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4.9. Lieder der Jugendbewegung (Wolfgang Lindner)[159]

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4.9.1. Lieder als Zeugnisse kollektiver Mentalität

Die Jugendbewegung ist neben der Arbeiter- und Frauenbewegung die dritte große Emanzipationsbewegung des 20. Jahrhunderts. Diese reagiert auf den Zeitgeist, auf Kultur- und Gesellschaftskrisen. Es bildeten sich kollektive Gruppenmentalitäten, die ihre Identität vor allem über Gebrauchslieder zum Ausdruck brachten. Das Ende dieser Bewegung lässt sich nicht genau datieren (in den 1960er-Jahren), begonnen hat sie im November 1901 mit einem zunächst unbedarften Wanderverein. Diese sogenannte „Wandervogelbewegung“ breitete sich rasch von Deutschland nach Deutschösterreich aus (1911 in Salzburg).

Der Erste Weltkrieg veränderte die Mentalität der Jugendbewegung. Jugendlichkeitskult und Jugendreich waren neue Ideale, und neu war vor allem die Idee des „Bundes“ (Bundeslieder, Bundesembleme, Bundesführer). Die Pfadfinder übernahmen die Stellung der Wandervogelbewegung, woraus in den 1930er-Jahren wiederum die „Deutsche Jungenschaft“ hervorging. Viele davon konvertierten später zum Nationalsozialismus.

Nach 1945 wurden kirchliche Bünde und Pfadfinderbünde durch die Alliierten begünstigt, die darin eine Möglichkeit der „Umerziehung“ sahen. Modernisierungstendenzen führten jedoch zum Ende der Jugendbewegung. Die Folgegeneration der 68er-Jugend hat endgültig mit dieser Tradition gebrochen.

4.9.2. Vom Wanderverein zur Bewegung

Das Ende der jugendbewegten Mentalität lässt sich nicht genau bestimmen (in den 1960er-Jahren), das Geburtsereignis dagegen ist genau datierbar – am 4. November 1901 wurde in Berlin-Steglitz (Ratskeller) der Wanderverein „Wandervogel“ gegründet. Bis zum Ersten Weltkrieg erfolgte eine Ideologisierung des zunächst unbedarften Wandervereins. Die Grundlagen bot der lebensideologische Zeitgeist – Jugendlichkeit galt als Lebensprinzip. Weitere Ziele und Prinzipien waren Antiurbanismus („Flucht in die Wälder“), Zuwendung zur Natur, Pflege von Volkslied, Volkstanz und Volkstheater und die abstinente Lebensform.

Noch im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts breitete sich die Wandervogelbewegung von Deutschland nach Deutschösterreich aus. Von Böhmen aus entstanden Wandervogelgruppen in Wien und anderen Städten Deutschösterreichs – auch in Salzburg. Der österreichische Wandervogel war im Gegensatz zum deutschen von Beginn an politisch ausgerichtet.

Der Erste Weltkrieg brachte als Epocheneinschnitt einen deutlichen Wechsel von allgemeinen Lebensstilen. Eine veränderte Mentalität von Neubeginn und Zukunftshoffnung führte zur Neugründung von Jugendbünden. Neu war vor allem die Idee des „Bundes“. Die „romantische Verträumtheit“ der Wandervogelzeit passte nicht mehr zur neuen bündischen „Tatgesinnung“ der „sachlichen“ jungen Generation. Um 1930 entstand durch Abspaltung von der „Deutschen Freischar“ (Wandervögel und Pfadfinder) die „Deutsche Jungenschaft“.

4.9.3. Jugendbewegung: Kollaboration, Opposition und Modernisierung

Nach dem „Anschluss“ Österreichs ans „Deutsche Reich“ (1938) glichen sich die unterschiedlichen Mentalitätsentwicklungen der deutschen und österreichischen Jugendbewegung an. In Deutschland wurden 1933 ohnehin alle Jugendbünde vom NS-System „gleichgeschaltet“ (Hitlerjugend).

Für die ehemals bündisch Jugendbewegten waren drei Optionen möglich: Beitritt zur Hitlerjugend und loyale Kollaboration; Beitritt zur Hitlerjugend und subversiver Widerstand; Verweigerung des Übertritts zur Hitlerjugend und illegale Jugendopposition. Nicht wenige ehemals Bündische und Wandervögel konvertierten zum Nationalsozialismus, die Zahl der Verweigerer und illegal Opponierender muss jedoch erheblich gewesen sein, denn es wurde ein eigenes Gesetz „gegen bündische Umtriebe“ erlassen.

