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Randkulturen. Ihre Buntheit und ihre Strategien des Überlebens (Roland Girtler) – Langtext

Vagabunden, Wilderer, Hacker, Dirnen, Ganoven, Gangster und Landler

Menschliche Gesellschaften sind bunt, sie bestehen aus einer Vielzahl von Kulturen und speziell von Randkulturen. Überall dort, wo Menschen sich aus welchen Gründen auch immer zusammentun, entsteht so etwas wie eine eigene Kultur – dies kann die Kultur von Ärzten sein, die sich gegenseitig stützen, oder die von Kindern, die sich über ihre Lehrer ärgern, oder die von ins Abseits gedrängten Menschen, die gemeinsam zu überleben suchen. Bei all diesen Gruppen haben wir es auch mit Grenzen zu tun.

Menschen in Randgruppen bzw. Randkulturen sind zu einem Handeln miteinander verbunden, das gemeiniglich vom „braven Bürger“ als kriminell, lasterhaft, liederlich, schlechthin als „unanständig“ oder „fremdartig“ empfunden und bezeichnet wird.

Ein solches „anderes“ Handeln reicht von den gegen die formalen Gesetze verstoßenden Aktivitäten krimineller Randgruppen – wie der von Schmugglern und Wilderern – bis hin zu den Lebensformen von Stadtstreichern und Angehörigen bestimmter Religionen. Über einige dieser Randkulturen habe ich geforscht. Darüber ist hier zu berichten.

Gedanken zur Methode

Bei meinen Forschungen in Randkulturen versuche ich stets, direkte Kontakte zu den betreffenden Menschen aufzunehmen. Echte Feldforschung ist Abenteuer, auch wenn sie in der eigenen Gesellschaft bei Vagabunden, Bauern und anderen feinen Leuten durchgeführt wird. In diesem Sinn habe ich meine „10 Gebote der Feldforschung“ (siehe Anhang) verfasst – nämlich als einen Weg, um über menschliches kulturelles Leben zu forschen.

Ich meine, der echte Feldforscher – vor allem in Randgruppen – hat mehr von einem Eroberer oder einem verwegenen Bergsteiger an sich, der fremde Welten und unbekannte Höhen erobern und kennen lernen will, als von einem umsichtigen Theoretiker, der seinen Schreibtisch nur selten verlässt. Der Feldforscher bedient sich vor allem der Königsmethoden der „teilnehmenden Beobachtung“ und des „ero-epischen Gesprächs“ – ich bin ein Gegner des Wortes „Interview“ –, die die Feldforschung zu einem höchst spannenden Unternehmen machen.[2337]

Diese beiden Methoden, auf die sich meine „10 Gebote“ hauptsächlich beziehen, sind strategisch nicht voneinander zu trennen. Es sind Methoden, die nicht mit einem vorgefassten Forschungsplan, Hypothesen und diversen „Ritualen“ (wie standardisierte Beobachtungsmethoden und Ausfüllen von Fragebögen) den Forscher binden, sondern sie stellen eine enge Beziehung zum Handeln mit all seinen Ritualen und Symbolen von Menschen her. Und gerade in Randgruppen ist es wichtig, derartige Beziehungen zu Menschen herzustellen, um wirkungsvoll forschen können.

Typologie von Randkulturen

Aufbauend auf der Literatur und meinen eigenen Forschungen habe ich vier Typen von Randkulturen entwickelt, die freilich nur „ideale“ Typen sind, denn tatsächlich überschneiden sich einige. Zu den einzelnen Typen werde ich jeweils eine Randkultur, wie ich sie erforscht habe, mehr oder weniger skizzenhaft vorstellen.

1. Randkulturen des Schutzes und des Überlebens

Randkulturen dieses Typus bieten den Menschen Schutz und Rückzug an, wie z. B. die Randgruppen der Vagabunden, der Gefangenen, aber auch jener, die sich ins gesellschaftliche Abseits gedrängt sehen, wie zum Beispiel die der Drogensüchtigen.

