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11.20. Friedrich Graf Spaur: Scheibenschießen, Ranggeln, Wilddieberei u. a.

11.20.1. Wer war Graf Spaur? (Ulrike Kammerhofer-Aggermann)

Friedrich Graf Spaur (geboren am 1. Februar 1756 in Mainz; gestorben am 6. März 1821 in Wien) war Schriftsteller und Philanthrop im Sinne der Aufklärung. Ab 1777 lebte er als Domherr in Salzburg. Er wurde einerseits bekannt als geistiger Vater der Landwirtschaftsschulen und andererseits durch seine ethnografischen Reiseberichte, die auch als landeskundliche Quelle von kulturwissenschaftlicher Bedeutung sind. In seinem Hause, am heutigen Mozartplatz, lebte und starb 1842 Constanze von Nissen, verwitwete Mozart. Spaurs vielbeachtete Werke sind die hier folgend zitierte „Reise durch Oberdeutschland“ (1800) und „Spaziergänge in den Umgebungen Salzburgs“ (1834).[4313]

11.20.2. Gabriele Pflug: Graf Spaur – ein Reisender mit der Brille eines Aufklärers

„Unverdorbene Naturmenschen“ und „unschuldige Freudenszenen“ entzücken Graf Spaur, als er sich in den „friedlichen […] Gebürgsländern“ aufhält. Die unten angeführten Passagen aus Spaurs Werk „Reise durch Oberdeutschland. In Briefen an einen vertrauten Freund“ stammen aus dem Jahr 1798 und führen in den Pinzgau, der von den Ereignissen der Französischen Revolution gänzlich unbehelligt zu sein scheint. Mit seiner romantischen Begeisterung für die Alpenbewohner und der literarischen Form des Reiseberichtes liegt er in zweifacher Hinsicht im Trend seiner Zeit:

Eine Reise zu tun, hieß im Jahrhundert der Aufklärung nicht, sich dem puren Amüsement zu überantworten. Reisen hieß, sich Welt- und Menschenkenntnis anzueignen; darüber zu berichten, geschah im Interesse der Allgemeinheit. Denn wer nicht auf große Fahrt gehen konnte, sollte zumindest von den Erfahrungen der anderen profitieren. Der Fortschrittsglaube der Aufklärer beruhte zum Teil auf der Überzeugung, dass forcierte Bildung die Menschheit weiterbringen werde. So ist aus dieser Zeit ein wahrer Boom bei der Reiseliteratur zu verzeichnen, die alle möglichen Erkundungen zum Gegenstand hat:

J. W. von Goethe querte die Alpen und widmete sich dem „Land, wo die Zitrone blühen“ („Italienische Reise“, 1786–88). J. H. Campe oder J. F. Reichardt brachen nach Paris auf, um die Ereignisse der Französischen Revolution (1789) hautnah zu erleben und in der Heimat darüber zu berichten. Georg Forster tingelte gleich rund um den Globus („Beschreibung einer Reise um die Welt während den Jahren 1772 bis 1775 in dem von Captain J. Cook commandirten Schiffe The Resolution“), während sich G. Ch. Lichtenberg mit einer Großstadterkundung begnügte („Englische Briefe“, 1776).[4314]

Graf Spaur schließlich, der gebildete Städter, sucht das Neue und „Andere“ in den Alpen und beim einfachen Volk, das zusehends in den Brennpunkt des Interesses rückt. Er wandelt damit auf den Spuren des Berner Mediziners und Poeten Albrecht von Haller (1708–1777), den Spaur auch zitierend in seine Berichte hineinnimmt, um seine Eindrücke in Worte zu kleiden. Haller hatte 1729 seinen berühmtesten Text „Die Alpen“[4315] nach einer naturwissenschaftlichen Exkursion durch die Schweizer Berge verfasst. In dem philosophischen Lehrgedicht nahm er die wichtigen Positionen von J. J. Rousseau[4316] vorweg, indem er der sittenlosen, städtischen Zivilisation das tugendreiche Leben in der Abgeschlossenheit des Gebirges gegenüberstellt. Mehrmals spielt er dabei auf den Mythos von Arkadien oder dem „Goldenen Zeitalter“ an („Ihr Schüler der Natur, ihr kennt noch güldne Zeiten!“), widerspricht jedoch gleichzeitig der gängigen Arkadienvorstellung in Literatur und Mythologie, die ein verspieltes Leben ohne Sorgen und Zwänge und im Einklang mit der Natur fantasierte.[4317] Haller sieht wohl, wie die Alpenbewohner mit vielen Belastungen zurechtkommen müssen, empfindet ihr Leben aber dennoch als arkadisch, da es hart erarbeitet und erkämpft werden will, ohne korrumpierenden Überfluss zu kennen:


„Wohl dir, vergnügtes Volk! o danke dem Geschicke,
Das dir der Laster Quell, den Ueberfluß versagt;
Dem, den sein Stand vergnügt, dient Armuth selbst zum Glücke, 
Da Pracht und Ueppigkeit der Länder Stütze nagt.“[4318]

Obgleich „Die Alpen“ allein bis zu Hallers Tod elf Auflagen erlebten, sorgte die erste Veröffentlichung für Aufsehen und Empörung. Nicht allein, dass der Autor die verderbte Gesellschaft anklagte und unverbildete Natürlichkeit pries: Er erhob bei der Gegenüberstellung von „Kultur“ und „Natur“ ausgerechnet die Alpen zum Ideal, die bislang als barbarisch und unwirtlich gegolten hatten und auf deren Bewohner man verächtlich herabgesehen hatte.[4319]

In Graf Spaurs Blick auf die Pinzgauer vermischen sich verschiedene Perspektiven. Einerseits preist er die „frohen Tage“ im Gebirge, denn „sie söhnten mit dem Menschengeschlechte mich wieder aus, das in den Städten täglich mir lästiger wird“. Damit kommt die Nähe zu Hallers oder Rousseaus Einstellungen und sein Überdruss am städtischen Leben zum Ausdruck. Gleichzeitig verknüpft sich seine Idealisierung des Landlebens mit einer verniedlichenden, süßlichen Darstellung der „biedern Naturkinder[n]“. Seine scheinbare Hochachtung für die Gebirgsbewohner kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass er sich ihnen mit gönnerischer Herablassung zuwendet („brachte ich meinem jovialischen Plane [sic!] gemäs im Zirkel mehrerer Hundert Pinzgauer Bauern zu“). Zudem nimmt er seine „Studienobjekte“ nicht ganz ernst und behandelt sie in gewisser Weise wie Kinder: Er setzt Preise aus, um sich das Ranggeln, Scheibenschießen oder gar Perchtenläufe vorführen zu lassen und ist am Ende erstaunt, wenn ihm gegenüber Vorbehalte bestehen: „Unter dem Schein von Treuherzigkeit blickte eine gewisse Verschlagenheit hervor, die […] viel Zweydeutigkeit in ihrem Charakter muthmaßen lässt“, interpretiert Spaur das Verhalten der Pinzgauer, bei denen das „Misstrauen gegen den fremden, städtischen Rock […] nicht zu verkennen“ ist. Trotz der Schwärmerei für die Andersartigkeit und Besonderheit der Alpenbewohner gelingt es ihm nicht, bürgerliche Denk- und Wahrnehmungsmuster abzustreifen und er kann – ganz in Manier der Aufklärung – nicht mit den Fragen aufhören, ob das Beobachtete auch den Gesetzen des Staates entspreche oder für den Staat nutzbringend sei. So dienten Spaurs Reiseberichte ja auch der Reform des Staates unter Erzbischof Hieronymus (Graf) Colloredo (1772–1803).

11.20.3. Graf Spaur: Scheibenschießen, Ranggeln, Wilddieberei u. a.[4320]

Alpensehnsucht [Anm. Überschrift dem Original zugefügt]

„Eilfter Breif.

Saalfelden den 12. September 1798.

Nur im Schoose friedlicher von keiner gewaltsamen Revolution noch erschütterter oder verwüsteter Gebirgsländer, kann der Menschenfreund im Kreise unverdorbener Naturmenschen so reine Freuden noch genießen, als ich Glücklicher in den verflossenen Tagen hier genoß. Beneidenswerth waren sie diese frohen Tage, sie söhnten mit dem Menschengeschlechte mich wieder aus, das in den Städten täglich mir lästiger wird. Nur du, mein Theurer! fehltest mir noch, um die, ohne dich nur halb genossene Wonne in vollen Zügen einschlürfen zu können! denn wahrlich noch köstlicher als der Nachgenuß jener unschuldigen Freudenszenen ist mir jede Erinnerung an dich!

