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11.19. J. A. Schultes: Die Alpen – Idylle und Gefahr

11.19.1. Joseph August Schultes (1773–1831) (Ulrike Kammerhofer-Aggermann)

Der Botaniker Joseph August Schultes wurde 1773 in Wien geboren und studierte dort Medizin und Naturwissenschaften. Nach der Promotion wurde er Professor an der Theresianischen Ritterakademie und wirkte jeweils kurzfristig in dieser Funktion auch in Krakau und Innsbruck. Im Jahre 1810 erhielt er den Ruf als Direktor der chirurgischen Schule in Landshut, wo er 1831 nach vielen Schicksalsschlägen starb.

1794 veröffentlichte er eine umfassende Flora von Österreich, 1817 eine Geschichte und Literatur der Botanik mit der Geschichte von 128 botanischen Gärten. Sein Herbarium wurde an die Universität Charkow in Russland verkauft. Zwischen 1817 und 1830 gab er mit anderen (unter anderem mit seinem Sohn Julius Hermann) eine zehnbändige Neuausgabe von Carl von Linnés „Systema vegetabilium“ (Systemkunde der Pflanzen) heraus. Seine Forschungsreisen fanden auch in vielen Reiseberichten Niederschlag: unter anderem „Ausflüge nach dem Schneeberg“ 1802, „Reisen durch Oberösterreich“ 1809 oder „Reise auf den Glockner“ 1824.[4295]

In diesen Texten finden wir den Blick des Fremden auf Salzburg, der sich einem Land annähert, das erst seit einem Jahr unter der Herrschaft der Habsburger steht. Aus Schultes spricht der österreichische Beamte, der Vergleiche zwischen dem reichsunmittelbaren Salzburg und Österreich zieht. Er kritisiert die Regierung von Erzbischof Hieronymus (Graf) Colloredo (1772–1803) (der sich im Zuge des Koalitionskrieges gegen Frankreich ab 1800 in Wien aufhielt und dort 1803 abgedankt hatte) und hält die – bis zum Erscheinen des Buches – einjährige Herrschaft der Österreicher (unter Großherzog Ferdinand III. von Toskana, 1769–1824; Großherzog der Toskana: 1790–1801 und 1814–24, einem Bruder von Kaiser Franz I.) bereits für eine Verbesserung.

Salzburg war ja von 1803 bis 1805 Kurfürstentum des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (das noch bis 1806 bestand). Mit dieser Zeit begann für Salzburg eine wechselvolle Geschichte: 1805 stand es kurzfristig unter französischer Regierung, von 1805–1809 kam es durch den Frieden von Pressburg (26. Dezember 1805) erneut an Österreich (inzwischen Kaisertum Österreich), von 1809 bis 1810 war es durch den Sieg Napoleons (1769–1821) wiederum französisch. 1810 bis 1816 wurde es mit dem Frieden von Schönbrunn (14. Oktober 1809) schließlich als „Salzachkreis“ Bayern zugeschlagen und erst mit dem Wiener Kongress (1814/15) kam es 1816 endgültig zu Österreich und wurde Teil des Kronlandes „Österreich ob der Enns“. Eine Zeit also, in der Plünderungen und Auflösungen von Eigenständigkeiten an der Tagesordnung waren und das Land wie das Selbstverständnis seiner Bewohner arg durchgerüttelt wurden. Schultes' Stil ist die klassizistisch-romantische Naturbetrachtung mit der typischen Übersteigerung der Naturerscheinungen. Der Blick auf die Menschen schwankt zwischen ethnologischer Neugier, Suche nach der Pittoreske und Abscheu des aufgeklärten Bildungsbürgers für die einfachen Lebensumstände und unlogischen Welterklärungen.[4296]

11.19.2. Die Alpen – Idylle und Gefahr[4297]

„Die Gegend um Salzburg ist der Vereinigungspunct aller Naturschönheiten, die die üppigste Phantasie sich auf dem Continente wünschen kann.“[4298]

11.19.2.1. Naturbegeisterung, Trachten

11.19.2.1.1. Naturschauspiel Gasteiner Ache

Schultes schildert in romantisch-pathetischer Naturbegeisterung, wie er in Lend von einem Gewitter überrascht wurde und die Dramatik der Alpen erlebte. Wir denken an Jean Jacques Rousseaus Fahrt über den Genfer See, an Albrecht von Hallers Alpenschilderungen und an Caspar David Friedrichs Bilder, wenn wir diese Zeilen lesen: „... [Anm.: in Lend] ... brach über die wilde Clamm ein Hochgewitter in’s Thal herab. Von der Gallerie unseres Einkehrhauses, das dicht an der Salza stand, sahen wir ruhig wie die Wolken mit den Felsenwänden des Passes kämpfen, sahen sie Blitze schläudern hinauf an ihre Gipfel und hinab in ihre Abgründe, und hörten aus ihren Schlünden den Donner dreyfach lauter brüllen. Suave mari magno etc.