Zu dieser Randkultur gehört das klassische „fahrende Volk“, über das schon im Mittelalter sehr intensiv berichtet wurde. Auf der Landstraße und auf den Plätzen der Städte entwickelte sich eine spannende Kultur, zu der vor allem eine gemeinsame Sprache, das Rotwelsch, gehört – eine Sprache, deren Wörter heute noch von Wiener Sandlern und von deutschen Handwerksleuten gesprochen wird.

Die Vagabunden der Großstadt: ihre alte Sprache – das Rotwelsch

Bei Sandlern oder Pennern, wie man in Deutschland herumlungernde Vagabunden nennt, handelt es sich um Menschen – hauptsächlich sind es Männer –, die aus Resignation oder persönlichen Schwierigkeiten wie nach Gefängnisaufenthalten oder familiären Konflikten Kontakte zu Leuten suchen, die ähnliche Probleme haben. Das Wort Sandler könnte sich vom Wort „Sand“, mit dem man früher Läuse bezeichnet hat, ableiten. Und im Wort Penner steckt das jiddische Wort „panni“ für müßig gehen.

Sandler leben in einer Art Rückzugskultur, viele von ihnen sind doppelt Gescheiterte: sowohl in der normalen Welt als auch in der Welt der Kriminalität. Dabei eröffnet sich diesen Leuten eine eigene Kultur, die, wie ihre Sprache zeigt, auf alten Traditionen ruht. Bei meinen Forschungen unter den Sandlern Wiens traf ich mich mit diesen Leuten in den Bahnhöfen, in Parks und auf öffentlichen Plätzen – überall dort, wo sie herumlungern, große Reden führen und Bier oder Schnaps trinken. Mein Interesse am Leben dieser Leute stammt aus meiner Studentenzeit, als ich mir auf dem Wiener Naschmarkt mein Geld verdient habe. Als Fahrer eines kleinen Lastautos war ich angestellt worden, um Gemüse und Obst, das ich am Naschmarkt aufzuladen hatte, zu einzelnen Greißlern in Wiens Außenbezirke zu bringen. Beim Aufladen der Waren kam ich mit Sandlern in Berührung, die für ein paar Schillinge Handlangerdienste verrichteten, um sich dann ein Bier kaufen zu können. Irgendwie erregten diese Leute meine Neugierde, denn sie erzählten mir, sie würden auf Parkbänken, in Eisenbahnwaggons oder in Abbruchhäusern schlafen.

Jahre später studierte ich schließlich diese Randkultur der Sandler oder Stadtstreicher. Ich erfuhr, wie sie zu einer guten „Klostersuppe“ kommen, in welchen Abbruchhäusern sie übernachten können und vieles mehr. Dabei sah ich, dass diese Menschen tatsächlich eine alte Kultur besitzen. Dies wurde mir so richtig bewusst, als ich einen Sandler fragte, was er am Nachmittag zu tun gedenke. Er antwortete mir, er wolle jemandem die „Rippe eindrücken“. Ich erschrak und fragte, was dies bedeute. Nun erklärte er mir, er habe die Absicht, freundliche Menschen zu bitten, ihm etwas Geld für ein Bier zu geben. Die „Rippe eindrücken“ heiße also so viel wie „betteln“. Da ich aber keine Beziehung zwischen „Rippe“ und „betteln“ herstellen konnte, schaute ich in alten Rotwelschbüchern, den Gaunerwörterbüchern, nach. Das Wort Rotwelsch leitet sich übrigens von „rot“ für gefährlich oder verdächtig ab und vom althochdeutschen „waliska“, das so viel heißt wie „anders sprechen“. In dem berühmten „Liber Vagatorum“, dem Buch der Vaganten, das um 1500 in der Nähe von Nürnberg erschienen ist, fand ich das Wort „ripar“, das so viel heißt wie „Seckel“, also „Geldtasche“. Wenn ein Sandler jemandem „die Rippe einzudrücken“ gedenkt, will er ihn also nicht verletzen, sondern will, dass er ihm aus seiner Geldtasche etwas abgibt. Im Laufe meiner Forschungen, die ich am Wiener Westbahnhof begann, sah ich, dass eine Vielzahl von Wörtern, die Sandler heute noch verwenden, weit in das Mittelalter zurückreichen. Mit der Gaunersprache, wie ich sie bei Sandlern und Ganoven hörte, ist also eine Kultur verbunden. Dies faszinierte mich.

