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11.13. Anonymus: Religiöses um Saalfelden

11.13.1. „Die Pfarre Salfelden.[4122]

a. Die Haupt= und Pfarrkirche wurde den 2 Heiligen Johann dem Taufer und Johann dem Evangelisten eingeweiht, ist ein altes an dem Deckengewölbe und den Seitenmauern ausgemaltes Gebäude, und hat mit 1 in einer finstern Todtengruft, in Allem 12 Altäre. Es wurde zwar der alte Kirchenbau in spätern Zeiten durch freygebige Geldbeyträge der Herren von Ramseiden und deren von Hund zu Dorfheim durch Anbauung 2 Seitenkapellen merklich vergrössert, es finden aber doch bey einem festtäglichen Gottesdienste die Versammelten nicht genugsamen Plaz in den Kirchenstühlen, zum Theile wegen grösserer Anzahl der Pfarrsgemeinde, dann auch weil die zu sehr vermehrten Seitenaltäre zu vielen Raum einnehmen.

Sehenswürdig vor allem sind ein grosses Blatt des Hochaltars, die Himmelfahrt der heil. Mutter Gottes vorstellend, und 16 Tafeln des Kreuzweges von der Meisterhand eines Malers Zanusi.“ (Seite 5)

Kommentar von Ulrike Kammerhofer-Aggermann

Die Pfarre Saalfelden umfasste damals 2.855 Erwachsene, 547 Kinder und hatte sechs Geistliche zur Verfügung. Im Vikariat Alben lebten 909 Erwachsene, 129 Kinder und drei Geistliche; im Vikariat Leogang 1.171 Erwachsene, 239 Kinder und zwei Geistliche. In den folgenden Vikariaten wirkte jeweils ein Geistlicher für 176 Erwachsene und 23 Kinder in Urslau, für 483 Erwachsene und 132 Kinder in Dienten und für 209 Erwachsene und 43 Kinder in Weisbach. (Seite 3)

Die Zahl der Geistlichen ist für heutige Begriffe sehr hoch. Vielfach übernahm der Geistliche aber andere Funktionen und half etwa beim Unterricht aus, der in Saalfelden durch zwei deutsche Schullehrer, die gleichzeitig Organisten und Mesner waren, und in den Vikariaten durch den Mesner und Organisten in einer Person unterrichtet wurde. (Seite 42)

Die Schilderung der Pfarrkirche von Saalfelden zeigt nicht nur den Bestand der Pfarrkirche und ihr Aussehen, sondern erinnert an die üppige Ausstattung der Kirchen mit Bruderschaftsaltären im 17. und 18. Jahrhundert. Diese Altäre waren Ort der Bruderschaftsandachten und -feste, und sind damit zum einen Zeugnisse des reichen religiösen Lebens jener Zeit sowie zum anderen auch Selbstdarstellung der Bruderschaftsmitglieder in ihrer Gemeinde. Oft genug führten solche Stiftungen zu finanziellen Problemen ganzer Berufsgruppen. Wie oben geschildert, verkleinerten sie auch den Kirchenraum und verstellten oft den Blick auf den Hauptaltar. Die Reformen von Erzbischof Colloredo (1772–1803) finden auch in solchen Schilderungen ihre Begründung.

11.13.2. Die Einsiedler-Klause und Georgenkapelle am Palfen[4123]

„d. Am Palfen bey einer Einsiedler=Klause ober dem Schlosse Liechtenberg, die in Felsen eingebrochene Georgenkappelle,

e. eine Kappelle zu Lenzing am Gerstboden, und

f. eine dergleichen zu Almdorf.

Obschon in der Felsengruft am Palfen am wenigsten die Reinlichkeit eines der Heiligkeit des Meßopfers anständigen Ort zu finden ist, so wird doch aldort der heil. Georg als ein Beschützer des Viehes von dem Volke am eifrigsten besucht, und mit Opferstücken von Eisen oder Wachs, die Pferde oder Kühe vorstellen sollen, vor allen andern Heiligen beschenket, und eben dieses Opfern und wieder Opfern wird am Georgentage ein dortselbst von 5 bis 9 Uhr frühe wiederholtes Messenlesen mit einer Predigt noch immer erhalten haben, obschon einer wahren Andacht oder Verehrung des Heiligen bey dem engen Raume des Orts und der großen Menge des sich ungestüm untereinander drängenden Volkes der wenigste Platz verbleiben kann.“ (Seite 8)

Kommentar von Ulrike Kammerhofer-Aggermann

Über eiserne und wächserne Votivgaben[4124] erzählt uns dieser Bericht, der deutlich die Distanz des Aufklärers von den Volksbräuchen zum Ausdruck bringt. Wächserne Votive wurden teils von Wachsziehern, viel häufiger aber von den Messnern oder Geistlichen der Wallfahrtskirchen aus Altwachs erzeugt und mehrfach verkauft. Sie waren damit eine mehrfache Einnahmequelle. Eisenvotive stellte der jeweilige Schmied her. Neben einfachen Gussstücken gab es kunstvoll ausgeschmiedete, geschlitzte, aber auch feuergeschweißte Erzeugnisse. Auch sie wurden wiederverkauft bzw. nach Beschädigung eingeschmolzen. Gerade jene Gnadenorte, die Vieh- und Ackerbaupatronen geweiht waren, wurden besonders häufig besucht, da sie der Bevölkerung als „Existenz-Versicherung“ galten.