Eine arme Kranke begegnete uns am Fuße der Clamm: sie mag eben die schauerlichsten Stellen durchfahren haben, als das Gewitter über sie ausbrach. Ich möchte, so gesund ich bin, das Abenteuer eines Gewitters in diesen wilden Engen nicht bestehen, wo der, den der Blitz verschont, mit hundert und hundert herab geschläuderten Steinen zu kämpfen hat, die der Gewittersturm herab wirft. [...]

Vergebens spannte die friedenbringende Iris ihren Siegesbogen über die Wolken und über die Alpengipfel: immer rollten schwerer und schwärzer Regenwolken über die Berge herab, und wir hatten das Vergnügen, sechs und dreyßig Stunden in Lend zubringen zu müssen. Der Regen erlaubte uns kaum den letzten Sturz der Gasteinerache in die Salza zu besuchen und zu bewundern. Dort, wo sie aus den Felsenschlünden der wilden Clamm über Trümmer von Bergen hervor tobt, wälzt unter ihr die mächtigere Salza ihre eilenden Wogen hin. Sie scheint zu zürnen, daß sie, die Felsenbesiegerinn, hier von den Fluthen einer höher gebornen Nymphe verschlungen werden soll, und, einer Verzweifelten ähnlich, wagte sie den letzten vernichtenden Sprung herab von der Felsenwand, und verschwindet in den Tiefen der Salza auf immer [...].“[4299]

11.19.2.1.2. Das Wachthaus am Pass Lueg

„Je weiter wir gen Norden kamen, desto enger drängten sich die Felsenwände gegen einander. Auf einem herab gestürzten Felsenblocke sahen wir in der Ferne das Wachthaus des Passes Lueg kühn hingebaut. Hier schienen die Wände sich zu schließen; hier schien kein Ausgang mehr zu seyn für den schäumenden Waldstrom, der brausend sich an den dämmenden Felsen zerschlägt, und für den scheu gewordenen Wanderer: der Waldstrom droht ihn zu verschlingen, die Felsenwände drohen ihn zu erdrücken. Sympathisch mit ihm klimmt der schmale Pfad einen Felsen hinan, und zagend erreicht er, unter weggesprengten Felsenblöcken, das Wachthaus, durch dessen enges Thor die Straße führt. [...] Auf einem 100 Fuß hohen Felsenstücke, das über den Abgrund senkrecht hinaus ragt, der die Salza einengt, ist hier das Blockhaus hingebaut. Seine Grundpfeiler kämpfen in der Tiefe mit den reissenden Wogen des Waldstromes, und sein Giebel mit den Sturmwinden, die in dieser Schlucht unaufhörlich wüthen. Das Heulen des Windes und das Tosen der Wogen in der Tiefe hallt von den Felsen wieder.

In dieser Wüste, in diesem schauerlichen Blockhause wohnen zwey Invaliden, die das traurige Geschäft haben, die Reisenden nach den Pässen zu fragen. Auch wir wurden hier angehalten, und während man unsere Pässe visitierte, hatten wir Gelegenheit, diese Wildnis zu studieren [...]

Während unseres Daseyns war man beschäftigt, den nördlichen Eingang dieses Passes, der aus einer an die Felswand hingebauten Brücke besteht, auszubessern, und zwölf Tage lang konnte keine Kutsche hier passiren. Mehrere Badegäste zu Gastein wurden dadurch gezwungen, ihre Curzeit zu verlängern.“[4300]