Hier einige Beispiele aus dieser Sprache:

  • „Stranzenstat sein“ – kein Quartier haben

  • „Hackenstat sein“ – keine Arbeit haben

  • „Kimmler“ – schlechter Mensch

  • „Acheln“ (jiddisch) – essen

  • „Fuchsene Schah“ – goldene Uhr

  • „Bär“, „Janker“ – Geldschrank

  • „Brüller“ – Brillantring

  • „Koberer“ – Wirt (Bordellwirt)

  • „Flepn“ – Ausweis

  • „Schmalz“ – Strafe

  • „Linkes Ban“ – hinterlistige Dirne

  • „In die Hackn gehen“ – auf den Strich gegen oder: Einbruch begehen

Diese Sprache zeigt, dass eine bunte Welt mit den Vagabunden der Stadt verbunden ist. Ich kam schließlich auch dahinter, dass gewisse Tricks der Vagabunden der Großstadt, wie sie heute noch verwendet werden, bereits im „Liber Vagatorum“ beschrieben sind.

2. Randkulturen der Revolution und Rebellion

Darunter verstehe ich Randkulturen, deren Mitglieder sich gegen bestehende Systeme auflehnen, entweder weil sie diese zu ändern versuchen oder sich auf altes Recht berufen. Zu ersteren gehören jugendliche politische Gruppen, die mit Gewalt gegen Herrschaftsinstrumente vorgehen, und zu letzteren die Bauernburschen in den Alpen, die es als Wilderer nicht zulassen wollen, dass man ihnen das alte Recht der Jagd verwehrt. Als Rebell ist der Wilderer kein Ideologe wie der Revolutionär, sondern er beruft sich auf „altes Recht“.

Soziales Rebellentum findet sich weltweit in all den bäuerlichen Kulturen, in denen eine mächtige Schicht auf dem Rücken einer armen Bevölkerung ein Leben in Verschwendung und Übermut führen kann. Rebellen traten als Briganten in Süditalien auf, sie setzten sich für die Bauern in Sardinien ein, sie kämpften gegen die ausbeuterische Schicht in England und Mexiko, und als Wildschütze waren sie die Gegner der adeligen Jagdherren in den Alpen. Sie waren die „Helden der kleinen Leute“ und genossen bei diesen als „Robin Hood“, als „Wildschütz Jennerwein“ oder (in Mexiko) als „Emiliano Zapata“ hohes Ansehen. Zu den Rebellen zähle ich in gewisser Weise auch die Hacker, die als „Freibeuter auf dem Meer des Internets“ Verwirrungen stiften.[2338]

Wilderer – Rebellen der Berge

In der Gestalt des Wilderers erwuchs im Gebirge eine ehrenvolle Heldenfigur, die bis in die letzte Zeit mystifiziert und romantisiert wird. Ich wurde schon früh als Sohn eines Landarztes und einer kühnen Landärztin im oberösterreichischen Gebirge mit der Figur des Wilderers konfrontiert.

Mit den früheren Wildschützen, den „Helden der kleinen Leute“, ist eine alte, tausendjährige Geschichte verbunden. Nach altem Recht hatte jeder Bauer das Recht zur Jagd. Dieses Recht wurde dem Bauern schon sehr früh genommen. Abhängig vom Adel, der die Jagd als adeliges Vorrecht betrachtete und ihn ausbeutete, wurde er zum Rebellen: Es kommt zu Bauernaufständen, bei denen auch das Recht der Jagd verlangt wird. Erst 1848 erhält der Bauer das Jagdrecht. Die Jagd wird an das Grundeigentum gebunden. Nach 1848 kommt es jedoch zu großen Schwierigkeiten gerade für die armen Bauern im Gebirge, die dem alten Grundherrn die Entschädigung nicht zahlen können. Bauerngüter werden versteigert. Die Bauernburschen sehen sich weiter berechtigt, dem reichen Jagdherrn die Gams weg zu schießen. Es kommt zu wilden Kämpfen zwischen Jägern und Wilderern. Der ehrenhafte Wilderer lässt sich nicht auf den Jäger ein, lehnt das Schlingenlegen ab und ist ein Gegner der Autowilderer.

