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12.6. Hadmut Glatz: Pfadfinder und Kindertänze

Prof. Mag. Hadmut Glatz (Fachreferentin für Kinder- und Jugendtanz in der Bundesarbeitsgemeinschaft Österreichischer Volkstanz und Kindertanz-Referentin der ARGE Volkstanz, pensionierte AHS-Lehrerin) gab Marina Wimmer am 18. Juni 2002 im Referat Volkskultur ein Interview.

Pfadfinder bedeuten internationale Netzwerke. Wie lässt sich dies mit heimischen Bräuchen verbinden?

Die Pfadfinder haben acht grundsätzliche Punkte, müssen sich auch mit ihrer Umwelt auseinandersetzen, sollen ein einfaches und naturverbundenes Leben führen und insofern kommen sie sicherlich auch mit Bräuchen zusammen – das ist allerdings nicht die Hauptaufgabe der Pfadfinder. Die Pfadfinder bieten ganz, ganz wesentliche Dinge für die heutige Zeit – und zwar Gemeinschaftserlebnis. Sie fangen schon sehr früh an im Team zu arbeiten; sie arbeiten an acht Schwerpunkten in der Zeit von 7 bis 19 Jahren und dieses Arbeiten in einer Gruppe, das Lernen, dass jeder in einer Gruppe etwas wert ist, dass es nicht um Spitzenleistungen geht, sondern um das Sich-Wohlfühlen, ist – glaube ich – auch eine Voraussetzung, die Heimat zu verstehen und von der Heimat heraus die ganze Welt zu erobern. Wir vermitteln den Kindern das Selbstständigwerden, das Kritischwerden im Leben und das Zurechtkommen in der heutigen Zeit – verbunden mit Spaß. Der Höhepunkt jedes Pfadfinderjahrs ist das Sommerlager, auf das sich die Kinder sehr freuen.

Die acht Schwerpunkte der Pfadfinder sind: Leben aus dem Glauben, das verantwortungsbewusste Leben in der Gemeinschaft, die weltweite Verbundenheit, das kritische Auseinandersetzen mit sich und der Umwelt, einfaches und naturverbundenes Leben, Bereitschaft zum Abenteuer des Lebens, das schöpferische Tun und die körperliche Leistungsfähigkeit – also ein sehr umfassendes Feld und jeder Pfadfinderführer soll im Laufe eines Jahres – der Altersstufe entsprechend – diese Punkte behandeln. Das lässt sich mit der Heimatverbundenheit verbinden und genauso mit dem Offensein für die ganze Welt. Im Vorjahr (2001) gab es ein großes internationales Treffen, wo Freundschaften geknüpft wurden und auf jedem internationalen Lager gibt es auch eine Darstellung des Landes Österreich. Dazu werden natürlich sehr oft Bräuche von der Volkskultur verwendet, zum Beispiel Volkstänze. Wir haben das schon gemacht, als ich mit 17 Jahren nach Frankreich gefahren bin, das war 1956; da haben wir Österreich mit Volkstänzen, Theaterspielen und Musizieren dargestellt und das war eigentlich mein erster bzw. zweiter Kontakt mit Volkstanz.

Wir haben für unsere Kinder eine vernünftige Beschäftigung gesucht, die nicht zu schnell in extreme Gebiete führt. Wir wollten zum Beispiel nicht in den Alpenverein, damit die Kinder nicht zu früh zum Klettern anfangen, da ich zu viele Leute erlebt habe, die irgendwo abgestürzt sind; wir wollten auch keinen Spitzenleistungs- und Sportverein, deshalb sind wir zu den Pfadfindern gekommen – durch Bekannte. Ich habe Jahre vorher mit einer Pfadfinderführerin in einem Zimmer im Studentenwohnheim gewohnt; da habe ich einiges mitbekommen und je näher ich die Pfadfinder kennengelernt habe, umso begeisterter wurde ich über diese Art zu arbeiten. Ich bin jetzt seit ca. 20 Jahren Gruppenleiterin und gerade dabei, dieses Amt an Junge weiterzugeben. Wir müssen schauen, dass wir junge Menschen finden, die bereit sind, aus reiner Freude an der Arbeit zu arbeiten – eine schwierige Arbeit, jede Woche mit Kindern zusammen zu sein, aber eine Arbeit, die auch sehr viel Freude bereitet. Wir haben das Glück, dass wir Leute haben, die den Aufbau unserer Gruppe erlebt haben und jetzt selbst die Verantwortung übernommen haben.

Worin liegt der Reiz, ein Pfadfinder, eine Pfadfinderin zu sein?

Der Reiz ist einfach der, den jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich gut zu entwickeln und sie auf diese Weise doch vor den Gefahren etwas wegzuhalten – sei es jetzt Drogen oder Sonstiges. Ein junger Mensch, der nicht auf sich selbst gestellt ist, sondern Gemeinschaft erleben kann, ist ganz anders als jemand, der nur in sich hineinbrütet. Es werden viele Probleme aufgefangen. Wir hatten das einmal erlebt, dass eine Mutter von zwei Kindern gestorben ist und wie sehr diese Kinder in der Gruppe aufgenommen wurden.