11.19.2.1.3. Die Tracht in Lend 1804

„Es war eben Sonntag, als wir hier dem Jupiter pluvius einen Ruhetag feyern mußten, und was noch mehr ist, es war eben Kirchweihe und Tanz hier. Wir hatten durch diesen glücklichen Zufall Gelegenheit, genauere Bekanntschaft mit den Bewohnern dieses Thales zu machen, die, des unablassenden Regens ungeachtet, in vollem Staate hier zur Kirche und zum Tanze kamen. Der Anzug der Männer, so wie der der Weiber, verrieth eben so viel Wohlstand als Mangel an Geschmack. Natur und Bauernschmuck und Zierath aus dem Siècle de Louis XIV. war hier im Kampfe an einem und demselben zweybeinigen Wesen. Den schönen nackten Hals, über den sich das Haar in zierlichen Zöpfen hinauf wand zur silbernen Nadel, die es fest hielt, verbarg ein giftgelber Filzhut mit grünen oder schwarzen breiten Seidenbändern, die die Krempe herab drückten, wie der Reif den Hut eines welkenden Blätterschwammes. Augen, Nase, Mund, Wangen, alles stahl diese Krempe: nur die lang gestreckten Unterkiefer, die hier den Weibern eigen zu seyn scheinen, konnten sie nicht verstecken. Ein steifer viereckiger Brustschild verbarg die rundlichten Wölbungen, und Falten ohne Zahl an den kurzen Röcken verhüllten die weichen Hüfte. Wenn so ein Wesen ein Regendach über sich ausgebreitet trug, so sah es einem chinesischen Figürchen ähnlich, wie ein Ey dem andern. Nur wenige Männer hatten den eigenen Habit der Gebirgsbewohner: die meisten entstellte der dreyeckige Hut in Chapeaubas Gestalt, ein Rock mit langer Taille, und Aermel wie jene an den Gallaröcken der weiland Hofcavaliere. Die jungen Bursche allein waren noch Bauern comme il faut.“[4301]

11.19.2.1.4. Die Tracht in Lend 1804

In der Schilderung der Bevölkerung in ihrem Sonntagsstaat sehen wir die puristischen Schönheitsvorstellungen und romantischen Klischees von Ländlichkeit des Aufklärers. Schultes hat das durch seinen Stand und sein Bildungsniveau vorgeprägte Bild des „reinen Naturkindes“, der „unverfälschten Natürlichkeit“ im Kopf und findet vor seinen Augen eine ländliche Gesellschaft in ihrem Sonntagsstaat, der die Stile verschiedener vergangener Epochen mit den Kleidungsvorschriften für die Stände sowie den regionalen Besonderheiten vereint. Dadurch treten Fiktion und Realität in Konflikt. Schultes, seiner Erwartungen betrogen, ergeht sich in gelehrt bildungsbürgerlichem Abscheu.

Josef Dürlinger erwähnt eine Kleidervorschrift für die Landbevölkerung, die als fürsterzbischöfliches Mandat am 20. November 1526 erlassen worden war und – was Dürlinger wohl zu Recht so sieht – nicht unbedingt mit den Einsparungen nach den Bauernkriegen zu erklären ist: „daz nu fürohin auf dem Land unsers Stifts durch den gemein Pauersmann, auch sein Weyb, Kinnder und Eehallten [Anm. Kammerhofer: Dienstboten] khain Samat auf den Röckchen, auch khain Goldt in den Khrägen und Schlayrleysten [Anm. Kammerhofer: (Ärmel-)Spitzen] und auch die seidenn Wammas, Pyret [Anm. Kammerhofer: Biret], getaylt oder zerschnitten Hosen und Wammas [Anm. Kammerhofer: Renaissancemode des Adels] nit söllen getragen werden; es soll auch Pauersmann ime, sein‘ Weib und Khinder tewren Tuech kaufen, denn ungehauerlich die gemaine Lofren [Anm. Dürlinger: Tücher von der Fabrik in Lofer) sein“.[4302]

Die genaue Schilderung der Kleidung bei Schultes führt uns eine Tracht mit stilistischen Einflüssen des ausgehenden 18. Jahrhunderts, des Rokoko, vor Augen, in dem die kurzen, weiten Frauenröcke der spanischen Tracht noch nachwirken. Der Stand der Kleidung entspricht jenem, der für jüngere und höherrangige Personen in der Kuenburgsammlung festgehalten ist. Dort tragen erst die städtischen Handwerksgesellen, nicht aber die Bauern den Dreispitz, während sich der bäuerliche Männerhut erst aus dem breiten Rundhut entwickelt, der sich an den Rändern aufwölbt und über der Stirne aufschwingt. Alle Männer tragen noch den wadenlangen Rokoko-Rock, der bei den Handwerkern im Stil des Rokoko üppig aufgeschlagen und mit Borten und Knöpfen verziert ist. Am ehesten entspricht die St. Johanner Bürgerstochter der bei Schultes geschilderten Frauenkleidung.[4303]