Die Wildschützen waren kühne Burschen, die vor allem in den Zeiten der Armut nach den Kriegen in die Berge gingen. Der Wald und die Felsen waren ihre Bühne. Die Wilderer genossen, da sie schneidige Burschen waren, gerade bei den Mädchen hohes Ansehen. Eine große Bedeutung hatte zweifellos die Sennerin für den Wildschütz, wie es die alten Lieder zeigen. Die Sennerin wird in diesen als seine Kumpanin geschildert, die ihn vor den Jägern versteckt und ihm ein angenehmes Nachtlager beschert. Ein alter Spruch sagt: „Was braucht denn ein Schütz: er braucht nichts als ein schwarzaugats Madl und an Abschrauberbüchs“ – ähnlich heißt es bei der kalabrischen Mafia: der Mann braucht zwei Dinge: „Amure il donna e cori di briganti“ (die Liebe einer Frau und das Herz des Wegelagerers).

Bei den alten Wildschützen haben wir es mit Kindern der Armut zu tun. Als solche verfügten die Wildschützen über Stärke, Tapferkeit, Schlauheit, Entschlossenheit und Treue, aber auch über bergsteigerisches Können. Und diese Mittel wussten sie, oft in Verbindung mit der Sennerin, einzusetzen, um den bäuerlichen Mittagstisch durch ein Wildbret zu schmücken.

Die Hacker als Freibeuter auf dem Meer des Internets

Den alten Rebellen und Piraten ähneln die modernen Hacker. Schließlich erinnert die Welt des Computers an Meer, Seefahrt, Freibeuterei und windiges Gleiten auf den Wellen. Auch mit den Wörtern „Surfen im Internet“ verbinden sich Gedanken an Wind und Meer. Im großen Meer des Internets findet der Hacker gleich einem Freibeuter seine Heimat. Und irgendwie faszinieren diese modernen Freibeuter, die so geschickt und bewundernswert mit den modernen Techniken umzugehen wissen.

Unter „Hacker“ ist eine Person zu verstehen, die durch allerlei Kniffe versucht, gleich einem Schmuggler oder Freibeuter, ungesehen und unbelangt in fremde Häfen, also fremde Computersysteme, zu gelangen. Der Hacker sucht nach offenen Toren, die Hafenzufahrten gleichen, um sich in den Häusern und Lagerhallen anderer willkürlich zu bedienen. Der Hacker will zunächst ganz im Stile eines kriegerischen Piratenkapitäns durchlässige Stellen finden, die ihm helfen, Informationen über die feindliche Bastion einzuholen. Oft peilt er mehrere Häfen an, die so genannten IP-Adressen, um zu einem Erfolg in Form offener Tore – der Ports – zu kommen. Steht eine der Zufahrten offen, genügt dies als Ansatzpunkt. Jeder am weiten Meer gelegene Hafen, also jeder im Internet angeschlossene Rechner, hat geografisch seine eindeutige Adresse bzw. IP-Adresse, unter der er angefahren werden kann.

Der klassische Hacker hat etwas von einem Rebellen an sich, er kämpft für freie Information, für ihn soll der Zugang zu Computern frei sein. Zu den Rebellen unter den Hackern sind wohl jene Leute zu zählen, die sich im „Chaos Computer Club“ – im Internet leicht erreichbar – zusammengetan haben. Charakteristisch für diesen rebellischen Club, der aus der modernen Jugendkultur, die zur „Internetgeneration“ wurde, zu kommen scheint, ist, dass er so etwas wie einen Ehrenkodex entwickelt hat.

Die virtuellen „Robin Hoods“ sehen sich als edle Leute, obwohl ihnen klar ist, dass das unerlaubte Eindringen in fremde Rechner gegen das Gesetz verstößt. Aber gerade dies reizt. Von Rebellen dieser Art, die den Hochmut überschäumender Politiker und Machthaber durch Angriffe im Internet in Frage stellen, ist wohl in Zukunft noch einiges zu erwarten.

