand immer und ausnahmslos am Vorabend von Martini, das ist am 10. November jeden Jahres statt. Zu dem Umzug vereinigten sich die Burschen der vier Gemeinden des Ober=Pinzgaues: Bramberg, Neukirchen, Krimml und Wald. Wenn nun der letzte Dämmerschein des Abends übergeht in das Dunkel der Nacht, dann vernimmt man im Tale ganz rätselhafte, hohle, langgezogene Töne, welche anscheinend aus der Luft niederschweben; sie rühren von den sogenannten „Büllhörnern“ her und sind Zeichen, womit sich die Sonnseitner mit den Schattseitner Burschen zum Aufbruche verständigen. Die Bramberger als die weitest Entfernten brechen zuerst auf und ziehen der Landstraße entlang nach Neukirchen, dort schließen sich die Neukirchner an und nun setzt sich der Zug fort gegen Wald, auf welcher Strecke ihnen die Walder entgegen kommen, um vereint mit den übrigen weiterzuziehen und schließlich den Alperer nach Ankunft der Krimmler beim Walderwirt „einzutoan“ – gleichsam eintun der Herde in den Stall – und den Zug aufzulösen.

Wenn auch die Teilnehmer nicht verkleidet oder vermummt, sondern im gewöhnlichen Gewande eines Hirten auf der Alm sich bei dem Zuge einfinden, so sind sie doch mit Eßglocken, Tuschglocken, wie sie das Almvieh in verschiedenster Größe trägt, oder mit Schellkränzen behangen. Manche davon, das sind die „Melcher oder Küahbuben“, sind auch mit langen Peitschen, „Klöcken“ genannt, versehen.

Der Lärm, der mit diesen Gegenständen verursacht wird, wirkt allein schon ohrenbetäubend, derselbe wird aber noch ins Maßlose gesteigert durch gellende Juchzer, schrilles Pfeifen und Schreien der Burschen, welche sich bemühen, die verschiedenen Laute des Alpenviehes möglichst kräftig und naturgetreu nachzuahmen. Besonders Ausrufe, die beim Viehtrieb üblich, wie: „Hu“, „gehst zuahi“, „Glückei“, „hescht auf stechen“, „Stoäsl“ mischen sich darein. Mit Zaunlatten, sogenannten „Giaschtn“, welche aus anderthalb Klafter langen Baumstämmen verfertigt werden und die vom obern bis nahe zum untern Ende gespalten sind, schlagen sie im Vorbeigehen an Heustadl, Zäune und dergleichen, wodurch ein weithin hörbarer, klatschender Ton erzeugt wird.

Dazwischen werden Lieder gesungen, nicht vierzeilige, sondern meist „Almer- und Trutzlieder“, jedoch keine, welche auf den Alperer Bezug hätten. In den Durchzugsorten wird Halt gemacht und beim Dorfbrunnen „gewassert“ – Wässern der Herde auf der Alm –, dann bewegt sich der Zug weiter zum Ziel. Die Zahl der Teilnehmer ist mittlerweile auf 70 bis 80 angewachsen. Nach erfolgter Ankunft in Wald und kurzer Rast geht auf der „Wirtsschied“ das Ranggeln los, es gilt die Habmoarschaft[4054] zwischen den genannten vier Gemeinden; denn jede derselben ist stolz darauf, den Habmoar in ihrer Mitte zu wissen. Hierauf beginnt das Leben im Wirtshaus, zu welchem sich die Bewohner des Ortes, vorzüglich die tanzlustigen, sowie jene aus den Nachbarorten einfinden.

Der Charakter des Alperer ändert sich teilweise von Mittersill abwärts; es ist dort damit eine Art Volksgericht, das sogenannte „Böck aufmiaten“, das ist das Vorhalten begangener Dummheiten, Liebesgeschichten und dergleichen verbunden, wodurch der Brauch dem Haberfeldtreiben ähnlich wird.

Arglose Leute und besonders Frauenzimmer gehen den Alperern auf ihrem Zuge möglichst weit aus dem Wege, und mit Recht, denn es gibt oft groben Unfug. Da aber Tag und Stunde der Veranstaltung bekannt sind, so ist es leicht, jede Begegnung zu vermeiden.