Weitere Kommentare zur Tracht finden sich bei Schultes[4304]: Am siebenstündigen Weg über den Rauriser Tauern nach Gastein, auf der Strecke zum Tauernhaus, begegnete den Reisenden eine einzige Person, ein „freundliche(n)r Aelpler an seiner Hütte“ (Seite 19), wie er nachbetrachtend feststellte: „Jetzt senkte der Pfad sich steil hinab in’s Thal an dem Tauernbache zu einer Alpenhütte, vor der uns ein stattlich gekleideter Bauer voll silberner Knöpfe willkommen hieß. [...]“ (Seite 17)

11.19.2.2. Kirchweih-Tanz und Musik in Lend

„Während wir in einem Kerker ähnlichen Zimmer dem Mittagsmahle entgegen harrten, eröffnete die prima Donna der Gegend im Flötze des Hauses, das heute zu einem Tanzsaale umgestaltet wurde, den Ball. Auf einer hölzernen Bühne thronte das Orchester, drey Schulmeister mit einem Hackbrete und zwey kreischenden Violinen. Nach jedem zwölften Tacte schwieg die Musik, und das tanzende Paar hörte auf sich zu drehen. Der Tänzer, der seine Dirne am Arme im Kreise herum führte, fing jetzt an zu singen, und erst wenn das Liedchen zu Ende war, hob die Musik oder vielmehr das Stampfen der Musikanten mit den Füßen, das alle Musik überlärmte, mit neuem Feuer an. Der gutturale hohe Ton, in dem die Lieder gesungen wurden, die komischen Dissonanzen in ihrer Melodie, und mehr noch der Dialekt der Sprache machten uns, so aufmerksam wir horchten, diese Gesänge ganz unverständlich, und alles, was wir heraus zu bringen vermochten, war, daß diese Lieder Satyren auf diese oder jene Dirne, auf diesen oder jenen Buben sind, die an irgend ein verunglücktes Abenteuer oder an irgend eine lächerliche Begebenheit seit dem letzten Jahre erinnerten. Je artiger, d. h. je gröber diese Fesceninnen waren, desto lauter hallten die mächtigen Tactschläge unter den Füßen des applaudirenden Orchesters. Der kurze Tanz hatte mit unserem Steyrischen einige Aehnlichkeit, ohne übrigens die Leichtigkeit des Spieles mit den Armen und die Mannigfaltigkeit der wechselnden Figuren zu haben, die den steyrischen Tanz so sehr auszeichnet. Das Non plus ultra schien hier ein schnelles Drehen der Dirne am Finger des Tänzers zu seyn, unter welchem das kurze Röckchen hoch über jene Theile aufflog, die man nicht ohne Lächeln sehen kann.“[4305]

11.19.2.2.1. Thomas Hochradner: Kommentar zur Schilderung des Kirchweihtanzes

Den Kirchweihtanz schildert uns Schultes als Paartanz mit Figuren, der von Paraden unterbrochen wird, in denen die Burschen Gstanzl singen, die den Regeln der sozialen Kritik und Kontrolle entsprachen. Die Musikanten griffen nachfolgend die Gstanzlmelodien auf und spielten so zum Tanz auf. Unter den zahlreichen Schriftstellern, die damals eine ländliche Tanzvergnügung im Salzburgischen beschreiben, ist Schultes der einzige, der vom Stampfen der Musikanten mit den Füßen berichtet, während andere Autoren das Stampfen der Tänzer erwähnen. Stampfen zählt indes durchaus mit zum volksmusikalischen Geigenspiel und sollte hier die rhythmische Stabilität des Vortrags gesichert haben. Das Singen der Gstanzl mit Kopfstimme war allgemein üblich.