3. Randkulturen des illegalen oder verpönten Geschäftes

Unsere modernen Gaunerkulturen haben ihre Wurzeln im Mittelalter, in einer Zeit, in der in Armut lebende Menschen sich zusammengetan haben, um Wohlhabende um ihr gutes Geld durch Raub, Betrug, Bettelei oder andere „Bubenstücke“ zu erleichtern.

Es waren und sind häufig Angehörige missachteter Volksgruppen oder wenig angesehener Berufe, die den Weg illegalen Handelns suchten und suchen. So ist es typisch, dass die großen Gaunerbanden des 18. und 19. Jahrhunderts von derartigen Leuten angeführt wurden. Der berühmte „Schinderhannes“ entstammt einer Familie von Abdeckern, also von Tierkadaververwertern, die am Rande der Dörfer, meist dort, von wo der Wind kam, lebten und arbeiteten. Aus einer ebensolchen Familie kommt der in Österreich berühmte und zur Legende gewordene „Räuberhauptmann Grasl“.

Dirnen und Zuhälter

Auch die Kultur der Prostitution ordnet sich hier ein, denn für Frauen aus degradierten und verarmten sozialen Gruppen bietet sich der Weg der Prostitution an, um auf wenig angesehene Weise schnelles und viel Geld zu erwerben. So ist es bemerkenswert, dass Frauen aus den früheren kommunistischen Ländern nach dem Öffnen der Grenzen die Chance nützten, um sich im nahen Österreich als Dirnen anzubieten, wo sie in einer Nacht mehr verdienten als ein Arbeiter aus dem Osten in einem ganzen Monat.

Es sind bunte Kulturen, die auf alten Traditionen aufbauen und die auf illegale oder zumindest gesellschaftlich verpönte Weise ihren Mitgliedern ermöglichen, einigermaßen nobel zu überleben. In der Kultur der Prostitution bestimmen Rituale, Symbole und spezifische Regeln die Beziehungen zwischen Dirnen, Zuhältern und Kunden. Ich will hier auf ein paar Bereiche eingehen. So interessierte mich die Frage, welche Strategien der Zuhälter anwenden muss, um ein Mädchen zu einer Dirne zu machen.

Der Zuhälter versucht ein psychisches und sexuelles Nahverhältnis zu einem Mädchen aufzubauen, um dieses dazu zu bringen, für ihn auf den Strich zu gehen. Jedenfalls erscheint für die Dirne der Strich als eine wichtige Chance, für sich und ihren Freund, der auch als Verwalter des Geldes auftritt, zu Geld zu kommen und halbwegs nobel zu leben. Allerdings bedeutet der Zuhälter für die junge Dirne auch einige Belastung. Ein solches Mädchen, das mit ihrem Zuhälter in einem Hotel wohnte, meinte: „Die Miete für das Zimmer ist nächste Woche fällig. Mein Alter [Zuhälter] hat schon gedroht, wenn ich heute nichts mache, sitzen wir auf der Straße, und kriege ich eine in die Goschen [Gesicht]. Ich muss etwas verdienen, sonst bekomme ich Wickel [Ärger]“.

Es gibt aber auch Frauen am Strich, die durch Freundinnen dazu verleitet werden, sich zu prostituieren. Hier ist es das Geld, das vorrangig lockt. Allerdings müssen sie damit rechnen, von einem Zuhälter überredet zu werden, für ihn zu „arbeiten“.

Die „große Aufgabe“ des Zuhälters liegt nun darin, der Dirne das zu verschaffen, was sie sonst vermisst: nämlich Zärtlichkeit und Zuneigung. Dazu meinte eine Prostituierte: „Für den Kunden ist man nur eine Matratze. Kommt man jetzt heim in die vier Wände und wartet dort niemand auf einen, so fangen viele zum Saufen an. Das habe ich getan. Wenn ich einen Alten [Zuhälter] habe, dann habe ich das gehabt, was ich haben wollte. Ob das das Bett war oder etwas anderes. Auch wenn der Depperte nur die Hände aufhält. Für jedes Busserl zahlst du. Wenn er dich pudert, so zahlst du.“ Der Zuhälter wird somit zur „Hur der Hur“, der sich also dafür zahlen lässt, dass er der Dirne seine Zuneigung schenkt.