Den 8ten und 9ten dieses brachte ich meinem jovialischen Plane gemäs im Zirkel mehrerer Hundert Pinzgauer Bauern zu. Ich gieng mit ihnen in die Kirche, tanzte, spielte und schoß nach der Scheibe, aß, trank und schwäzte den ganzen lieben Tag mit diesen biedern Naturkindern. Alles glich dem von Hallers reicher Phantasie entworfenen Gemälde eines solchen ländlichen Festes.



Wenn durch die schwüle Luft gedämpfte Lüfte streichen,
Und ein begeistert Blut in jungen Adern glüht,
So sammelt sich ein Dorf im Schatten breiter Eichen,
Wo Kunst und Anmuth sich um Lieb’ und Lob bemüht.
Hier ringt ein kühnes Paar, vermählt den Ernst dem Spiele,
Umwindet Leib und Leib und schlinget Huft um Huft.

Dort eilt ein schnelles Bley in das entfernte Weiße,
Das Blitz und Luft und Ziel im gleichen jezt durchbohrt.

Das graue Alter selbst sizt hier in langen Reihen,
An seiner Kinder Lust sich neidlos zu erfreuen.

Scheibenschießen und Wilddieberei [Anm. Überschrift dem Original zugefügt]

Da Scheibenschiesen, Kegelschieben, Tanzen, Ringen und Wettlaufen die Lieblingsbelustigungen der Pinzgauer sind; so sezte ich verschiedene Preise für die besten Schützen, andere für die Helden im Kegeln und einige geringere für die Ringer und Wettläufer aus. Zugleich lockte die ächtländliche Musik einer Geige, eines Basses, Hackbretes und einer Querpfeife die jungen Pursche von jenen männlichern Uebungen auf den Tanzboden, wohin auch die Mädchen, mit verstellter Schamhaftigkeit sich sträubend, von ihren rüstigen Liebhabern sich ziehen ließen.

Lange unterhielt ich mich mit den Scheibenschützen, die in einer Entfernung von 160 Schritten nur selten das acht Zoll große Schwarze verfehlten. Hier waren die geseztern und wohlhabendern Bauern der Gegend versammelt. Indeß sie ihre losgebrannten, mit altteutschen Radschlössern versehenen Kugelbüchsen säuberten, sprachen sie bey Bier und Brantwein sehr freymüthig mit mir. Gemsen, Hirsche, Jagd, Krieg, Soldaten und ihre Feuerröhre waren die vorzüglichsten Gegenstände unserer Gespräche. Mit den Feuergewehren sind sie von Jugend auf vertraut, auch darf es keine Obrigkeit wagen, diese ihre einzigen Waffen, durch die sie sich bey der einsamen, isolirten Lage ihrer Wohnungen gegen diebische Ueberfälle oder andere Gewaltthätigkeiten allein schützen zu können vorgeben, ihnen wegnehmen zu wollen. In allen Pfleggerichten bestehen sogar ordentlich eingetheilte, jährlich gemusterte Feuerschützencompagnieen, die sich bey der Musterung sowohl, als bey feierlichen Gelegenheiten und bey Ausschiesung der Fürstenvorteln unter ihren selbst gewählten Schützenmeistern mit ihren Feuerröhren versammeln. Unter diesen Fürstenvorteln verstehen sie die von der Salzburgischen Landschaft jährlich ausgesezte und in allen Pfleggerichten gleich vertheilte Geldpreise, welche im Sommer an Sonn= oder Feyertagen auf den dazu privilegirten Schießplätzen ausgeschossen werden. Dadurch werden sie also von der Landschaft selbst zur Erhaltung ihrer Kugelbüchsen berechtigt und eigentlich jene Uebungen in der Absicht gestattet, damit man die eingeschriebene Feuerschützen im Nothfalle auch unter ihre Fahnen versammeln und zur Vertheidigung des Vaterlandes gebrauchen könne.