Sofern die Mitteilungen Schultes’ Aufschluss über den Tanz selbst geben, handelte es sich um einen „Wickler“ aus der für gewöhnlich im ¾-Takt gehaltenen Tanzfamilie der „Ländler“, bei dem jedoch im Vergleich zum „Steirischen“ weniger Armverschlingungen und Tanzfiguren vorkamen. Die Besetzung der „Tanzkapelle“ mit zwei Geigen und Hackbrett entspricht dem zeitgenössischen Standard. Gelegentlich wurde dieses Instrumentarium mit einer Bassgeige ergänzt. Um aufspielen zu dürfen, galt es eine Lizenz zu lösen, die sich das Gesinde kaum je leisten konnte. Daher besorgten in der Regel „Schulmeister“ oder Spielleute aus dem Handwerkerstand die Tanzmusik. In der Darstellung des Orchesters wird die Rolle der Schulmeister als Dorfmusiker deutlich, Gerlinde Haid hat auch am Beispiel des Salzamtsschreibers Schmalnauer in Bad Ischl diese Praxis und übliche Verordnungen dazu dargestellt.[4306] Probleme mit der Stimmung, die besonders das Hackbrett betrafen, könnten die von Schultes bekrittelten „komischen Dissonanzen“ bewirkt haben.

An Kirchweih bot sich eine der wenigen Tanzgelegenheiten, die gemäß der 1774 noch unter Fürsterzbischof Hieronymus Graf Colloredo für das Erzstift Salzburg erlassenen Tanzordnung gestattet war. Das „schnelle Drehen“ der Tänzerinnen blieb darin unbehelligt, war aber in früheren Vorschriften verboten worden, eben weil „das kurze Röckchen hoch über jene Theile aufflog, die man nicht ohne Lächeln sehen kann“ und daher einen „unsittlichen“ Anblick freigab. Freilich hatte sich diese Bestimmung nie durchsetzen können.

„Das immerwährende Einerley dieses Ballfestes konnte unsere Langeweile nur noch drückender machen, und die einzige Ressource, die wir hatten, war das einzige Buch, das wir in dem Schranke des Wirthes fanden. Während man auf dem Flötze sich sündhaft drehte und wälzte – lasen wir zu unserer aller Erbauung das große Leben Jesu Christi von P. Ehrhardt, Pfarrer zu Parr, das 1740 geschrieben, und, Dank sey es der Propaganda zu Augsburg, 1795 (also noch acht Jahre vor der bayerschen Censur daselbst) cum licentia Superiorum gedruckt wurde. Wir lasen hier die Länge und Breite der Hölle, lasen und sahen die chirurgischen Operationen der Teufel an den Verdammten, und unterhielten uns an diesem Kraftwerke eines würdigen Rivalen des Pater Kochem so gut, daß wir, als es Abends aufhörte zu regnen, noch ungewiß waren, ob wir unseren Ehrhardt auslesen oder nach St. Johann’s weiter fahren sollten.“[4307]

11.19.2.3. Die Fahrt nach St. Johann

„Das Letztere wurde beschlossen und eben so schnell ausgeführt. Wir nahmen von unserem Wasserfalle, als wir noch ein Mahl bey ihm vorüber fuhren, herzlich Abschied, und rollten, wetteifernd mit der schnell hinströmenden Salza, mit ihr hinab in’s Thal. Die Berge verflächten sich, so wie wir dem Laufe der Salza folgten; die Gegend umher wurde sanfter, und nur hier und da rauschte der Waldstrom wilder durch Felsentrümmer. Es war noch hell genug, um die Verwüstungen zu sehen, die er bey überfülltem Bette um sich her verbreitet. Wir sahen die Reste eines schönen großen Feldes, das er noch vor wenigen Monathen einem fleißigen Bauer wegriß. Aber bald war es dunkel: der Mond blickte nur weilenweise herab in’s Thal durch die Wolken, die ihn umgaukelten; aus der Tiefe herauf stieg das Rauschen der tobenden Salza, das in den Wäldern wiederhallte. Oft rollte der Wagen haarbreit an ihrem felsigen Ufer hin, und ein Fehltritt des Pferdes würde uns mit Mann und Roß in ihren Abgründen begraben haben. Schaudervoll war der Weg an ihrem linken Ufer. Ueberhängende, kümmerlich mit Balken gestützte Felsen bogen sich über die schmale Straße herein, die an der Felsenwand sich über den Wildstrom hinaus hing. Widerlich war es zu sehen, wenn das Pferd die schaukelnde Kutsche den steilen Felsenweg hinan zog: so oft es ruhte, um Athem zu hohlen, rollte der Wagen mit ihm zurück, daß der Bogen der Räder hinaus stand über den Fluß: und wenn es die Höhe erklommen hatte, dann rasselte es den Abhang hinab, daß man an jeder Wendung des schmalen Weges hinaus zu fliegen fürchten mußte in die schäumenden Wirbel des Stromes, die unten an den Felsen sich zerschlugen. Ich gestehe es, daß ich mich scheute hier zu fahren: und wäre es nicht Nacht gewesen, so würden die Merkwürdigkeiten dieses Thales mich ohnedieß nicht ruhig auf einem Wagen vorüber haben rollen lassen.“[4308]