Der Kunde ist für die Dirne als Sexualpartner uninteressant, zu ihm versucht sie eine soziale Distanz aufzubauen. Sie will nicht als jemand gesehen werden, der sich wie ein Stück Fleisch verkauft. Die Dirne definiert sich also als jemand, die Sexualität verkauft, aber auch als eine Art Seelentrösterin, denn nicht wenige Kunden (vor allem Stammkunden) suchen den freundlichen Zuspruch, für den sie auch gerne zahlen. Keineswegs wird der Kunde als Lustobjekt begriffen. Dies stellt auch eine Dirne klar: „Wenn man eine richtige Hure ist, so muss das Geld stimmen. Der Kunde ist das Objekt, von dem ich etwas will, nämlich Geld. Was der Kunde sexuell macht, nimmt man nicht ernst. Hauptsache, man hat das Geld.“ Die Dirne sieht sich daher nicht als Gegenstand, der verkauft wird, sondern sie verkauft etwas, nämlich Sexualität. Die Distanz zum Kunden drückt sich symbolisch darin aus, dass sie sich nicht auf den Mund küssen lässt. Sprachlich deutet die Bezeichnung für Kunde im Kreis der Wiener Dirnen und Zuhälter – nämlich „Gogl“ – darauf hin, dass man sich über den Kunden belustigt, dies entspricht dem Selbstverständnis der Dirne.

Im Kreis des braven Bürgers ist es die Frau, die den Mann durch Schmuck, Nichtstun usw. präsentiert und zeigt, dass ihr Herr und Meister es sich leisten kann, sie mit teuren Dingen zu behängen. In der Welt der Prostitution jedoch ist es der Zuhälter, der zum Präsentationsobjekt der Dirne wird. Er ist es, der Schmuck trägt und durch eine teure sowie feine Kleidung dokumentiert, dass seine Dirne finanziell potent ist. Dies ist ganz im Sinn der Dirne. Eine Frau erzählte: „Wenn mein Alter [Zuhälter] wie ein Speckknödel daherkommt, so glaubt man am Gürtel gleich, ich verdiene nichts.“

Für das Selbstverständnis der Dirne ist schließlich das Bewusstsein wichtig, eine für die Allgemeinheit nicht unwichtige Aufgabe zu erfüllen, wenn sie ihre Dienste anbietet.

Ich schrieb über meine Forschungen bei Wiener Dirnen ein ganzes Buch. Dieses wurde, dies sei hier auch erwähnt, schließlich Gegenstand einer Diskussionsveranstaltung im österreichischen Fernsehen, zu der neben mir auch Leute vom Strich eingeladen waren. Es ging dabei ziemlich wild zu. Eine baierische Zeitung war angetan von diesem und brachte einen heiter besinnlichen Bericht, der mit diesen Worten begann: „Wie wird man(n) Zuhälter? Ex ‚Strizzi‘ Peter Stolz betrieb Berufsberatung auf Wienerisch: ‚Scho meine Mama is am Strich gangen, mit meinem ersten Mädel. Sie war halt a aufgschlossene Frau‘. Eines Tages habe sie ihn gefragt: ‚Gehst arbeitn, gehst stehln oder schickst aane am Strich?‘ Peter: ‚Was is mir da scho übriggeblieben?‘“. Und weiter hieß es: „Nachdem Ritter Roland [damit bin ich gemeint, d. Verf.] auch noch eine Lanze für das älteste Gewerbe der Welt brach, drückte ihm Couch Nachbarin Domenica, die ihm vorher die kalte Schulter gezeigt hatte, dankbar die erfahrene Hand ...“.

Ganoven und Gangster

Bei meinen Studien über Prostitution und Glückspiel in Wien, wurde ich darauf aufmerksam, dass in Wien Banden im Stile der amerikanischen Gangs (diese aus dem Amerikanischen stammende Bezeichnung ist identisch mit der bei uns üblichen für Bande) die entsprechenden Szenen kontrollieren. Kriminelle Gangs und Straßenbanden haben eine eigenartige Faszination. Sie treten vor allem in jenen Zeiten auf den Plan, in denen man mit verbotenen Geschäften wie Prostitution, Drogen- und Waffenschmuggel und Glückspiel große Gewinne machen kann. Gangs dieser Art setzen sich für gewöhnlich aus Leuten zusammen, die abseits der guten Gesellschaft im Elend oder in Armut aufwachsen, als mittellose Einwanderer, Abenteurer oder Gestrandete schnell zu Geld und Wohlstand in einer Welt gelangen wollen, in denen sie kaum oder keine Chancen haben, beides zu erreichen.