Nach dem sogenannten „Nullpunkt-Jahr“ (1945) versuchte die Generation der Bündischen Jugend, aber auch der Hitlerjugend bzw. des Bunds Deutscher Mädel, da weiterzumachen, wo man 1933 bzw. 1938 (Österreich) aufhören musste. Durch das Wohlwollen der Alliierten wurden kirchliche Bünde und Pfadfinderbünde begünstigt. Wieder gab es einen Paradigmenwechsel – die „Bewegung“ wurde zum Dienstleistungsservice. Die Folgegeneration der 68er-Jugend brach jedoch endgültig mit der jugendbewegten Tradition und auch mit deren Lebensideologie.

4.9.4. Das jugendbewegte Gebrauchslied

Die jugendbewegten Gebrauchslieder wurden ihrer Wirkung wegen gesungen. Die Wirkung konnte sachbezogen oder auch personenbezogen sein – stets auf Ideen oder die Psyche gerichtet.

Die Jugendbewegung hat sich sowohl vorgefundener als auch selbst verfertigter Lieder bedient. Mit der früh einsetzenden Ideologisierung des Wandervogels wandte man sich bevorzugt dem authentischen Volkslied zu („zurück zu den Ursprüngen“). Da der vorhandene Liederfundus bald nicht mehr ausreichte und zum Teil auch textlich nicht zu der Lebensideologie passte, schuf sich die Jugendbewegung selbst Lieder im „Volkston“ – diese ersten Liedermacher nannte man „Neutöner“.

Zitatveränderungen waren unbewusster Ausdruck einer Anpassung an die eigene Mentalität. Bewusst verändert wurden Texte durch Weglassung, Zudichtung oder Umdichtung. Politisch motivierte Textänderungen traten vor allem im Verhältnis der Jugendbewegung zum Nationalsozialismus auf. In den meisten Fällen hatte der Text Präferenz vor der Melodie, es gab jedoch auch Tanzlieder oder Kanons, die melodie-intensives Singen in den Vordergrund stellten.

4.9.5. Lied und Tanz als Äußerung der Mentalität

Für die gesamte Jugendbewegung war neben Wandern und „Auf-Fahrt-Gehen“ das Singen die zweitwichtigste Tätigkeit. Mit zunehmender weltanschaulicher Ideologisierung stieg auch die Bedeutung des Liedersingens. Der Begriff „Wandervogel“ stammt selbst aus einem spätromantischen Singspiel (Otto Roquette), das die Vorliebe für den Liedgesang den Jugendbewegten vermittelte.

Seit Beginn der Jugendbewegung entstanden Hunderte von Liederbüchern (um 1900). Sie enthalten einen Fundus von rund 1.000 Liedern in immer neuer Zusammenstellung. Der bedeutende Paradigmenwechsel in der Jugendbewegung um 1920 vom Wandervogel zur Bündischen Jugend zeigte sich auch in der Liederbuchszene. Eine eigens gegründete „Jugendmusikbewegung“ pflegte die Tradition des Wandervogels weiter und beeinflusste damit vor allem die Singpraxis der neu gegründeten Mädchenbünde.

Zu Lied und Musik kam bald auch der Tanz (Reigen) als lebensideologische Bewegungsform. Besonders die durch den Wandervogel ausgelöste Mädchen-Emanzipationsbewegung entdeckte den Tanz in der Natur als befreiende Bewegung. Der umstrittene Zeitpunkt des Endes der Jugendbewegung kann auf das Ende der jugendbewegten gemeinschaftlichen Sing- und Tanzkultur datiert werden.

4.9.6. Die Wandermentalität

Durch das Wandern und die Wanderfahrt wurde die Jugendlichkeitsbewegung auf den Raum übertragen. Von Anfang an war die Wanderung eine Bewegung „von – weg“, „aus – hinaus“, wobei die Großstadt als ideologisch „verfluchter“ Ort zurückgelassen wurde. Die Jugendbewegung sprach in diesem Kontext von der „Flucht in die Wälder“.

Die Berliner und Wiener Wandervögel machten die ersten Ausflüge zu Fuß in den stadtnahen Erholungsraum (Grünewald bzw. Wienerwald). Die nahen Wälder eigneten sich besonders als Gegenentwurf zur entmythisierten, entzauberten Industriewelt. Ein weiterer Wanderraum der Wandervögel war die Heide. Die Berliner Wandervögel fanden in ihrer Umgebung die „Hasenheide“ und „Lüneburger Heide“, die Wiener Wandervögel die Puszta Westungarns (Burgenland) und die Salzburger das Anifer Moor (Moor-Wandergedicht von Georg Trakl). Für die österreichischen Wandervögel, besonders für die Salzburger, war die vertikale Landschaftskomponente „oben – unten“ besonders wichtig. Früh verbanden sich in der alpinistischen Bewegung Wandervögel und Alpenverein – nicht selten als Personalunionen.

