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3.8. Volksfrömmigkeit und Zeitgeist im 18. Jahrhundert (Ulrike Kammerhofer-Aggermann)[104]

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3.8.1. Frömmigkeit als Teil der Sitten, Bräuche und Normen

Frömmigkeit ist ein vielfältiges Gefüge erlernter, sozialisierter und emotionaler Inhalte, das Einblick in Zeit- und Gruppengeistigkeit ermöglicht. Sowohl die individuelle wie auch eine zeit- und gruppenspezifische Frömmigkeit setzen sich aus verschiedenen Bestandteilen zusammen.

Dazu gehören die erlernten Glaubenslehren der Kirche und die offiziell eingeübte Glaubenspraxis, die Werte und Verhaltensweisen, die über die Erziehung und Sozialisation erworben werden, kurzfristige Moden, Vorbilder und Zeitströmungen (Zeitgeist), die Gruppengeistigkeit, Aberglaube und Unwissen sowie persönliche Meinung, individueller Glaube und Geschmack.

Frömmigkeit ist ein wesentlicher Teil sowohl des persönlichen individuellen Identitätskonzeptes als auch des Identitätskonzeptes von Gruppen – sie basiert auf einer Fülle von anerzogenen und sozialisierten Werten, Meinungen und inneren Bildern. Eingriffe in dieses Identitätskonzept – wie zum Beispiel ab 1772 durch die Reformen des Fürsterzbischofs Hieronymus Graf Colloredo (1772–1803/12) in Salzburg – führen daher automatisch zu einer Fülle von Reaktionen, die von Sinnfragen, Zweifel an den Lehren bis zum offenen Protest oder zur Missachtung reichen.

3.8.2. Reformen in Salzburg: soziale und politische Gründe

Die Reformen in Religionssachen in Salzburg waren weitreichend, sie sind immer auch mit den Reformen Maria Theresias von Österreich (1740–1780) und mit jenen von Kaiser Joseph II. (1765–1790) (die für die Habsburgischen Erblande, für Innerösterreich bzw. vereinzelt für das ganze Reich erlassen worden waren) sowie mit den bayerischen und rheinischen Reformen in Verbindung zu setzen. Hieronymus Graf Colloredo wurde am 14. März 1772 zum Erzbischof von Salzburg gewählt. Unter seiner Regentschaft wurde Salzburg zu einem Zentrum der katholischen Aufklärung und lag damit „ganz im intellektuellen Trend seiner Zeit“.

Die Gründe für die Reformen waren wirtschaftlicher, sozialer und politischer wie kirchenpolitischer Natur – die Bevölkerung sollte damit zu verantwortungsvollen Staatsbürgern erzogen werden. Besonders für Wallfahrten und Prozessionen waren die Ausgaben sehr hoch. Der Alkoholkonsum, die Strapazen, die Ansteckungsgefahren sowie „sexuelle Freizügigkeit“ waren weitere Gründe für staatliche Aufmerksamkeit. So sah die Regierung in ihnen „ärgerliche Missbräuche“: ein Unruhepotenzial und einen Angriff auf Ordnung und Sittlichkeit.

Durch die Reformen wurden auch die Orden, Gemeinschaften und Bruderschaften in ihrer Eigenständigkeit geschwächt und ihr Einfluss auf die Bevölkerung vermindert.

3.8.3. Die Reformen: Einschränkungen und Verbote

Beim Amtsantritt von Erzbischof Hieronymus Colloredo 1772 wurde er vom Mainzer Erzbischof bewogen, sich der Feiertagsreform anzuschließen. Der Salzburger Erzbischof erwirkte ein Breve (päpstlicher Erlass in einfacherer Form) vom 12. September 1772, das 1773 in Kraft trat. Das Fastengebot für die Vigiltage (Vortag hoher katholischer Feiertage) der erhaltenen Feste blieb aufrecht, für die Festtage wurde ein Arbeitsverbot und Messgebot erlassen. 21 Feiertage blieben nach der Reduktion erhalten, 20 Feste wurden abgeschafft.

