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11.21. F(ranz) M(ichael) Vierthaler: Spiele der Schiffer 1816

11.21.1. Franz Michael Vierthaler (1758–1827) (Ulrike Kammerhofer-Aggermann)

Über den Gelehrten Vierthaler schreibt J. A. Schultes in seiner „Reise durch Salzburg und Berchtesgaden“[4331]

„Der erste Besuch, den wir in Salzburg abstatteten, war bey Herrn Director Vierthaler. Wir fanden an diesem großen und verdienten Gelehrten ganz jenen liebenswürdigen Mann, den sein alter Freund und Lehrer, der jetzige churpfälzbayerische Schuldirector Schubauer, so oft an diesem deutschen Sokrates uns schilderte. Er schenkte uns mehrere Stunden seiner kostbaren Muße mit einer Gutmüthigkeit, als ob seine vielen Geschäfte als Schuldirector, als Bibliothekär, als Redacteur der Salzburgischen Intelligenzblätter und der Salzburgischen Literaturzeitung (die jetzt sein Freund D. v. Schallhammer als die bekannten Annalen fortsetzt) ihm erlaubten, bloß für uns zu leben. [...]

Vierthaler lebt mit seiner Familie[4332] sehr zurück gezogen in Salzburg, wo er, was bey Gelehrten in ihrem Wohnorte selten ist, einer fast allgemeinen Achtung genießt. Die Guten lieben ihn, und die Bösen fürchten ihn; und ich wüßte wahrlich nicht mir zu erklären, warum sie ihn fürchten. Sein großer schöner Wuchs, sein edles Betragen, sein gutmüthiges blaues Auge kann wohl Jedem Achtung, niemanden aber Furcht einflößen. Wehe dem, der Vierthalern als Schuldirector, als Schriftsteller zu fürchten hat!“

Auch Lorenz Hübner erwähnt bereits 1793 in seiner „Beschreibung der hochfürstlich-erzbischöflichen Haupt- und Residenzstadt Salzburg und ihrer Gegenden“ Vierthaler als „Director der deutschen Schulen des Erzstiftes, und öffentl. Lehrer der Methodik und Pädagogik, [...], wohnhaft im Ritzer=Bogen.“[4333] 1793 hatte Vierthaler bereits sechs Werke veröffentlicht, darunter den 4. Band seiner „Philosophischen Geschichte der Menschen und Völker“ 1787 und unterrichtete auch an der Universität. Seine Werke umfassen Literarisches, Schul- und Erziehungsbücher sowie Reisebeschreibungen, darunter: „Reisen durch Salzburg“ 1799.

Vierthaler wurde am 25. September 1758 in Mauerkirchen im Innviertel als Sohn eines Maurermeisters und Stuckateurs geboren und verstarb am 5. Oktober 1827 in Wien. 1769 kam er als Sängerknabe ins Benediktinerstift Michaelbeuern und von dort ins Kapellhaus in Salzburg. Zwischen 1776 und 1783 studierte er Logik und Jus in Salzburg und unterrichtete von 1783 bis 1787 am Virgilianischen Kollegium und der Pagerie, dem Institut für Edelknaben. Ab 1790 war er Direktor des Lehrerseminars sowie der deutschen Schulen der Stadt Salzburg und entwickelte einen 1794 installierten, neuen Schulplan sowie neue Lehrbücher, für die er die Bezeichnung „österreichischer Pestalozzi“ erhielt. Er war ab 1802 mit der Tochter des Juristen, Diplomaten und Historikers Johann Franz Thaddäus von Kleinmayrn (Hofratsdirektor; 1733–1805) verheiratet.

Im Jahre 1800 übernahm er die Redaktion der drei von Lorenz Hübner herausgegebenen Zeitungen. 1803, mit Ende des geistlichen Fürstentums, wurde er als „kurfürstlicher Hofbibliothekar“ und „Landesschulendirektor“ ins Kurfürstentum von Erzherzog Ferdinand von Toskana übernommen.