Diese Einrichtung bildet die meisten von Jugend auf zu guten Schützen, und ihre nomadische Lebensart auf den Bergen und Felsen, wo sie als Hüter ihrer zahlreichen Heerden umherstreifen, so wie die täglich sich darbietende Gelegenheit, ihre Geschicklichkeit zu üben, macht nachher viele zu leidenschaftlichen Jägern. Seltener findet man zwar Wildschützen unter den Haußvätern und wohlhabendern Bauern; viele Knechte aber und die sogenannten Kleinhäußler widmen die Feyerabende und abgeschafte Feyertage der Wilddieberey. Auch die empfindlichsten Strafen und selbst der von den Jägern ihnen gedrohete Tod vermögen solche Frevler von dergleichen Unfug nicht abzuschrecken. Seit 25 Jahren sollen nach ziemlich zuverlässigen Nachrichten über hundert Jäger und Wilddiebe im Salzburgischen wechselsweise sich ermordet haben, ohne daß der Jagdleidenschaft der leztern dadurch Gränzen gesezt worden sind. Auf die Moralität in jedem Betracht hat dieses Unwesen den nachtheiligsten Einfluß. Der Jagd zu Liebe wird die Arbeit vernachlässigt ganze Tage werden mit Nichtsthun zugebracht, und indem das durch Wilddieberey gewonnene Geld in den Wirtshäusern verpraßt wird, gehet die Hauswirthschaft zu Grunde, und zusehends vermehrt sich die Mordlust und die Wiedersezlichkeit gegen alle Ordnung und Gesetze. So keck und muthvoll übrigens ein Salzburger Wilddieb auch ist, so ängstlich scheuet er sich doch vor dem Soldatenstande, dem solche Frevler, wenn sie sich ergreifen lassen, zur Strafe gewönlich einverleibt werden. Ob es klug, gemeinnützig und recht gehandelt sey, wenn die Obrigkeiten die Vertheidiger des Vaterlandes mit Verbrechern rekrutiren und ob nicht vielmehr dieser ehrwürdige Stand dadurch herabgewürdigt werde, wenn die Einverleibung in denselben als Strafe angerechnet wird? Diese Frage, mein Theurer! will ich hier um so lieber unbeantwortet lassen, als ich auch bey dieser Gelegenheit das verhaßte Kapitel von den stehenden Heeren berühren müßte. Zuverlässig ist es indessen, daß im Pinzgau seit 3 oder 4 Jahren schon mehrere von der Obrigkeit eingezogene Rekruten, vorzüglich Wilddiebe, die zu weiterer Transportierung verwahrt wurden, von ihren kühnen und trotzigen Zunftgenossen mit Gewalt aus ihrer Gewahrsam bey Nachtzeit wieder befreyt worden sind. Dieses ächtaufrührerische Betragen wurde der Zeitumstände wegen, die einige Nachsicht in solchen Fällen räthlich zu machen scheinen, mit mehr Milde, als Strenge behandelt und nicht nach Verhältnis des Verbrechens bestraft. Der Zügellosigkeit und dem Trotz der jungen Pursche wurden also auch keine Gränzen dadurch gesezt und die ruhigern Hausväter befürchten daraus die übelsten Folgen, wenn nicht mit der Zeit ernstlichere und schärfere Maasregeln dagegen gebraucht werden sollten. Jezt hält man die Frevler durch die Drohung im Zaume, ehestens das eben an den Gränzen liegende Kaiserl. Militäir in ihre Bezirke einrücken zu lassen.

Die um mich her versammelten Schützen und andern Bauern, von denen ich jene Umstände erfuhr, verriethen eine kunstlose Beurtheilungskraft und einen blos aus der Natur geschöpften Wiz. Ohngeachtet ihrer gerühmten Offenheit aber waren sie vorsichtig in ihren Ausdrücken und ich erhielt auf manche, an die dermalige Zeitumstände gereihte Fragen keine bestimmte Antwort. Unter dem Schein von Treuherzigkeit blickte eine gewisse Verschlagenheit hervor, die mit jener merklich im Wiederspruch stand und viel Zweydeutigkeit in ihrem Charakter muthmaßen läßt. Das jüngere, mehr brausende Blut ergoß sich zwar zuweilen in etwas lautere Aeußerungen voll Gutmüthigkeit und dienstfertiger Gefälligkeit, immer war aber doch etwas Mißtrauen gegen den fremden, städtischen Rock auch hierbey nicht zu verkennen.

