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3.2. Wir ziehen zum Haus der Gnade (Johannes Neuhardt)

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3.2.1. Wallfahrtspraxis

Wallfahrten sind keine Erfindung des Christentums. Solange wir in der Religionsgeschichte der Menschheit zurückblicken, gab es stets die Überzeugung, dass das Wirken der Gottheit an ganz bestimmten Orten besonders spürbar sei und somit der Mensch sich an diese Plätze hinbegeben müsse, wenn er Heilung und Hilfe erfahren wolle.

In der Frühgeschichte des Christentums ist eher eine ablehnende Haltung der Wallfahrtspraxis der Antike gegenüber festzustellen, denn sie war zu stark mit heidnischen Bräuchen durchsetzt. Die frühesten Zeugnisse von Pilgern der jungen Kirche gehen nicht zu Orten der Marienerscheinung, sondern zu Grabstätten der Märtyrer. Durch den Glauben an die Auferstehung des Herrn wurde das Geheimnis des Todes zu einem Geheimnis des Lebens verwandelt.

Neben den Märtyrergräbern haben zwei andere Formen die Nähe des Heiligen für den Hilfe suchenden Menschen besonders anschaulich gemacht: die Reliquien und das Gnadenbild.

3.2.2. Wallfahrt und Kultbild

Für den Menschen der Neuzeit war es das Bild des Kultes, das mit großer Kraft verkündet: „Gott ist gegenwärtig in all seiner Hoheit, seiner Herrlichkeit und der Fülle seines Heiligen Willens.“ Deshalb gehört zu jeder Wallfahrt das Kultbild. Das Christentum hat der Welt die Freiheit zum Bild geschenkt.

Das strenge Bilderverbot, das im alten Israel die Integration des Schnitzbildes im Kult untersagt hat, war gegenstandslos geworden seit die Ikone des Vaters, dieser Jesus unter uns, leibhaft erschienen ist. „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“, heißt es im Johannesevangelium (Joh 14,9).

Auch hat das Christentum in seiner Gesamtheit niemals den Weg fernöstlicher Weltanschauungen beschritten, die die Bilder der trügerischen Sinnenwelt zurechnen und diese deshalb auszulöschen trachten, weil sie den Weg zur gegensatzlosen Einheit angeblich versperren.

3.2.3. Wallfahrtsorte als besondere Stätten

Wenn wir der Frage nachgehen, warum die Wallfahrtskirchen dort stehen, wo sie stehen, so kommen wir auf merkwürdige Ergebnisse. Es ist niemals ein Zufall, weshalb in oft schwierigen, abgelegenen, teils nur mit hohen Kosten zu erreichenden Zugängen Wallfahrten entstanden sind. Es hat dies etwas mit der Strahlung des Ortes zu tun. Die Strahlenfühligkeit von Menschen hat es stets erspürt, dass gewisse Orte so positiv bestrahlt sind, dass der Mensch sich dort immer wohlfühlen musste und für die Einsprechungen der Gnade, seine Motivation sein Leben zu ändern, besonders aufgeschlossen war.

In der Sprache spätmittelalterlicher bzw. frühneuzeitlicher Legendenbildung haben diese Wahrheiten einen höchst anschaulichen Hintergrund erhalten. Es war nie der Mensch selbst, der solche Stätten ausfindig gemacht hat, sondern weisende Tiere (das Ochsengespann, das von allein den Weg findet) oder das bekannte „Rückkehrmotiv“ (z. B. ein Gnadenbild, das von allein an einen bestimmten Ort zurückkehrt und dies sogar mehrmals). Auch Lichtwunder können eine Rolle spielen. In Kirchental war es ein Ährenwunder. Im Schnee sollen drei Kornähren sichtbar geworden sein; dies deutete man auf den Willen der Gottesmutter.

3.2.4. Bedeutung der Wallfahrt

Niemals hat das Christentum in irgendeiner seiner Formen die Wallfahrt zur Pflicht gemacht. „Du kannst nicht in den Himmel kommen, wenn Du nicht einmal in Deinem Leben wallfahren gegangen bist“, diese Behauptung gab es niemals.

Wallfahrten waren immer Angelegenheiten des Volkes; von der Obrigkeit sind sie selten organisiert oder befürwortet worden. Da meist tagelange Fußmärsche zurückzulegen waren, bis man am Wallfahrtsort angekommen ist, waren die Pilger dort vollkommen erschöpft. Deshalb haben die Gottesdienste keine langen Predigten gekannt. Man ist zumeist beichten gegangen und hat kommuniziert.

Den bildungsbeflissenen Aufklärer – wie es Fürsterzbischof Hieronymus Graf Colloredo war – hat dies natürlich gestört und deshalb suchte er die Wallfahrten zu unterbinden, weil eine Predigt in der eigenen Pfarrkirche nützlicher sei als das Wallfahrten. „Viel Wallfahrten macht selten heilig“, so steht es schon in der „Nachfolge Christi“ zu lesen.

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