Zu seinem Freundeskreis zählten Lorenz Hübner, die Schauspielerin und Prinzipalin Caroline Pichler, der Schriftsteller und Hofrat Franz Grillparzer, Joseph von Hammer-Purgstall und viele andere mehr.[4334]

11.21.2. Franz Michael Vierthaler: Die Spiele der Schiffer und Halloren[4335]

„Seit Jahrhunderten sind nämlich bei den Halloren Feste und Spiele eingeführt, auf welche sie sich Monate lang freuen und vorbereiten. Mehrere Male im Laufe des Jahres werden öffentliche Aufzüge veranstaltet, wobei das Räschgespiel (Trommeln und Pfeifen) nicht fehlen darf. Jährlich (von Ostern bis Christi Himmelfahrt) werden ihnen die Näßlinge (eine Art Weißfische Cyprinus nasus) Preis gegeben, welche sie nachts, beim Scheine der Fackeln, an der Mündung der Albe fangen. Dieser Fischfang, welcher zugleich zu einem allgemeinen Volksfeste dienet, wird das Nasestechen genannt.[4336] Alle sieben Jahre ziehen die Halloren der Hauptstadt selbst zu, und stellen daselbst ihre Gewandtheit in körperlichen Uebungen zur Schau. Die Knappen führen den Schwert=, und die Küfner den Reiftanz auf.

Die munteren Schiffer von Laufen[4337] fahren im Winter, da die Schiffahrt ruht, auf dem Wagen des Thespis herum und belustigen das Volk auf dem Lande und in Städten mit ihren Schauspielen. Ernster, obgleich nicht ohne komische Auftritte, sind ihre Wasserturniere, welche ihnen bei außerordentlichen Gelegenheiten zu halten erlaubt wird. Schiffe rennen da gegen Schiffe an; und der Ritter, welcher auf dem Hintertheil steht, und anstatt des eisernen Speers eine Stange mit einer hölzernen Scheibe schwingt, sucht seinen Gegner durch einen Stoß in den Fluß zu stürzen. Um das Lächerliche zu steigern, kommen die Wasserhelden oft auf Fässern angeritten.

Eigner Kampfrichter, welche den Siegern die Preise zuerkennen, bedürfen sie nicht: sie wissen sich dieser selbst zu bemächtigen, Hoch über dem Wasserspiegel hängen nämlich Blumenkränze mit eingeflochtenen Geldstücken an gespannten Seilen. Während das Schiff nun unter denselben durchgleitet, sucht der Wasserritter im kühnen Sprung einen Kranz zu erhaschen, und schwimmt dann stolz auf denselben und den Beifall der Zuschauer, mit der Beute im Munde, seinem Schiffe nach. Wenn aber der Sprung mißlang, so fällt der unglückliche Ritter beschämt und von lautem Spott verfolgt, in den Fluß zurück.

Illum et labentem – et risere natantem,
Et salsos rident revomentem pectore fluctus.

Die Gebräuche und Anordnungen unsrer Voreltern zeugen von einer praktischen Weisheit, welche in unsern Tagen oft zu wenig gewürdigt wird. Die Spiele der Halloren, wenn gleich nicht so berühmt, wie die griechischen, verfehlen doch ihres Zweckes nicht. Sie verwahren die ernsten, auf einen engen Geschäftskreis beschränkten Menschen vor Schwermuth; flößen ihnen Muth des Lebens und Stolz auf ihren Stand und selbst auf die Farbe ihrer Kleidung ein. Die Halloren dünken sich edler, als ihre Mitbürger zu seyn.“



[4331] [Schultes 1804], Theil 2, S. 240–242.

[4332] Anm. Vierthaler: Es ist sonderbar, daß die meisten Gelehrten in Oberdeutschland Vierthalern für einen geistlichen Herren halten, gerade als ob Niemand, als ein geistlicher Herr, Schulen dirigiren könnte.

[4336] Die Salzarbeiter, 80–100 an der Zahl, versammeln sich Nachts um ein großes Feuer; stürzen sich auf ein gegebenes Zeichen, halb entblößt, mit einer brennenden Fackel in der Linken und einem eisernen Dreizack in der rechten Hand, unter großem Geschrei in den Fluß, und durchstechen die Fische, welche in jener Jahrszeit wegen des Leiches den ganzen Boden bedecken, und vom Scheine der Fackeln gelockt und geblendet, sich nicht entfernen. Dieser Auftritt, welcher während der Nacht öfter wiederholt wird, erscheint bei dem Geschrei der Fischer, dem Dunkel der Nacht und den lodernden Fackeln von ferne wie ein Gespenster= und Feenspiel.

[4337] Der größte Theil der Schiffer wohnt in Laufen. Denn diese führen 9/10 vom Salze; die von Hallein hingegen nur 1/10 aus. Die Fahrt geht bis nach Obernberg, wo die dritte Schiffergemeinde die Ladung übernimmt und nach Passau liefert. Die leeren Schiffe (die Plätten genannt), werden von Pferden den Inn und die Salza aufwärts zurückgezogen.

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