Leonhardverehrung

Die unten geschilderte Umgürtung der Leonhardikapelle in Leogang ist als Beispiel der verschlungenen Wege des Bedeutungswandels in der Frömmigkeit interessant. Das Attribut des heiligen Leonhard (6. November, 559 gestorben, Abt von Noblat bei Limoges), die gesprengte Gefangenenkette, wurde einerseits zur Viehkette umgedeutet und brachte dem Heiligen sein in Österreich und Bayern bedeutendes Viehpatronat, das ihm sogar den Beinamen „Bayerischer (Bauern-)Herrgott“ eintrug. Von Frankreich ausgehend, wurde er ab dem Hochmittelalter auch zum Helfer in Geburtsnöten (Kröte als Gebärmuttervotiv). Andererseits wurde die Kette zur magischen Umgürtung vieler Leonhardikirchen verwendet; die älteste Abbildung dieses Brauches auf einem Holzschnitt datiert von 1488. Diese Umgürtung – bekannt bereits aus vorchristlichen und römischen Kulten – sollte die Wirkung des Heiligtums verstärken, das Heil besonders an diesen Ort einfangen und festigen. Die Kette wird auch als Erinnerung an das Asylrecht der Kirchen gedeutet.[4125]

11.13.3. Die Vikariate in der Alben, am Gasteg, Urslau, Dienten und Leogang[4126]

Das Vikariat in der Alben wurde bereits 1430 mit einem Ablass ausgestattet und 1539 durch Berthold, Bischof von Chiemsee, mit einer besonderen Seelsorge besetzt. Vor der Reform durch die Aufklärer bestand „ein prächtiger Hochaltar von Bildhauer Arbeit, auf welchem in einem gekleideten Bilde die heil. Mutter Gottes, ihr göttliches Kind haltend, auch von vielen fremden Wallfahrern verehret wird.“ (Seite 16)

„An den 4 Seitenaltären ist das Sehenswürdigste ein Altarblatt von vortreflicher Malerkunst, die Geburt Christi vorstellend. Diese Kirche wurde auch vor einigen Jahren ausgemalet, ist eine der schönsten Vikariatskirchen des Landes und auch mit großen jährlichen Einkünften von Kapitalzinsen und grundherrlichen Gilten gesegnet. Das nächst anliegende Dorf hat 4 ganz und 27 halbgemauerte und hölzerne Häußer.

Gasteg

1/8 Stunde davon liegt gegen Salfelden eine kleine Kappelle am Gasteg, aus welcher das wunderwirkende Gnadenbild in die Hauptkirche soll übersetzet worden seyn. Im J. 1481. ist in dieser Hr. Wolfgang von der Alben, dann seine Ehefrau Magdalena gebohrne von Volkenmark begraben worden. Dieser war vielleicht aus jenem Geschlechte, aus welchem ein Ritter Niklaus von der Alben im J. 1324. unter dem Erzbischof Friedrich dem 3ten auf dem Schlachtfelde zu Ampfing mitgekämpfet hat; dann ein Sebastian von der Alben im J. 1473 zu einem allgemeinen Landtage neben den Georg, Wolfgang und Wilhem Ramseidern, dann Aedlgern, Wolfgang und Policarpen Hund einberufen wurde. Ein Wulfart von der Alben wurde auch schon ehevor im J. 1414 mit dem Erbtruchseßamt des Erzstifts beehrt, und diesem folgten nach dem Tode des Eustach von der Alben als des letzten dieses Stammens die von Thonhausen.

Dieses Vikariat versorget auch die Seelen des mehresten Theiles im Urslauer Thale.

Urslau

2tens. Das Vikariat in der hintern Urslau hat die Seelsorge dieses innersten Bergthales auf 15 Bauernlehen. Die Kirche daselbst hat einen der allerheiligsten Dreyfaltigkeit eingeweihten Altar, und war vor wenigen Jahren noch eine Zukirche des 2 Stunden entfernten Vikariats in der Alben. Da bey dieser Entfernung sich zur Winterzeit auch junge starke Leute mit größter Beschwerde oft durch die Tiefe des Schnees durcharbeiten mußten; Kinder oder Alte aber gar nicht nach Alben gelangen konnten, so hat dieses die dermalige weise Regierung bewogen, bey der Zukirche in der Urslau ein gemauertes Vikariathaus dann hinnach auch einen Freyhof erbauen zu lassen und dahin einen beständigen Vikar zu verordnen.“ (Seite 16 f.)