11.19.2.3.1. Kommentar Ulrike Kammerhofer: Reisebedingungen im 17. Jahrhundert

Schultes schwelgt in seinen Schilderungen in der Beschreibung der Gefahr, wie sie den Reiseberichten des 19. Jahrhunderts eigen ist. Allein schon diese unter einer bestimmten bildungsbürgerlichen Erwartungshaltung angetretene und geschilderte Reise überhöht das Gesehene und verstellt die Realität. Wie in jedem autobiografischen Bericht, umso mehr noch in einem zweckbestimmten, der Öffentlichkeit zugedachten Erlebnisbericht, wird im Sinne der Ziele des Autors Realität zur subjektiven Wirklichkeit verändert.[4309] Auch aus älteren Schilderungen erfahren wir über die Reisebedingungen Interessantes, aber wenig Komfortables.

Mitte des 17. Jahrhunderts war der Gebrauch von Reisewagen schon häufig, denn im Wagen reiste es sich bequemer als zu Pferd und schneller als in der Tragsänfte. Dennoch dauerte eine schnelle Wagenfahrt von der Stadt Salzburg nach Wildbad Gastein drei Tage. Von der Badereise des Abtes Placidus Buechauer von Kremsmünster (1665) wissen wir, dass er die Reise per Kutsche in fünf Tagen (50 Fahrtstunden) erledigte. Wegen schwacher Gesundheit wurde einer der mitreisenden Patres aber in der Sänfte von Salzburg nach Kremsmünster zurücktransportiert und zahlte dafür 20 Gulden. Eine Leihkutsche des Salzburger Landkutschers Michael Gwandtner kostete damals von Salzburg nach Gastein 20 Gulden. Aus den Reiserechnungen erfahren wir auch, dass für die Kutschpferde des Abtes in den Nachtquartieren (Moritz Faber in Golling bzw. Niclas Schartner in Lend) jeweils pro Pferd bezahlt wurden: 1 Kreuzer Stallmiete, 1 Pfund 16 Kreuzer Wagenschmiere, 28 Kreuzer Baumöl zum Leuchten und 20 Kreuzer Branntwein zum Waschen des Pferdes.[4310] Zu dieser Zeit fungierten Wurzelgräber als Berg- und Fremdenführer für die Badegäste in Gastein. In der Stadt Salzburg erhielt der Fremdenführer vom Abt 35 Kreuzer als Bezahlung.

Zum Vergleich dieser Preise seien andere Ausgaben des Abtes angeführt: 1 Schachspiel für 55 Kreuzer, zwei Pakete deutsche Spielkarten um 10 Kreuzer, ein Viertel Wein für einen Pater zu 24 Kreuzer und für den Abt zu 42 Kreuzer, 1 Gulden Trinkgeld für den Begrüßungsblumenstrauß und 3 Spezidukaten à 4 Gulden als Trinkgeld für den Bader nach der Kur.[4311]

Auch die Postnachsendung für solche Reisen war ein Abenteuer für sich. Wichtige Briefe brachte ein reitender Bote von Kremsmünster nach Salzburg. Von dort nahmen die Handelsleute Berhard Fraisauf und Ferdinand Peysser, mit denen das Stift arbeitete, die Post mit nach Wildbad Gastein. Die normale Post ging – gleichsam intern – von Kremsmünster zum Stiftshaus nach Wels, von dort mit dem Salzburger Welserboten nach Salzburg, von dort mit dem erzbischöflichen Kammerboten (dem „Ordinari-Boten“) nach Hofgastein und mit einem Sonderboten weiter nach Wildbad Gastein. Der Ordinaribote erhielt dafür 6 Kreuzer und der Hofgasteiner Bote 9 Kreuzer – er hatte zwar die kürzere, aber wesentlich anstrengendere Strecke.