Mit inniger Freude blickte ich hingegen auf den schlanken stammhaften Körperbau dieser rüstigen Bergbewohner. Alle gleichen sie den stracken majestätischen Felsenwänden, von welchen die erwärmenden Sonnenstralen auf ihr treflich kultivirtes Thal so wohlthätig zurückprallen. Keiner unter ihnen war mißgestaltet. Ihre starknervigten Arme, ihre breiten Schultern und vollen Waden verkündigten ächtherkulische Riesenkräfte. Einer ihrer Finger ist mit einem starken und breiten, meistens silbernen Ringe bewaffnet, der schon manchem ihrer Gegner bey Raufereien fürchterlich geworden ist. Unter ihrem gelben, mit schwarzen Bändern eingefaßten und mit einer Hahnenfeder, oder einem Gemsbart gezierten runden Huthe blizt ein feuriges schwarzes Auge hervor. Ihr ganzer Anzug ist reinlich, leicht, kurz und der gebürgigten Gegend angemesssen, die sie bewohnen. Ihre weiten Beinkleider bedecken nie ihre zu allen Jahrszeiten offene Kniee. Ein farbigter Hosenträger und ein schön beschlagener lederner Gürtel über ihrem rothen Wams und unter ihrem grauen mit schwarzen Aufschlägen versehnen Rocke sind ihre vorzüglichste Feyertagszierde. Immer führen sie dabey die Tobackspfeife im Munde und das Brantweinglas wird bey solchen Gelegenheiten auch nicht unfleißig geleeret. Ihre frische blühende Gesichtsfarbe verräth übrigens nicht minder die dauerhafteste Gesundheit. Die Stärke und Behendigkeit des Pinzgauers sezte mich in Erstaunen. Vorzüglich bewunderte ich diese bey dem sogenannten Hosenrecken,[4321] einer Art von Spielen, die mit der alten römischen lucta viel Aehnlichkeit hat. Sie salbten zwar nicht wie jene, den nackten Körper mit Oel, dieser blieb mit dem Hemde und den Beinkleidern bedeckt. Indem sie sich aber über den Hüften ohne Uebervortheilung anfaßten, rangen sie lange mit eben so viel List und Muskelanstrengung als jene, bis einer von ihnen das Gleichgewicht verlor, in die Höhe gehoben ward, doch halb schon zu Boden gestürzt, sich manchmal wieder emporschwang, und den, schon als Sieger begrüßten, dennoch zur Erde streckte. Hier siegte nicht immer die Stärke, sondern meistens Geschicklichkeit und Behendigkeit. Der Sieger, der drey der stärksten Rabler des Thales (so nennt man in der Landessprache die rüstigsten dieser Klopffechter) hintereinander ins Gras streckte, erhielt den ausgesezten Kampfpreis.

Auch bey den Kegelplätzen traf ich sehr starke muntere Pursche an. Ihre schweren Kegel stehen einige Zoll in die Erde gegraben in einer Entfernung von 2 Schuhen in drey ganz geraden Linien voneinander, und ihre Kugeln sind nach dem Verhältnisse jener nicht minder groß und schwer. Eine geübte Kraft wird dazu erfordert, drey dieser Kegel auf einen Wurf aus ihrer festen Lage zu bringen. Doch sah ich mehrere Vier, aber nur Einen zehn Kegel mit drey nacheinander geschobenen Kugeln umwerfen, welcher leztere dann, wie natürlich, den Preis davon trug.

Gegen Abend hatten sich viele Pursche und Mädchen auf einer großen Wiese versammelt und die Alten hatten sie paarweise in eine ganz gerade Linie gestellt. Diese Paare banden sich ihre linke und rechte Hand fest zusammen, und auf ein gegebenes Zeichen liefen sie nach dem ausgesteckten Ziele, an welchem ich selbst mit den Preißen stand, die ich denjenigen drey Paaren bestimmt hatte, welche zuerst das Ziel erreichen würden. Sie liefen viel schneller, als ich dies von den gebogenen, meist sehr stark hervorragenden Knieen dieser Gebürgsbewohner erwartet hätte. Dabey wurde manches Mädchen herzlich ausgelacht, das an der Seite ihres plumpern Purschen nicht vorankommen konnte oder mit diesem den Boden maß.

