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12.16. Arnold Pichler: Lungauer Osterbräuche und ein Wallfahrtsmuseum

Arnold Pichler (Museumskustos im Pfarr- und Wallfahrtsmuseum Mariapfarr bis 2006, Lagerhausdirektor i. R.) gab Marina Wimmer am 7. Juni 2003 im Referat Volkskultur ein Interview.

Welche Bräuche verbinden Sie mit Ostern?

Ostern ist ein Gesamtablauf im kirchlichen Brauch, der mit der Fastenzeit am Aschermittwoch beginnt und mit dem weißen Sonntag, dem Sonntag nach Ostern, endet. Palmsonntag bedeutet Palmbuschentragen, Palmbesen; für die Kinder steht die Attraktion des Palmbuschentragens im Vordergrund, weniger der christliche Hintergrund. Die Kinder haben darauf geschaut, wer die längsten Besen hat, das war eine Art Siegersymbol. Dann kommt die Karwoche, wobei die ersten Tage früher von der kirchlichen Seite mit der Beichte begannen; die Erwachsenen nahmen sogar einen eigenen Beichtzettel mit, dass sie ja keine Sünde vergessen. Es ist auch sehr genau registriert worden, ob auch alle zur Beichte gegangen sind bis zum Gründonnerstag.

Dann haben die eigentlichen, kirchlichen Feiern begonnen – am Karfreitag, Karsamstag, wobei sich hier auch weltliche Bräuche stark bemerkbar gemacht haben, wie etwa die Antlasseier, die am Donnerstag, Freitag und Samstag gesammelt und am Ostersonntag zur Speisenweihe mitgenommen wurden. Diesen Eiern hat man besondere Heilkraft in verschiedenen Dingen zugesprochen. Teilweise wurden die Eier unter das Dach gesteckt, um als Schutz über das ganze Anwesen zu fungieren. Vor 37 Jahren war ein großes Hochwasser im Thomatal, wo eine Bäuerin ein Antlassei hingelegt und gesagt hat: „Wenn bis daher das Wasser steigt, dann passiert noch nichts, wenn es drüber geht, wird es gefährlich“. Genau bis zum Ei ist das Wasser gestiegen – die Heilkraft hat sich sozusagen ausgewirkt. Das war früher, heutzutage macht man das kaum noch.

Die strenge Fastenzeit: Vom Aschermittwoch bis zum Ostersonntag haben die Menschen sehr spärlich gelebt und am Karsamstag war früher die Auferstehung am Nachmittag und hatte auch früher nicht die Bedeutung wie heute. Für die Kinder war dabei die Feuerweihe interessant. Auf einem Drahtkranz wurden Holzscheitel aufgebunden, vor der Kirche war eine Feuerstelle, da hat man die Holzscheitel anbrennen lassen, bis sie schwarz waren; mit diesem geweihten Feuer hat man dann das Osterfeuer zum Brennen gebracht. Zu den Bräuchen gehört auch die Wasserweihe: Mit dem Weihwasser wurden Felder besprengt von den Bauern. Die Palmbuschen wurden ins Weihwasser getaucht und mit denen dann die Felder besprengt – eine Art Segensbrauch. Zu Ostern wurde der Palmbesen nach der Prozession auch unter dem Dach aufbewahrt, ein Teil wurde aufs Feld gebracht. Die Palmkätzchen wurden bis zum Winter aufbewahrt, zum Beispiel fürs Rauchengehen zur Weihnachtszeit, und einige Bauern haben die Kätzchen beim Sommergetreide unter die ersten Samenkörner gemischt – am Beginn der Saatreihe.

Am Ostersonntag war der große Gottesdienst und dort hat die Speisenweihe stattgefunden, wo die Bäuerin ihre Speisen weihen ließ. Darunter war ein Schinken, Weichbutter, Salz, Eier, zum Teil auch Krenwurzen. Die Weihbutter ist ein wunderschönes Gebilde, oben Christus mit Siegesfahne. Die Butter wurde bis zum weißen Sonntag, dem Sonntag nach Ostern, verwendet. Die erste Magd trug die Speisen stellvertretend für die Bäuerin nach Hause und wenn diese beim Nachbarn vorbeiging, wurden Böller geschossen – die Weihe wurde sozusagen abgeschossen –, dabei musste die Magd jedem ein Stamperl Schnaps geben, dann durfte sie weitergehen. Dann ist diese Speise auf den Tisch gekommen, wo alle schon hungrig darauf gewartet haben. Bei den größeren Bauern wurde ein Fass Bier gekauft – das Osterbier. Ein paar Tage ging das festliche Essen dahin, teilweise mussten Personen nachher im Krankenhaus wegen Magendurchbruch behandelt werden, da sie das viele Essen nicht gewohnt waren.

