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3.3. Ich hab’ wunderbare Hilf erlangt (Walter Pötzl)[91]

Tipp

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3.3.1. Wallfahrt als Bewältigung des Alltags

„Ich hab’ wunderbare Hilfe erlangt“ – mit diesen oder ähnlichen Worten bekundeten Menschen auf Votivtafeln oder in Mirakelbüchern, dass ihnen in einer Gefahrensituation durch ihre Hinwendung zu einem Wallfahrtsort auf wunderbare Weise geholfen wurde. Ihnen liegt die Überzeugung zugrunde, dass die Gottheit an bestimmten Orten dem Menschen besonders nahe ist, was dazu führt, dass sie vornehmlich dort ihre Anliegen vorbringen und bei erlangter Hilfe Dank abstatten.

Um die Intensität des Wallfahrtswesens in der Barockzeit besser begreifen zu können, erscheint es hilfreich daran zu erinnern, dass die Medizin damals in vielen Fällen nicht helfen konnte und dass die Menschen auch keine Möglichkeit besaßen, sich gegen viele Risiken des Lebens durch Versicherungen zu schützen. Auch heute gibt es noch viele Krankheitsbilder, in denen sich Menschen verlassen fühlen. Die Hinwendung zu einem Wallfahrtsort, die Votation, setzt damals wie heute den Glauben voraus, dort in einer bedrohenden Situation Hilfe erfahren zu können.

Unter den zahlreichen Wallfahrtsorten hoben sich manche heraus, die sich durch Zuständigkeit für besondere Anliegen auszeichneten. Durch die Auswertung von Mirakelbüchern und Votivtafelbeständen erfährt man viel über die Motive der Wallfahrer, die von einem weiten Spektrum – von Unfällen bis zum Erbitten des Schutzes für ein Eheglück – zeugen.

3.3.2. Votation und „Wunder“

Der sich bedroht oder gefährdet fühlende Mensch wendet sich in der Hoffnung an den Wallfahrtsort, dort auf wunderbare Weise Hilfe zu erlangen. In der Barockzeit konnte der Mensch davon in Mirakelbüchern lesen. Viele Wallfahrtsorte beeindrucken noch heute durch Wände voller Votivtafeln, Mirakelbilder, aus Dankbarkeit zurückgelassene Gegenstände mit Zeugnischarakter und Votivgaben.

Die erfahrene Hilfe wird von den Votanten so selbstverständlich als Wunder empfunden, auch wenn dafür natürliche Mittel verantwortlich waren, dass sie relativ selten als solche bezeichnet werden. Im Deutschen ist die sprachliche Bandbreite groß, die italienische Sprache konzentriert sich mehr auf die Worte „miracolo“ oder „beneficio“.

Bei vielen Texten aus Mirakelbüchern scheint mehr die Wende in der Krankheit oder in Notsituationen der entscheidende Punkt des Wunders zu sein, während die eigentliche Rettung und Heilung einen ziemlich natürlichen Verlauf nimmt. Entscheidendes Faktum ist, dass Menschen davon überzeugt waren, dass ihnen auf übernatürliche Weise geholfen wurde. Obwohl die Menschen heute oft sehr kritisch urteilen, haben viele auch in unseren Tagen noch diese Überzeugung.

3.3.3. Sacra und Heilbrauch

Auf Wallfahrt gehen bedeutete, große Mühen auf sich zu nehmen. Manche steigerten die Mühen noch, indem sie eine oder mehrere Erschwerungen auf sich nahmen. Die Wallfahrt „barfuß“ auf sich zu nehmen, gilt als die häufigste Erscheinung. In Tuntenhausener Mirakelbüchern werden bis 1614 26 sogenannte „Nacktwallfahrten“ erwähnt, wobei die Personen nur mit einer Schürze bekleidet waren. Eine weitere Form der Erschwerung war und ist auch heute noch zum Teil das Tragen von schweren Holzkreuzen und das Schleppen von Steinen.