Dienten

„3tens. Das Vikariat in Dienten ist von den vorigen 1 ¼ St. weit entlegen. Das Dorf alldort hat 30 Häuser, aus welchen das Vikariats= und Vermes=Haus dann 2 andere ganz gemauert sind. Die Kirche ist dem heil. Niklaus eingeweihet, steht ober dem Dorfe auf einer Anhöhe, hat 3 Altäre, dann auch von grundherrlichen Gilten und Geldzinsen mehr als zureichende jährliche Einkünfte.“ (Seite 17)

Leogang

„4tens. Das Vikariat in der Leogang ist in einem angenehmern Thale 1 ½ St. weit von dem Markt Salfelden, gegen Abend an die Gränzen von Tyrol reichend. Die Kirche daselbst ist ein Gebäude neuerer Zeiten, hell, regelmäßiger und ohne Säulen. Sie ist von außen mit einer eisernen Kette umhangen, welche nach dem frommen Volksglauben die Ehre des heil. Kirchenpatrons Leonhard befestigen soll. Die Malerey des Kirchengewölbes ist eine kaum mittelmäßige erste Arbeit eines Malers Mayr aus Schwatz, dessen zunehmende Geschicklichkeit und spätere Freskomalereyen aber in den Kirchen zu Salfelden, in der Alben, dann vorzüglich zu Söll im Tyrol immer ansehnlicher wurden. Glänzender ist aber die Verzierung des Hochaltars, auf welchem die Bildnisse der heil. Maria vom guten Rath und des heil. Leonhards verehrt werden. An den Seiten stehen 2 Nebenaltäre, und die Emporkirche verschönert eine ganz neue geschmackvolle Orgel.

Die Kirche umgeben das Vikariat= ein gemauertes Meßner= ein dergleichen geräumiges Gast= und ein halbgemauertes Bäckerhaus. Auch ist dieses 3 Stunden lange Thal mit vielen Bauernhöfen besetzet. Eine kleine Stunde inner der Kirche gegen Westen steht ein nun landesfürstl. Schmelzwerk, wo Erze und Schliche der Berggebäude am Limberg und Klucken in Leogang zu Kupfer verschmolzen werden. Dieses Schmelzwerk mit dem dortigen Bergbaue hat Erzbischof Siegmund von Schrattenbach um das Jahr 1760 von einem Gewerken Jakob Brugger von Brugheim im Pillersee in Tyrol um beylich 16000 fl. erkaufet. Die Wohnung des Verwesbeamten ist eine halbgemauerte der Schmelzhütte angebaute finstere Hütte. Diese umgeben eine Kappelle, ein gemauertes Gasthaus, 4 andere hölzerne Häuschen und jenseits der Leoganger Ache eine Rosthütte.“ (Seite 18–19)

„5tens. Die Landstrasse von Salfelden gegen Lofer führet Reisende anfänglich 1 Stunde lang durch angenehme Gegenden, dann 2 Stunden lang durch eine fürchterliche Gebirgsschlucht Hohlwege genannt, zu einem Gasthaus Frauwies, und zu dem Vikariat Weisbach. Nahe der Straße war dortselbst noch vor wenigen Jahren eine kleine Zukirche mit einem Altar. Gleichwie aber die Bewohner dieser Gegenden noch an den mehreren Sonn= und Festtagen 2 bis 3 Stunden weit zu dem Pfarrgottesdienste zu St. Martin im Gerichte Lofer gehen mußten, so wurde auch dahin, [...] ein beständiger Seelsorger verordnet, für diesen ein anständiges Wohnhaus mit einer geräumigen neuen Kirche aufgemauert, und diese im Jahre 1797 feyerlich eingeweiht.“ (Seite 21)

Die Schilderung der Vikariate, ihrer Ansiedlungen und Notwendigkeiten zeigt die dünne Besiedelung, die Schwierigkeit der Seelsorge und Überwachung bzw. die weiten und beschwerlichen Wege der Bevölkerung zu den verpflichtenden Gottesdiensten. Das Vikariat Weißbach stellt ein Ergebnis der Colloredo-Reformen dar. Die gefährliche Straße aber, die auch „zur Winterszeit mit Schlitten bei 19200 Stöcke oder beynahe so viele Zent. Berchtolsgadnisches Salzes nach Lofer und Salfelden“ zu befördern hatte, wurde nicht verbessert, obwohl sie „wegen abschießender Schneelähnen und an= und absteigender steilen Bicheln ungemein gefahrvoll und beschwerlich“ war.



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