Am Ostermontag kamen die Patenkinder und enge Verwandte zum Weihgehen, wo gut gespeist wurde und die Bauersleute ihren Besitz stolz präsentierten. Jedes Kind hat dabei ein Osterei bekommen; beim „Eierdutschen“ musste der Verlierer dem Sieger sein Ei geben. Bis zum weißen Sonntag wurden die Eier auch zum Kirchengehen mitgenommen; vor der Kirche waren andere Kinder zum „Dutschen“ – auch damals gab es schon Gipseier. Beim „Eierpecken“ wurde das Ei in die Armbeuge gelegt und eine andere Person musste mit einem Geldstück dorthin zielen; blieb das Geldstück stecken, gehörte es derjenigen Person. Ursprünglich gab es nur rote, blaue und grüne Eier, dann kam das Verzieren, wobei bei uns das bemalte Osterei nicht üblich war.

Von wem werden die Osterbräuche im Lungau initiiert?

Gott sei Dank braucht niemand die Bräuche initiieren, sondern die Bräuche werden eher von Vereinen getragen.

Welche Formen von Ratschen gibt es im Lungau? Wem gehören diese Ratschen?

Die Ratschen gehören der Kirche. Es gibt Ratschen in unterschiedlichen Größen, wobei die auf den Wägen die größeren sind hin bis zu den kleinen Ministranten-Ratschen. Und es gibt natürlich verschiedene Formen. In der Zeit, in der die Glocken in Rom verweilen, läuten die Ministranten auch nicht mit den kleinen Glocken, sondern da wird auch geratscht. Die Ratschen sind in etwa 20 cm groß. In Tamsweg wurde eine riesengroße Ratsche auf einem Wagen aufgebaut – hier spielt auch der Ehrgeiz mit; je lauter die Ratsche, desto besser.

Wer geht ratschen? Wird den Ministranten im Zusammenhang mit dem Ratschen der Jahreslohn ausgezahlt?

In den großen Orten erfolgt das Ratschen nicht nur bei der Kirche, sondern es wird im Ort herumgegangen oder gefahren. In Tamsweg gab es früher zwei Gruppen – den Obermarkt und den Untermarkt –, die herumgefahren sind und zu bestimmten Zeiten auf öffentlichen Plätzen geratscht haben. Es hat dabei lustige Sprüche gegeben. In St. Michael und in St. Martin passierte das Ratschen auch noch außerhalb der Kirche, während in den anderen Orten nur bei der Kirche geratscht wurde.

Es gibt richtige Ratschergruppen mit einer strengen Hierarchie: Da gibt es den Obmann bzw. Anführer, der bestimmt, wer mitgehen darf oder wer aufgenommen wird, außerdem macht er die Zeiteinteilung, meistens waren auch Ministranten daran beteiligt. Es war eine strenge Ordnung: der Ratschmeister (Obmann) hat auch bestrafen können: Wenn sich jemand nicht an die Zeit gehalten hat, wenn jemand zu spät gekommen ist oder etwas gemacht hat, was nicht zur Ordnung passte, konnte dieser ausgeschlossen werden – da ging es sehr streng zu.

Wieweit das heute noch so gehalten wird, kann ich nicht genau sagen, aber nach wie vor gibt es diese Gruppen in den Märkten schon. Während in Mariapfarr das Ratschen immer nur vom Kirchturm aus ausgeübt wurde, wird in anderen Orten zum Teil vor der Kirche geratscht. In den kleineren Orten wird das vor der Kirche gemacht und nicht im Ort herumgegangen.

Wie die Ministranten früher entlohnt wurden, weiß ich nicht so genau. Es ist ganz verschieden wie Ministranten entlohnt werden, das ist auch vom Pfarrer abhängig. Aber diejenigen, die mit den Ratschen marschierten, haben von den Menschen etwas bekommen – entweder Geld oder Naturalien. Die, die herumgezogen sind, haben das Ratschen mehr professionell betrieben.