Es gibt nicht die Banden oder Gangs schlechthin, sondern mehrere Typen von Gangs, wie amerikanische Soziologen – sie wirkten interessanter Weise an der Universität Chicago – bereits in den Jahren nach 1900 herausfanden. Berühmt wurden in den USA Gangs irischer, italienischer und jüdischer Einwanderer. Die Gangs, wie sie seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den USA entstehen, haben ihren Ursprung in den Vierteln der Einwanderer, in den Elendsvierteln und in den Armenquartieren der großen Städte. In New York, so berichtet Herbert Asbury in seinem berühmten Buch „Gangs of New York“, seien es Five Points-Districts gewesen, von denen aus kriminelle Gangster ihre Herrschaft ausübten.[2339] Ähnliches spielte sich auch im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts ab, als Wien voll von Zuwanderern und in Armut lebender Menschen war.

Gangs oder Banden sind Reaktionen auf soziale Missstände wie Desintegration der Familie, geringe Löhne, schlechte Lebensverhältnisse (Slums!) und Arbeitslosigkeit, gerade wie sie Einwandernde erleben. Gangs Jugendlicher bieten dem Einzelnen Teilnahmemöglichkeiten an kollektiven Aktionen, die Spannung, Genuss und Romantik vermitteln. Oft erscheint die Mitgliedschaft in der Gang als einzige Möglichkeit, einen entsprechenden sozialen Status, mit dem man zufrieden ist, zu erwerben.[2340] Gangs krimineller Erwachsener, die aus ersteren bisweilen hervorgehen, zeigen sich gut organisiert, haben gute Kontakte zu korrupten Politikern und lassen sich von gerissenen Anwälten beraten. Eine große Rolle spielte in den USA die italienische Mafia, die ihr Operationsgebiet von Italien in die USA verlagerte und die offen für „Mitarbeiter“ aus den italienischen Einwanderungsvierteln war.

Auch bei uns in Europa tauchten Gangs dieser Art in den Zeiten nach den Kriegen, nach dem Niedergang des Kommunismus und dem Öffnen der Grenzen auf. Sie belieferten zum Beispiel durch organisierte Raubzüge den schwarzen Markt in den Ländern des Ostens, mischten im Mädchenhandel und beim Drogenschmuggel mit.

In deutschen Städten und auch in Wien tauchen russische, speziell tschetschenische, albanische und andere Emigranten auf, die auf dem Markt der Prostitution, aber auch dem des Drogenschmuggels und des Autodiebstahls ihre verbotenen Geschäfte machen. Die Polizei spricht von „grenzüberschreitenden Verbrechen“, die von Banden oder Gangs durchgeführt werden und die nur schwer in den Griff zu bekommen sind. Österreich ist aufgrund seiner geografischen Lage vorwiegend ein Transitland für Suchtmittel in andere europäische Staaten. Die Balkanroute mit ihren Verzweigungen ist nach wie vor dominierender Schmuggelpfad für Heroin. Neben der traditionellen Route Türkei, Bulgarien, Jugoslawien, Kroatien, Slowenien und Österreich wurde zum Teil ein Ausweichen über Rumänien, Ungarn, Tschechien und die Slowakei verzeichnet. Die Fährverbindungen zwischen der Türkei und Italien bzw. zwischen Albanien und Italien werden vermehrt für den Transport genutzt. Albanien und das Kosovo-Gebiet gewinnen als Depotbereiche und als Ausgangspunkt für Lieferungen in den EU-Raum immer mehr an Bedeutung.[2341]

Gerade in Wien haben sich Randkulturen ausländischer Krimineller etabliert, über die ich wohl Erkundigungen eingezogen habe, die aber noch näher zu erforschen sind. Aus diesen Kreisen stammen Drogenbosse, die hohes Ansehen genießen und wahrscheinlich auch gute Kontakte zur Polizei haben.