Zum Vergleiche mit vorstehender Schilderung gestattet man sich auch über das „Almfahren“, wie es in Reit im Winkl in Bayern noch Sitte ist, zu berichten und damit den Beweis zu erbringen, daß der „Alperer“ nicht ausschließlich sich auf den Pinzgau beschränkt, sondern, daß derselbe in größter Ähnlichkeit auch in den Grenzgebieten Bayerns sich findet. Die nachstehenden Ausführungen bringen nur Einzelheiten, die dem Verfasser unmittelbar aus dem vorgenannten Orte zugekommen sind.

Ein uralter in Bayern heimischer Brauch ist das „Almfahren“. Die Bedeutung dieser Sitte leitet man davon ab, daß in früherer Zeit, wahrscheinlich bis zum Jahre 1859, jeder Besitzer sein Vieh auf den Alpen und Freibergen bis Martini weiden lassen durfte. Damit nun die ersteren auf diesen Zeitpunkt aufmerksam wurden, veranstaltete eine Schar junger Burschen am 10. November, das ist am Vorabende vor Martini, das „Almfahren“. Die Teilnehmer zogen hierauf mit Kuhglocken und Peitschen lärmend von Haus zu Haus. Ist vor dem Hause ein Brunnen, so wird das Vieh gewässert und in Form eines Viehhandels werden, durch die bei einem solchen gebräuchlichen Wechselreden, die Bewohner, besonders das jüngere Weibervolk, scharf hergenommen; hauptsächlich wenn sich im Laufe des Jahres im Hause irgend etwas ereignet hatte, das besonderen Anlaß zu rügen bot, dann gestaltet sich die Sache zu einer Art Haberfeldtreiben.

Ist dieses Treiben beendet, so geht es dem Wirtshause zu. Dort wird die „Kälberkuh“ aufgeführt; es handelt sich dabei, einen Uneingeweihten ordentlich aufsitzen zu lassen. Dieser wird, nachdem der Viehdoktor seines Amtes gewaltet, über und über berußt und so in ein schwarzes Kalb verwandelt! Zum Schlusse erhält er dann zum Gaudium seiner Begleiter noch einen „Schapfen“ Wasser über den Kopf als Draufgabe.

11.9.2. Karl Adrian: Das Kasmandel[4055]

Oen Lessacha Winkö, is a

wundschönachs Oacht;

’s springen dö Gamsla, und

es wallacht da Boacht.

(Lungauer Mundart.)

Unsere heimatliche Sage kennt eine Anzahl von spukhaften Gestalten, die in den tiefen Bergwinkeln ihre Heimat haben; so den Alpengeist Donanadl, den freundlichen Behüter der Alpe und des Viehes; die Alraunen, vertraute Geister, die den Bewohnern mit Rat und Tat beistehen; den neckischen Putzgauch und den grauenhaften Kunter; die Bergwichtel Kaputzer und Schranel; den wilden Talraith und das Kasmandel.

An die Erscheinung des letzteren knüpft sich nicht nur die Sage, sondern auch ein Lungauer Brauch, der sowohl dem Alperer wie dem Kühetreiben nahezu gleich ist. Die Sage vom „Kasmandel“ lautet: „Im Lessachwinkel des Lungaues treibt sich das Kasmandel, ein kleines Männlein von eisengrauer Farbe, mit bleichem, runzligem Gesichte herum, das den Leuten manchen Schabernack spielt. Während des Sommers hält es sich auf den höchsten Bergspitzen, in unzugänglichen Wäldern auf und lebt von Wurzeln und Kräutern. Im Herbste aber, wenn die Senner die Alm verlassen und mit der Herde heimgefahren sind, dann kommt das Kasmandel aus seinem Schlupfwinkel hervor, sucht die Almhütten auf und sammelt da alles, was die Senner und Hirten weggeworfen, verloren oder zurückgelassen haben. Diese Überreste käset es dann und lebt davon den ganzen, langen Winter über. Im Sommer, zur Zeit der Auffahrt auf die Almen, verläßt das Kasmandel die Almhütten wieder und kehrt in seine einsamen Schlupfwinkel zurück.“[4056]