11.19.2.4. Votivbilder und „Marterln“ am Weg nach Hallein

„Wir eilten der Salza entgegen [Anm. Kammerhofer vom Untersberg kommend] hinauf nach Hallein. Dort, wo stellenweise die Natur unsern Pfad weniger schmückte, hatte die Kunst für unsere Unterhaltung gesorgt – und welche Kunst! Fast jede Viertelstunde fanden wir an der Straße mit dem Meisterpinsel der Seelenmahler irgend einen Unglücksfall abgebildet. Hier hatte der Blitz ein Weib erschlagen; hier fiel ein Knecht vom Heuwagen, dort bey der nächsten Hütte eine Magd vom Heuboden herab; hier an diesem Bächelchen, über das uns eine schmale Brücke führte, ist ein Mann hinab gestürzt und ertrunken; unter jenem Gebüsche brachte ein Bösewicht sein Mädchen um. Hier sind Pferde scheu geworden und drey Personen theilten das Schicksal des Hippolytus. Dort öffnet sich die Aussicht über die Salza hin, und eine Unglückstafel lehrt dem Wanderer, daß neunzehn Wallfahrter am Portiunculatage an dieser Stelle ertranken u. s. w. Ich weiß nicht, ob auf irgend einer Strecke von zwey kleinen Meilen so viel und so mannigfaltiges Unglück geschah, als auf dem Wege von Salzburg nach Hallein. Ich will nicht glauben, daß es bloß der Bigottismus der vormahligen Salzburger war, die hier an jeder Tafel dem Wanderer ein Pater und Ave [Anm. Kammerhofer Pater noster = Vater unser; Ave Maria = Gegrüßet seist Du, Maria] abgewinnen wollten, der diese Straße zu einer via mala [Anm. Kammerhofer: Straße des Unglücks, üblen Weg] machte: man könnte sonst sagen, daß jeder Landweg ähnliche traurige Begebenheiten aufzuweisen habe, nur daß man in anderen Ländern klüger ist, und nicht jedes Unglück durch eine Unglückstafel verewigt – und mir schauderte vor der besten Welt, auf welcher jedes Viertelstündchen Weges mit Blut und Leichen befleckt ist. So sehr uns die Betrachtungen verstimmen mußten, die uns diese Unglückstafeln aufdrangen, so sehr mußten wir bey einer derselben lachen, auf welcher ein Weib eine Leiter herab stürzt, und sich den Hals bricht, während ihr Mann bethend zu der lieben Frau daneben kniet, und sein EX VOTO spricht.“[4312]



[4296] Vgl. [WeißASt 1999a]. – [HoffmannR 2002], bes. S. 10–23.

[4297] [Schultes 1804], S. 116–125. Anm.: in den Originaltext wurden Zwischenüberschriften eingefügt.

[4299] [Schultes 1804], S. 116–117. – Anm. Schultes: Unter der Brücke am südlichen Eingange der Clamm, bey der Clammwache, ist die Gasteinerache 186 Klafter über Salzburg: das Bett der Salza bei Lend ist nur mehr 98,4 Kl. Der Fall der Gasteinerache auf einer Strecke von einer kleinen Stunde beträgt also 87,6 Klafter.

[4300] [Schultes 1804], S. 159–163.

[4301] [Schultes 1804], S. 118–120.

[4303] [Prodinger/Heinisch 1983], vgl. S. 184 f., Kat. Nr. 128 und Tafel 64: „Golling. Ein Bauers Sohn zu Adnet“; S. 186, Kat. Nr. 135 und Tafel 70, S. 189: „Golling. Eine Bäuerinn aus der Scheffaul“ – der gelbgrüne Hut, allerdings hier als niedriger Zylinder; Tafel 32 und Kat. Nr. 66, S. 169: „Ein Bäckerknecht am Tunzeltage“ und Tafel 34 und Kat. Nr. 69, S. 170: „Ein Ledererknecht im Goller von hinten“; Tafel 78 und S. 194, Kat. Nr. 164 und Tafel 78: „St. Johannes. Ein Bürgers Tochter aus dem Markt“, mit mittelhohem gelben Zylinder und Rokokospenzer mit Ärmelspitzen.

[4304] [Schultes 1804], S. 19 und S. 17.

[4305] [Schultes 1804], S. 120–122.

[4307] [Schultes 1804], S. 122–125.

[4308] [Schultes 1804], S. 123–125.

[4309] [WeißASt 1999a], bes. S. 183.

[4310] [Lehner 1897], spez. S. 5–7.

[4311] [Lehner 1897], spez. S. 12–17.

[4312] [Schultes 1804], 189–191.

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