Wie ist der Ablauf eines Osterfeuers? Wer initiiert ein Osterfeuer? Welche Rolle spielen die Kosten, der finanzielle Aufwand eines Osterfeuers?

Früher war bei jedem Bauernhaus ein Osterfeuer. Im Oberlungau – St. Michael – gab es auch schon gezimmerte Feuer, bei denen Holz mit 20 cm Durchmesser aufgezimmert, gefüllt und angezündet wurde. Im Lungau – Mauterndorf bis Tamsweg – war das nicht üblich, trotzdem gab es bei jedem Bauern ein Feuer. Im Lungau werden die Feuer am Abend nach der Auferstehung angezündet. Das erste Osterfeuer stammt aus dem 8./9. Jahrhundert. Dazu gibt es eine Sage: Um 1797 hätten die Franzosen fluchtartig den Lungau verlassen, weil sie die Osterfeuer überall brennen sahen und der Meinung waren, sie seien eingeschlossen. Diese Sage stimmt nicht, da die Franzosen den Lungau 1816 verlassen haben.

Heute werden die Osterfeuer zum Teil von den Bauersleuten, den Kindern und von der Landjugend gemacht, die sich sehr um diesen Brauch angenommen hat, oder auch von Vereinen, Sportvereinen, wobei ich immer in Widerspruch komme, da dies oft schon zum Event ausartet. Um den Schein zu wahren, wird mit dem geweihten Feuer nach der Auferstehung das Osterfeuer angezündet – aber das meiste andere findet meine Zustimmung nicht. Oft sind die Leute dabei und wissen eigentlich nicht mehr, warum sie dabei sind. Aber so wird der Brauch wenigstens aufrechterhalten.

Es gibt auch noch sehr viele Personen, die das Feuer bei ihrem Haus machen. Da gibt es tagelang vorher oft eine Wache, denn auch schon vor 70 bis 80 Jahren hat man sich gegenseitig vor Ostern die Feuer angezündet – ein boshafter Akt. Anfang der 1950er-Jahre wurde teilweise neben dem Feuer ein Kreuz aufgestellt mit Lampions und innen mit Kerzen, das war wunderschön. Initiiert werden die Feuer von Familien einerseits, aber auch von Vereinen und Gemeinschaften.

Die Kosten für ein Osterfeuer? Es gibt keinen finanziellen Aufwand für das Feuer. Für Essen und Trinken ist gesorgt, der Erlös kommt den Vereinigungen, die das veranstalten, zugute. Es ist keinerlei Kostenaufwand erforderlich, außer der Arbeitsaufwand, den man erbringen muss, aber das geschieht freiwillig und ohne irgendwelche finanzielle Abgeltungen.

Welchen Auflagen unterliegen Bräuche – wie zum Beispiel das Osterfeuer?

Beim Osterfeuer gibt es Umweltauflagen. Vor zehn bis 15 Jahren wurden die Feuer noch dazu verwendet, seinen Sperrmüll anzubringen; am nächsten Tag hat man zum Beispiel die Federn von den abgebrannten Matratzen gesehen, doch das kommt Gott sei Dank heute nicht mehr vor – man hat ja genug Holz.

Woher kommt die Idee, in Mariapfarr ein Wallfahrtsmuseum einzurichten? Sehen Sie sich als Konkurrenz zum Dommuseum?

Überhaupt keine Konkurrenz. Das Schöne an unserem Museum ist, dass uns alle Exponate selber gehören, das wurde auch von Experten bestätigt – wir brauchen nichts zu kaufen oder uns Leihgaben hereinnehmen. Wir haben für die Marienstatue, die immer wieder neu gekleidet wurde, sieben oder acht Kronen, die der Mutter Gottes zu verschiedenen Anlässen aufgesetzt wurden; auch den sehr, sehr wertvollen Schmuck, welcher der Marienstatue um den Hals gelegt wurde.