Nach dem Wettlaufen wurde der Tanzsaal viel lebhafter. Der Lieblingstanz der Pinzgauer ist der langsame Walzer. Sie singen dabey ihre Lieblingslieder den Spielleuten vor, welche sie ohne Wiederrede sogleich und so lange nachspielen müssen, bis inne gehalten und von einem andern eine neue Tanzmelodie angegeben wird. Der Pursche pfeift während des Walzens mit einem durchdringenden Ton auf den Fingern; das Mädchen drehet sich mit niedergeschlagenen Augen um die Hand ihres Tänzers im Zirkel umher, wird von diesem manchmal in die Höhe geschwungen, dann verlassen, unter dem großen Haufen gesucht und wieder gehascht. Zwischen zwanzig und dreysig Paare sah ich auf diese Art in einem nicht großen Raume ohne alle Unordnung sich herumdrehen.[4322] Die Mädchen versteckten sich schnell nach dem Tanze und liesen sich lange wieder suchen. Oefters verschwanden sie aber auch mit ihren Tänzern gegen die in den Keller führende, äußerst sparsam beleuchtete Treppe, auf welcher nach alter Gewohnheit Bier und Brandwein getrunken wird. Diese Sitte, auf einer mehr dunklen, als hellen Treppe paarweise nach dem Tanze auszuruhen, wird ihrer Unanständigkeit ohngeachtet geduldet, und die Erfahrung hat gelehrt, daß hier der Liebe mancher Zoll entrichtet wird. Aber auch in der hiesigen Gegend, wie im Panngau, entehren mehrere Kindbetten das ihrem Liebhaber treue Mädchen nicht. Der Bauer verstößt es deswegen nicht aus dem Dienste und ernährt meistens auch ihr Liebespfand so lange, bis Zeit und Umstände die Vermählung der Liebenden gestatten. Weder Geschenke noch Liebkosungen erschüttern die Treue der Pinzgauer Mädchen; eine mit mehrern vertraute Dirne wird von der ganzen Gemeinde verachtet und nur bey großem Mangel an Arbeitsleuten gleichsam Wiederwillen in Dienst genommen.

Die Gesichtszüge des weiblichen Geschlechts sind bey allen sanft, freundlich und schön. Dabey sind sie stark und ihre rauhen Hände verrathen, daß sie fleisig arbeiten. Blaue Augen, schneeweise schöngereihte kleine Zähne, ein sehr hochgewölbter Busen und ein kleiner niedlicher Fuß zeichnen die meistens kleinen runden und dicken Pinzgauer Mädchen vor allen andern aus. Ihr äußeres ist schamhaft und zurückhaltend, dabey sind sie sehr dienstfertig und ihre kurzen Antworten zeugen von natürlichem Witze.“[4323]

Die Bauernkönige im Pinzgau [Anm. Überschrift dem Original zugefügt]

„Nicht fern von Stulfelden besuchte ich einen der sogenannten Bauernkönige, den ich zu Mittersill kennen lernte. Wenn alle reichen Pinzgauer Bauernfamilien dieser und ihre Häupter diesem Patriarchen glichen; so wäre die Schilderung allerdings übertrieben, die ich dir in meinem vorigen Briefe von ihnen entwarf. Alles, was ich in dessen Hause sah, verkündigte zwar den behaglichsten Wohlstand; jedermann aber, und der Haußvater selbst, war beschäftigt und arbeitsam. Er aß zwar an einem von dem seiner Knechte abgesonderten Tische, seine Kost war aber von jener wenig verschieden. Ich fand ihre zahlreiche Tafel mit einer großen hölzernen Schüssel voll Bohnensuppe, einer Art stark in Fett getauchter Krapfen und sehr schmackhaftem gemischten Brode besezt. Der Herr und seine Frau hatten nebst diesen Speisen noch einen Salat. Ich trank mit ihnen einen sehr gut zubereiteten Kaffe in gelben Schaalen von Pfeifenerde. Die Ställe und Scheuern waren sehr geräumig und dauerhaft gebaut, und jene mochten etwa für 120 Stücke Raum haben. Dermalen aber hatte er nur 6 Kühe, 4 Ochsen und 3 Pferde zu Hause. Das übrige Vieh erwartete er ehestens von den niedern Alpen zurück. Er erzählte mir, daß er noch drey kleinere Lehne besitze, auf welchen er fast eben so viel Vieh als auf diesem große Gute über Winter ernähren könne. Jezt besitze er würklich 240 Stück Hornvieh, von dem er aber doch wenigstens 20 bis 30 noch vor dem Winter verkaufen oder umtauschen werde. Mehrere davon gehörten aber armen Bauern, die keine eigne Alpen besäßen und deren Vieh er in seinem Stall den Winter über füttere, dafür müßten sie ihm aber im Sommer unentgeltlich Heu machen und erndten helfen. Die Anzahl seiner männlichen und weiblichen Dienstboten belief sich auf 43, und diesen zahlte er, Kleidung, Leinwand, Flachs und tägliche Nahrung nicht mitgerechnet, baare 498 Gulden an jährlichem Liedlohn. Er bemerkte mir hierbey, daß sich dieser seit 10 Jahren um ein Drittheil vermehrt habe und daß man jezt mit aller Nachsicht und Behutsamkeit gegen das Gesinde verfahren müsse, damit es den Anlockungen anderer, bey dem dermaligen Mangel an Menschenhänden, nicht folgen und den Dienst verlassen möge.“[4324]