Aber auch mit den Menschen tritt das Kasmandel in Berührung; so straft es den übermütigen Burschen, der es schreiend auffordert, Milch zu bringen, indem es ihn zwingt, eine Schüssel voll eklen Inhaltes zu sich zu nehmen; freilich gießt er die Brühe, ohne daß es das Männchen merkt, in die Kleider. Ein anderes Mal verschafft es dem geigenden Knecht durch sein Erscheinen des Bauers „blößado Kuah“; endlich findet es sich bei dem Jäger ein, der in der Hütte am Spieße den Braten schmort; lüstern verlangt es danach, doch derb auf die Finger geklopft, klagt es den Bergen sein Leid und wendet sich dann zornig an den Jäger mit den Worten: „Hättest Du nicht Deinen vierbeinigen Beiß und Deinen einäugigen Heiß, ich wollt Dir’s anders machen!“ und verläßt die Hütte.

Das Kasmandel ist der Alpengeist, der nach Meinung der alten Lungauer zu Martini statt der Alpenleute die verlassenen Hütten bezieht. Man nimmt nämlich an, daß zu Martini aus allen Alpen, auch aus den Bodenalpen das Vieh abgetrieben ist und der Senner über den Winter dort nichts mehr zu suchen habe. Sobald man annehmen darf, daß das Kasmandel von der Alpe Besitz genommen habe, wird es mit einem Höllenlärm, dem Schnalzen großer Peitschen, Schellen, Läuten u. dgl. dorthin verbannt. Dort darf das Kasmandel verbleiben bis Georgi, das ist den 24. April; am Georgivorabend wird es durch Klöcken wieder aus der Alpe vertrieben. Von daher rührt auch der Brauch, daß beim Auftrieb auf die Alpen sowohl wie beim Abtrieb in den Ort mit großen Peitschen geklöckt wird; dasselbe wird wiederholt bei der Ankunft des Viehes auf der Alpe selbst, damit das Kasmandel weiß, daß es jetzt dort nichts mehr zu schaffen habe, und sich entferne.

Alle jungen Burschen des Lessachwinkels versammeln sich an diesem Abend außerhalb des Ortes. Jeder bringt ein Lärmwerkzeug mit, als Glocken, Schellen, Rollen, Peitschen, Pfeifen, Deckel u. dgl. Sie gehen nun still eine Strecke gegen den Talschluß hinein; dort verkleiden sie sich und treffen alle Vorbereitungen zur wilden Jagd. Ein schriller Pfiff und nun zieht die Rotte unter gräßlichem Schreien und Lärmen, unter Peitschenknall, Pfeifen und Läuten, unter Trommeln und Rasseln weiter dem Dorfe zu. Dazwischen ertönen die nachahmenden Laute verschiedener Tiere: das Muhen und Brüllen der Rinder, das Brummen der Bären, Heulen der Wölfe, Miauen der Katze und Bellen der Hunde.

Sobald die Bewohner des Dorfes den Höllenlärm aus der Ferne vernehmen, flüchten sie sich in die Häuser und verschließen eiligst Fenster und Türen. Wehe denen, welche die Neugierde aus den Häusern treibt oder die auch nur zum Fenster heraussehen. Sie werden mit Wasser begossen oder in dasselbe getaucht, selbst mit Pech und übelriechenden Ölen besudelt. Nachdem die wilde Meute das Dorf unter greulichem Lärm durchrast hat, verliert sie sich allmählich in eine Gasse und Stille kehrt in das Tal zurück. Bei dem Volke heißt’s dann: „Jetzt kommt ’s Kasmandel aus der Alm.“

Übrigens gibt es Leute, die sich einbilden, das Kasmandel auch im Sommer gesehen zu haben, wie es aus dem Heuschupfen Heu stiehlt, was dann als Zeichen gilt, daß die Weide schlecht werde und bald zu Ende gehe. Nicht anders als ein kleines Männchen von eisengrauer Farbe mit erdfalbem, runzlichtem Gesicht stellt man sich den Alten vom Berge vor.



[4052] [Adrian 1924], S. 204–207.

[4053] Anm. der Redaktion: Karl Adrian liefert hier, wie auch an weiteren Stellen, keine weiteren Belege.

[4054] Anm. Adrian: In diesem Teil Pinzgaus heißt der Gewinner nicht Hagmoar.

[4055] [Adrian 1924], S. 209–212.

[4056] Anm. der Redaktion: Karl Adrian liefert hier, wie auch an weiteren Stellen, keine weiteren Belege.

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