Die Jugendbewegung hat als Wanderbewegung begonnen und ist diesem Prinzip bis zum Schluss treu geblieben. Durch die „Fahrt“ mit ihren „Gefahren“ wollten die Jugendbewegten „erfahrener“ und auch moralisch geläutert werden. Die Heimat als Ort der Rückkehr wurde aufgewertet und bald auch ideologisiert. „Heimat- und Volkskultur“ wurden zu Fahnenwörtern der lebensideologischen Bewegung.

4.9.7. Lieder der bündischen Zeit

Um 1920 gab es in der Jugendbewegung einen Mentalitätswechsel. Mit der sogenannten „Bündischen Bewegung“ prägte ein neuer Zeitgeist die Jugendbewegung („Pfadfinderisierung“). Die neuen Paradigmen waren von da an „Maskulinisierung“ (Männerbund), Tat- und Kampfgesinnung und neues Jugendreich. Dazu kam eine allgemeine Veränderung des soziokulturellen Zeitgeists von der Neuromantik zur Neusachlichkeit. Diese Veränderungsprozesse können zum großen Teil anhand von Liedern dokumentiert werden.

Zum einen gab es die „Bergfahrtenlieder“ – zur alpinistischen „Fahrt“ gehörten Mut und Tatendrang, nicht aber das „Läppische Tandaradei“ und „Gitarrengezirpe“ der Wandervögel (so die Aussage eines Funktionärs des Österreichischen Alpenvereins). Eines der bis heute meistgesungenen Bergsteigerlieder trägt die bedeutsamen Merkmale der neuen Jugend-Mentalität: „Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen“. Weiters waren die „Seefahrerlieder“ sehr beliebt, da sowohl Meer als auch Hochgebirge für die neusachliche Bündische Jugend von hohem lebensideologischem Symbolwert war.

Verbreitet waren auch die „Steppen- und Kosakenlieder“. Bei einem Donkosaken-Konzert 1943 in Wien hatten sich tausend Wiener illegale Bündische getroffen, um ihre Resistenz gegen die völkische Kulturdiktatur des Nationalsozialismus zu demonstrieren. Die „Verherrlichung“ der abenteuerlichen Freiheitswelt von Nomaden und Kosaken, die jene Lieder zum Ausdruck brachten, war gesetzlich verboten (NS-Gesetz).

4.9.8. Jugendbewegte Liederpraxis der Nachkriegszeit

Nach dem sogenannten „Nullpunkt-Jahr“ 1945 war die Fortführung der Jugendbewegungs-Tradition Aufgabe und Anliegen der jüngeren Kriegsteilnehmer- und Flakhelfer-Generation. Sie hatte während der Zeit der Illegalität die Mentalität der Jugendbewegung bewahrt und gab sie nun an die nächste Generation weiter. Die Erben der alten Jugendbewegung wurden auch die „skeptische Generation“ genannt (H. Schelsky) – sie waren ebenso „skeptisch“ gegen charismatische Führer wie gegen große Rhetorik und uniformierten Kooperationszwang.

Allmählich ging die frühere typisch jugendliche Bewegungsdynamik verloren und wurde durch eine Art Jugendpflege-Verhalten ersetzt. Der „Bund“ transformierte mehr und mehr zur Freizeit- und Jugendbildungsorganisation. Dazu kam ein auffälliges politisches Disengagement der neuen Generation („ohne mich“). Eine neue Dynamik machte sich in den 1950er-Jahren bemerkbar. Die Öffnung der nationalen Grenzen nach Europa verhalf der Pfadfinderbewegung, aber auch dem „Christlichen Verein Junger Männer“ (CVJM) noch einmal zu einem Mitglieder-Boom, der sich auf alle Bünde auswirkte.

Der Prozess einer Vergangenheitsbewältigung musste sich noch entwickeln und setzte in Deutschland wie in Österreich erst im Gefolge der 68er-Bewegung ein. Dies war auch die Zeit, in der ungefähr das Ende der jugendbewegten Mentalität festzulegen ist. Doch bis heute gibt es bündische Restgruppen, in denen der Geist von Wandervogel und Jugendschaft in neu geschaffenen Liedern weiter besteht.



[159] Kurzfassung von Ilona Lindenbauer, Langtext HIER.

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