Ein einmal zu einem Kultort eingeschlagener Weg wurde oft über Generationen beibehalten und zum Wallfahrtsweg mit Bildern, Wegkreuzen, Bildstöcken und Kapellen ausgestaltet. Am Kultort selbst standen dem Wallfahrer Bilder, Ablasspfennige, Rosenkränze zur Verfügung. Bei vielen Wallfahrtsorten sprudeln Quellen, die fest ins Kultprogramm einbezogen sind. Mit den durch die Nähe zum Kultobjekt geheiligten oder dort geweihten Dingen erhoffte der Pilger eine Verstärkung seines Verlangens nach Heilung.

Eine wichtige Rolle im Heilbrauch spielten Reliquien. Dabei wurde bereits der Anblick als Heil fördernd begriffen, doch als noch intensiver erachtete man Berührungen. In Tuntenhausen z. B. waren Häubchen geheiligt, weil sie vorher das Gnadenbild getragen hatte. Die am Grab der Heiligen berührten Erentrudishäubchen wurden bei vielerlei Beschwerden aufs Haupt gelegt.

3.3.4. Die Promulgation – Bekanntgabe und öffentliche Verkündigung eines „Wunders“

Wenn einem Wallfahrer nach seiner Überzeugung durch ein „Wunder“ geholfen worden war, durfte er das nicht als eine Privatsache betrachten. Das sogenannte „Kultobjekt“ verlangte die Bekanntgabe und öffentliche Verkündigung. Eine Unterlassung der Promulgation bewirkt Strafe und womöglich das Wiederaufbrechen der alten Krankheit.

Man unterscheidet vier Formen von Promulgation, die aber auch gepaart auftreten können. Zum einen gibt es zurückgelassene Gegenstände mit Zeugnischarakter. An manchen Wallfahrtsorten z. B. bezeugen aufgehängte Krücken, dass Lahme geheilt wurden. Eine weitere Form von Promulgation sind Votivgaben. Die betroffenen Gegenstände oder geheilten Körperteile wurden aus verschiedenen Materialien gefertigt. Wachs scheint am weitesten verbreitet gewesen zu sein. Votivtafeln als Promulgation waren im deutschen Sprachraum im Barock noch äußerst selten. Zu den frühesten gehört jene aus dem Jahr 1606 in Mariastein (Tirol). In den Mirakelbüchern des Erzbistums Salzburg werden von 1636 an fast regelmäßig Bilder genannt. Auch der Eintrag für das Mirakelbuch galt als Promulgation. Der Eintrag bestand aus Namen und Stand des Votanten, dem Votationsanlass, aus der Votation sowie dem Gelübde selbst und der Feststellung der erlangten Hilfe.

3.3.5. Opfer und Gebete

Es entspricht dem Wesen der Volksfrömmigkeit, dass mit der Bitte um Erhörung in einem bestimmten Anliegen, mit dem Besuch des Kultortes zur frommen Übung oder zum Dank eine „Gegenleistung“ einhergeht. Diese „Gegenleistungen“ beinhalten die verschiedensten Ausdrucksformen und Materialien. Sie reichen vom „Scherflein“, das die arme Witwe in den Opferstock legt, bis zum kostbaren Ausstattungsstück der Kirche, das ein reicher Adeliger stiftet.

Das Beispiel Altötting (Oberbayern) zeigt, wie unterschiedlich und vielfältig die Opfergaben waren. In den Jahren 1492 bis 1806 wurden Geld, Kleinodien und Silbervotive, Flachs, Hühner, Groß- und Kleinvieh, Butterschmalz, die Erlöse aus verkauftem Wachs, aus Leinwand und Kleidern geopfert.

An den Wallfahrtsorten des Salzburger Erzbistums scheint man dieses breite Spektrum von Opfern nicht gekannt zu haben. Tieropfer kommen höchst selten vor, Flachsopfer scheinen ganz zu fehlen. In Maria Alm (Pinzgau) z. B. fallen die Kleider für das Gnadenbild, die Messgewänder und die Altarwäsche auf. Unter den Opfern befinden sich auch Brautkränze. In der Mariazeller Kapelle in St. Peter überwiegen die Andachten.



[91] Kurzfassung von Ilona Lindenbauer, Langtext-Version HIER.

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