Colloredo holte sich aus Würzburg seinen engsten Vertrauten und Kanzler, den Weltgeistlichen Johann Michael Bönicke (1734–1811), nach Salzburg. Er wird als eigentlicher Autor des viel zitierten und gerühmten Hirtenbriefes von 1782 (fünfter Hirtenbrief), der ein wichtiges Dokument des Salzburger Alltagslebens und der kirchlichen Reform darstellt, angesehen. Darin wird zum Beispiel ausführlich die Abschaffung „des übertriebenen Kirchenschmuckes und der übertriebenen Aufwände für die Ausschmückung von Andachtsübungen“[105] zugunsten der Nächstenliebe und Wohltätigkeit begründet. Dieser Hirtenbrief zeigt die Notwendigkeit der Reform auf.

Nach den Einschränkungen der Bittgänge und Wallfahrten im Hirtenbrief von 1782 verbot der Erzbischof 1789 auch die Kreuzfahrten wegen „Zeitvertreib, Vernachlässigung des Gewerbes und des Hauswesens, wegen Hang zur Faulheit und Müßiggang, zu Zech- und Raufgelagen“. Am 8. Oktober 1789 erging dazu ein Generale, das die Nennung aller Andachtsübungen nach Dekanaten einforderte.

3.8.4. Die Reformen von Hieronymus Colloredo: die Hirtenbriefe

Im ersten Hirtenbrief vom 31. Juli 1775 wird der Empfang des Altar- und des Firmsakramentes geregelt und erstmals darüber Verzeichnisse wie Bestätigungen gefordert. Der zweite Hirtenbrief vom 5. Jänner 1776 wendet sich „wider den Missbrauch der Exorcismen und Benediktionen“. Weiters werden darin Unglaube und Ketzerei, Aberglaube und Leichtgläubigkeit, Sittenlosigkeit und Laster angesprochen.

Der dritte Hirtenbrief vom 14. Februar 1776 erläutert die „Bedingnisse einen Jubel- oder anderen Ablass zu gewinnen“ und zählt Forderungen für eine tatsächliche Buße und Reue im Gegensatz zum schnellen Ablasskauf auf. Der vierte Hirtenbrief vom 14. März 1779 enthält das „Verboth der Passionsspiele und der Mummereyen bey Charfreitags- und anderen Prozessionen“. Von diesem Generale waren die Bruderschaften schwer betroffen: Die Andachten wurden vom Nachmittag auf den Vormittag der Feiertage verlegt, Kutten und Stäbe für die Prozessionen sowie die öffentlichen Auftritte in großen Prozessionen wurden verboten.

Der fünfte Hirtenbrief vom 29. Peter und Pauls-Tag des Juni 1782 zeigt die Notwendigkeit der Reformen auf und nennt als Weg dahin die „Wissens- und Charakterbildung der Priester“.

3.8.5. Reaktionen auf die Reformen

In der Bevölkerung führten die nicht verstandenen Reformen vielfach zu einem Beharren und zu einer Verfestigung der Bräuche. Religiöse wie weltliche Gepränge und Spiele bedeuteten in jener Zeit Abwechslung und Zeitvertreib. Vielfach gingen durch die Einschränkungen und Verbote das Spektakuläre und die Sensation im Alltag – dazu viele Möglichkeiten, mit dem anderen Geschlecht „anzubandeln“ – verloren.

Die wiederholten Verbote und Eingaben gegen die Reformen weisen auf Widerstände hin. Daneben gab es in Salzburg ein verstärktes Festhalten an allen pompösen religiösen Bräuchen wie an Bräuchen des Jahrlaufes. Damit verlief in Salzburg – wohl auch wegen des gut geschulten und reformierten Priestertums – die Aufklärung ganz anders als etwa in den Habsburgischen Erblanden, wo in der Geistlichkeit speziell Jesuiten und Kapuziner als Gegner der Reformen auftraten. Sie stifteten gleichermaßen Protestschreiben wie heimliche nächtliche Durchführungen von Prozessionen und Wallfahrten. Ein Durchdringen der Reformideen bis zur einfachen Bevölkerung war daher besonders schwierig.

Die Reaktionen und damit notwendigen Wiederholungen der Verordnungen stellen Quellen der Bewusstseinsstruktur unterschiedlicher Bevölkerungsschichten dar. Sie bilden heute zentrale Quellen zur Volks- und Alltagskultur, welche die Bedeutung vieler weltlicher wie religiöser Bräuche aufzeigen und erläutern.



[104] Kurzfassung von Ilona Lindenbauer, Langtext-Version HIER.

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