Ein Perchtenlauf im September [Anm. Überschrift dem Original zugefügt]

„Am folgenden Tage ließ ich mir von den Purschen das Berchtenlaufen und andere hier übliche Spiele und Künste noch zeigen. Zu jenem gehört eine Gesellschaft von 20 oder 30 vermummten Purschen. Einige waren als Teufel, andere mit Kühgesichtern und wieder andere als Narren mit ziemlich kostspieligem Prunke maskirt. Alle hatten Kühglocken und große mit Stacheln versehene Stöcke, mehrere außerordentlich lange und wie Böller knallende Peitschen. Jezt sind zwar diese, meistens im Karneval umherziehenden Maskeraden, des damit verbundenen Unfuges wegen, verboten; doch lassen die Berchten öfters sich noch sehen und ihre Ankunft vorher verkündigen. Die Lichter müssen dann in den Häusern ausgelöscht werden, um die Fenster ganz zu erhalten und niemand darf sich vor ihnen auf dem Wege blicken lassen, der nicht unangenehmen Begegnungen sich aussetzen will. Sie tanzen, springen und singen vor den Häusern der Beamten und ihrer Schönen, und man läßt sie ungestört umherziehen, wenn sie die Gränzen der Ordnung und Sittlichkeit nicht allzuauffallend überschreiten. Auch würden sie schwerlich von irgend einer Gerichtsperson eingeholt und verhaftet werden können, denn mittelst ihrer Stöcke springen sie über Gräben und Zäune und ihre Vermummungen machen sie unkenntlich. Manche der vermummten Pursche benutzen ihren langen Stock zu allerley Sprüngen mit einer bey den grösten Künstlern gewiß selten zu bemerkenden Kraft und Behendigkeit. Einer der Pursche berührte mit seinen Fußsohlen die Decke des Zimmers. Andere sechs machten einen Kreis im Hofe, auf ihre Schultern stellten sich vier rüstige, auf diese drey etwas geringere Pursche, die ihre Köpfe zusammen steckten und oben auf diesem piramidalischen Gipfel stand einer ihrer Waghälse mit den Füßen gen Himmel, balancirte und stürzte sich endlich mit einem Salto mortale auf die Erde.

Nachdem die Scheiben ausgezirkelt und die Preise vertheilt waren, unterhielt mich die Jugend noch mit andern bey ihnen üblichen Spielen, als z. B. mit dem Pürosselspringen, bey dem sich 10 oder 12 Pursche in einer Entfernung von 5 bis 6 Schritten in eine gerade Linie stellten und mit ungemeiner Leichtigkeit über die Köpfe der vorstehenden wegsprangen. Das sogenannte Holztriften schien mir eine der unangehmsten Unterhaltungen für diejenigen, welche die Klötze vorstellen mußten, und durch eine lange Reihe starker Knechte, welche ihre Hände fest ineinander geschlungen hatten, in die Höhe und von paar zu paar geschwungen wurden.[4325]

Das Gasselgehen [Anm. Überschrift dem Original zugefügt][4326]