Alles hat einen großen Wert; wir brauchen keine Leihgaben. Wir werden auch mit den Kirchen, die damals dazugehört haben, wenn es irgendetwas Besonderes gibt, zu gewissen Zeiten Sonderausstellungen machen. Aber insgesamt sehen wir uns überhaupt nicht als Konkurrenz zum Dommuseum. Wir sind einfach ein Pfarr- und Wallfahrtsmuseum, wobei wir die seinerzeitige Bedeutung des kirchlichen Mittelpunktes im Lungau – Mariapfarr ist ja die Mutterkirche und wurde 923 erstmals erwähnt – repräsentativ zur Schau stellen wollen.

Wie lassen sich in einem Wallfahrtsmuseum über Objekte menschliche Glaubenshaltungen, Frömmigkeitshaltungen, Wünsche und Anliegen darstellen?

Mariapfarr hat als Wallfahrtsort eine große Tradition. Die Leute sind früher immer wieder zur Kirche gekommen; es gibt reihenweise Votivtafeln und andere Zeugnisse aus früherer Zeit. Nur als Marien-Wallfahrtsort ist der Ort erst im 17. Jahrhundert bekannt worden und hat bis jetzt auch noch seinen Zuspruch. Es kommen im Jahr ca. 40 bis 50 Busse mit Wallfahrern. Mariapfarr – als Mutterkirche des Lungaues, aber teilweise auch der angrenzenden steirischen Kirchen und Verwaltungssitz – wurde sehr reich ausgestattet, zum Beispiel mit einem weltbekannten Silberaltärchen von 1443, das eigentlich vergoldet ist, das damals der bekannte Pfarrer Grillinger gestiftet hat. Zusätzlich haben wir noch einen Keutschacher Kelch, zwei andere gotische Kelche und eine Reihe von Statuen aus dieser Zeit.

Das war alles im Kirchenbesitz und in verschiedenen Lagern untergebracht und mehr oder weniger abgestellt. Vor 20 Jahren wurde ein Teil dieser Schätze hervorgeholt und der Öffentlichkeit vorgestellt und damals war die Idee des Museums schon da. Vor etlichen Jahren fanden sich Räume, wo früher der Kindergarten war und ganz früher ein Pferdestall – wunderschöne Räume mit schönen Gewölben. Jetzt haben wir zwei sakrale Räume, wo der Kirchenschatz und die Kirchengeschichte dargestellt wird. In einem anderen Raum ist eine Mohr-Dokumentation, nachdem man nun seit fünf bis sechs Jahren weiß, dass Joseph Mohr das Weihnachtslied „Stille Nacht, Heilige Nacht“ in Mariapfarr geschrieben hat.

Beim Ausgraben der Kirchenschätze wurden auch Krippenfiguren gefunden, die aus 1740 stammen und die zur Zeit von Joseph Mohr auch in der Kirche als Krippe waren. Diese Krippenfiguren wurden im Kunsthistorischen Museum in Wien restauriert. Das alte Haus, wo Joseph Mohrs Großvater gewohnt hat, steht nach wie vor in Mariapfarr – die ganzen Vorfahren von Mohr wurden stammbaummäßig erfasst, auch das findet sich in der Ausstellung. Die Wallfahrt soll durch das auch angekurbelt werden.

Mein persönliches Anliegen ist es, die Glaubensgrundsätze mit den Exponaten in eine Verbindung zu bringen. Das Museum soll die seinerzeitige Bedeutung der Kirche und den Glaubensinhalt darstellen: Warum ist man Wallfahrten gegangen, warum haben Künstler solche Werke hervorgebracht etc. Wir werden auch die Museumsführungen mit den Kirchenführungen verbinden. Museumsführungen sollten beides zusammenfassen, wobei in der Kirche nicht auf jede einzelne Freske eingegangen wird, weil sich ja auch herausstellt, dass die meisten Leute das nicht genau interessiert, sondern denen muss man eher die generelle Ausgestaltung der Kirche erklären und dann doch mehr den Sinn und Zweck der Wallfahrt in den Vordergrund stellen.

Es soll ein bisschen ein anderes Museum werden: Nicht „Nullachtfünfzehn“: Busse werden herangekarrt, die Leute werden durchgeschleust: „Zahlen Sie 50 Schilling und dann auf Wiedersehen!“ – Das nicht! Es soll so sein, dass man in einem Jahr auch noch daran denkt, dass man ein schönes Museum gesehen hat und eine gute Führung erhalten hat.

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