Als Kindertanz-Referentin der ARGE Volkstanz wollen Sie Kinder nicht auf der Bühne „zur Schau stellen“, sondern Ihnen ein Gefühl von Rhythmus und Gemeinschaft verleihen. Wie schaffen Sie das?

Ich bin nicht nur in der ARGE Volkstanz Kindertanzreferentin, sondern Kindertanzreferentin von der Bundesarbeitsgemeinschaft Österreichischer Volkstanz – ich bin also für ganz Österreich zuständig. Entstanden ist das Ganze daraus, dass wir mit den damaligen Heimatabenden nicht zufrieden waren, weil die Kinder viel zu früh mit den Erwachsenentänzen begonnen haben und umgekehrt die Lehrer Tänze, die sie irgendwo gesehen haben, zerrissen haben – wie Bruchsteine verwendet haben, Teile herausnahmen und mit anderen Dingen kombinierten. Volkstänze sind gerne verjazzt worden – was an sich nichts Schlechtes ist, nur hat sehr oft die Missachtung des Alten mitgeschwungen, die Missachtung der Überlieferung.

Das Problem, dass Kinder „zur Schau gestellt“ werden, hat sich von ganz alleine verhindert. Früher hat es Heimatvereine gegeben, die jede Woche einen Heimatabend machten und auch Kindergruppen, die jede Woche auf der Bühne standen. Das war sicher ein Verheizen der Kinder, das es heute nicht mehr gibt. Und wenn die Kinder nun ein- bis zweimal auftreten, dann schadet ihnen das nicht, im Gegenteil: Das brauchen sie sogar, auf ein Ziel hinzuarbeiten und auch herzuzeigen, was sie gelernt haben. Man muss die Kinder nur so sein lassen, wie sie sein wollen. Das Gefühl von Rhythmus und Gemeinschaft ergibt sich von selbst. Vor allem legen wir sehr viel Wert darauf, dass die Kinder selbst singen und selbst zu ihrem Tempo gehen. Natürlich muss man einige Dinge schulen, wie zum Beispiel den ¾-Takt, aber das Gehen im Takt ergibt sich dann ganz von selbst.

Überlieferte Tänze sind ein Kulturgut; so wie auch Bauwerke gefördert und erhalten werden, so sollte man auch dieses Kulturgut erhalten. Dies ist aber schwierig, wenn es keine Vermittler mehr gibt. Früher haben Kinder sich das untereinander vermitteln können, weil es noch Kindergruppen gegeben hat, die jetzt allerdings immer häufiger wegfallen, da es nur mehr Einzelkinder gibt, die spielen, in glücklichen Fällen sind es noch mehrere. Die Eltern können das auch nicht mehr und die Kinder brauchen heute einfach die Lehrer als Vermittler dieser Dinge oder auch andere Personen. Wir versuchen, ihnen auch Spiele wieder mitzugeben – das hat aber auch noch einen tieferen Sinn, denn diese alten Kinderspiele und Kinderreigen haben ihnen viele motorische Erfahrung gegeben, die sie heute nicht mehr machen. Ich habe im Sommer Motorpädagogik gelesen und mir gedacht: „All das können wir mit Kinderspielen und -tänzen erfüllen!“ Heute müssen die Eltern dafür bezahlen, früher haben das die Kinder selbst gemacht. Weiters versuchen wir, unseren Lehrern die Kinästhesie bewusst zu machen, denn die ganzen Kreuzbewegungen stecken in unseren Kindertänzen und die Kinder sind heutzutage so dankbar, wenn man sich mit ihnen beschäftigt.

Bei den Tänzen soll von den Kindern etwas einfließen, die ohnehin sehr kreativ sind. Es sollte bloß jemand da sein, der noch weiß, wie die Tänze ausgesehen haben und was man da vermitteln wollte. Die Tänze sind Formen, die vielleicht im Kreis getanzt werden oder Spiele, wie etwa die „Goldene Brücke“, das sind Reste von Tänzen, die ursprünglich Erwachsenentänze waren. Zu Zeiten, wo die Kinder noch die Chance hatten, irgendwo zuzuschauen, haben sie sich Teile herausgegriffen und daraus eine Art Kindertanz gemacht. Es sind Reste von diesen Formen, die früher zu Ostern oder zu Pfingsten – bei diesen Frühlingsfesten – getanzt wurden.

Vielfach hat man Kindern Volkstänze beigebracht – was sehr leicht geht, weil unsere Tänze einfache Formen sind –, ohne zu bedenken, was hinter dem einzelnen Tanz steckt. Wenn zum Beispiel 4-jährige Kinder den Webertanz tanzen – das ist ein ausgesprochener Werbetanz –, dann ist das theoretisch natürlich möglich, aber die Kinder können den Sinn des Tanzes gar nicht erfassen. Außerdem gibt es so viele andere Formen, die wesentlich neutraler sind und es ist sicher günstiger, diese Formen zu verwenden, um die Elemente des Volkstanzes zu erhalten und damit einen direkten Weg zum Volkstanz zu schaffen; aber es kann natürlich auch eine ganz andere Tanzform daraus werden. Wichtig ist, dass man mit den Kindern frühzeitig zu tanzen beginnt, weil schon früh Tanzverweigerer entstehen und das ist sehr schade, weil der Tanz so viele Aggressionen abbauen kann und zum Wohlbefinden beiträgt.

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