Alle andere Spiele, z. B. das Sacklaufen, schenkte ich ihnen, und nur vom Gasselgehen und den dabey gesungenen Liedern ließ ich mir eine kleine Skizze liefern. In einer der Anlagen wirst du eine Probe der pinzgauischen Dichtkunst finden.[4327] Dergleichen Gasselreime werden von ihnen bey nächtlichen Besuchen unter den Fenstern ihrer Schönen halb deklamirt und halb gesungen. Sie verändern dabey ihre Sprache, schnalzen und zischen mit der Zunge und necken die ruhenden Mädchen so lange, bis sie die Fenster öffnen und in einem kurzen Gasselreim antworten, die meistens folgenden, zur Probe hier eingeschalteten Inhalts sind:

Geh wöck von mein Fenster Bue! las mir an Fried,
Bin a frische Bösdirn, auf thu i dir nit.
Oder
Schön Dank, schön Dank, die Nacht ist lang, die Stunden sind viel,
Magst kömma, wenn da will.

Das Mädchen bewirthet dann den begünstigten Liebhaber mit Brandwein und spricht mit ihm am Fenster. Dergleichen Zusammenkünfte sind durch Gesetze verboten und die Gerichtsdiener sollen den Gasselgehern auflauern. Aber nur selten kann die gesezmäßige Strafe gegen sie verhängt werden, denn sie sind schlau und entfliehen schnell den spähenden Häschern, auch lassen diese sie gern entwischen, um sich ihre Feindschaft nicht zuzuziehen. Die Gesetze[4328] und Beamten sind auch in dergleichen Fällen sehr nachsichtsvoll, denn die Erfahrung hat sie hinlänglich belehrt, daß in diesem Punkt nichts geändert oder verbessert werden kann; die Pinzgauer halten das Gasselgehen[4329] für eine alte, anständige und mit der Menschheit sehr genau verbundene Sitte Naturam expellas furca tamen usque recurret.[4330] Gesundheit und Beutel dieser Gasselgeher mögen indessen zuverlässig bey ihren ländlichen Besuchen besser noch wegkommen, als jene der nächtlichen Courmacher in großen Städten, die bey manchem Liebeshandel ihr Blut vergiften und ihre Schulden vermehren.“



[4314] [Ueding 1988], S. 781 f.

[4315] Printausgabe vgl. u. a. [HallerA 1984].

[4316] Der Schweizer Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) schmähte die Gesellschaft, die seiner Meinung nach nur noch im Luxus, mit Hilfe der Lüge und der Ungerechtigkeit zu existieren vermöge, und suchte sein Glück in der Natur. In einem provozierenden Pamphlet aus dem Jahr 1753 wettert er u. a. gegen die Schlechtigkeit und Korruption der zivilisierten Menschheit und stellt sich die im 18. Jahrhundert viel diskutierte Frage nach dem möglichen Urzustand des Menschen. Vgl. [Rousseau 2000].

[4318] Volltext unter „Die Alpen“.

[4319] [Kindler Literaturlexikon 1988], Bd. 7: Gs-Ho. S. 192 f.

[4320] [Spaur 1800], Bd. 1, S. 232–243, S. 243–248, S. 250–252.

[4323] [Spaur 1800], Bd. 1, S. 232–243.

[4324] [Spaur 1800], Bd. 1, 250–252.

[4325] Anm. der Hg.: Kommentare und Beiträge zum Perchtenlaufen finden sich in: [Luidold/Kammerhofer-Aggermann 2002].

[4326] [Spaur 1800], Bd. 1, S. 243–248.

[4327] Anm. Spaur: Siehe die erste Anmerkung am Ende dieses Briefs.

[4328] Anm. Spaur: Nach diesen werden die Fornicanten jedesmal mit einem oder zwey Gerichtswändeln bestraft. Ein Gerichtswandel bestehet in 5 Gulden baren Geldes. A. d. H.

[4330] Anm. Spaur: Der vorige Erzbischof besuchte einst unvermuthet das Zuchthaus und fragte einen 70jährigen Greis, warum er in diesem Straforte sich befände? Weil, war seine lakonische Antwort, ich ein Kind außer der Ehe gezeugt habe. Wie konnte er alter Mann aber noch, erwiederte der Fürst, eine so unerlaubte Handlung begehen? „bin holt no a Mensch und so langs noch zwo Geschlechter gibt, wirst des Ding do nit abbringen.“ Diese Antwort erwarb ihm ein Geschenk und seine Entlassung. A. d. H.

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