Gangstern gelingt es mitunter, durch Gerissenheit, einen speziellen Ehrenkodex und durch ein gewisses Maß an Großzügigkeit ein besonderes Prestige aufzubauen. Ein angesehener Mann wurde ein Herr der Wiener Prostitution, der regelmäßig Freunde, zu denen renommierte Ärzte und Anwälte gehören, zu großen Gartenfesten einlädt. Irgendwie erinnert er in seinem Lebensstil an die klassischen Mafiosi, die zeigen wollen, sie würden über den „gewöhnlichen Bürgern“ stehen. Zum Ehrenkodex der Mafia, die in Süditalien im 18. Jahrhundert aus bestimmten politischen Verhältnissen heraus entstand, gehört es zum Beispiel, nicht auf eine Frau zu schießen. Vor einigen Monaten war in den Tageszeitungen zu lesen, dass in Kalabrien zwei Frauen der kalabrischen Mafia tot aufgefunden wurden. Nachforschungen der Polizei ergaben, dass es keine Männer waren, die diese Frauen getötet haben, sondern Frauen. Zwischen verfeindeten Familien der Mafia war es zu einem Gefecht gekommen, wobei die Frauen sich gegenseitig beschossen.

Hohes Ansehen wegen seiner Großzügigkeit hatte auch der berühmteste amerikanische Gangster, nämlich Alphonso Capone, kurz Al Capone genannt. Obwohl er zahlreiche Morde befahl oder selbst verübte, behandelte er seine Leute oft außerordentlich fair und großzügig. Capone war gleichermaßen bekannt für seine Gewalttätigkeit als auch für seinen Sinn für Ehre und Loyalität. Nach dem großen Börsencrash 1929 war er der Erste, der auf eigene Kosten Suppenküchen für Bedürftige eröffnen ließ.

Ich will hier mit der Geschichte eines Mannes schließen, der mich bei meinen Studien in Wiens Unterwelt unterstützt hat. Er ist zwar kein Immigrant, aber sein Lebensweg erinnert an amerikanische Mafiosi und einwandernde große Kriminelle, die über Prostitution oder ein ähnliches Geschäft zu Geld und Ansehen gelangt sind. Vor über dreißig Jahren lernte ich nach einem Motorradunfall im Krankenhaus diesen damals jungen Mann kennen, der am Beginn einer Karriere als Zuhälter stand. Er erzählte mir, dass er als Besatzungskind in Wien zur Welt gekommen und armselig auf der Straße in Bubenbanden aufgewachsen sei. In der Volksschule habe er gesehen, wie die Kinder wohlhabender Leute Kuchen und belegte Brote mit in die Schule von ihren Eltern bekamen. Trotz seiner Bitten gaben sie ihm, der hungern musste, nichts davon ab.

Damals sagte er sich, einmal werde er reicher als sie alle sein und sich bessere Sachen leisten können. Und der Mann erreichte ganz im Stile amerikanischer nobler Gangster sein Ziel. In der Welt der Prostitution ab den späten sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts kam er zu Geld und Macht im Kreis von Wiener Ganoven oder Gangstern kleineren oder größeren Kalibers. Immerhin gelang es ihm und seinen „Mitarbeitern“, den Wiener Strich frei von ausländischen Banden zu halten. Geschickt verstand er es, der Polizei und den Gerichten immer wieder zu entkommen. Er wurde zu einem angesehenen Mann, der heute ein Landgut mit Hochlandrindern, Pferden und Rotwild besitzt. Er führt das Leben eines reichen Aristokraten, sogar ein Wappen ließ er sich machen. Irgendwie erinnert er mich an die alten Gangsterbosse der USA, denen es ebenso gelang, ein geradezu aristokratisches Leben mit Leibwächtern und feinem Ambiente zu führen. Typisch für sie alle ist ein gewisses Maß an Großzügigkeit gegenüber Außenstehenden, um die Würde ihrer Person hervorzukehren.

Es ist interessant, dass das liberale und intellektuelle Bürgertum zu einer Romantisierung des Ganoven, Gangsters oder Räubers neigt. Im kühnen und elegant auftretenden Räuber und Gangster sieht es ein Gegenbild zur Rücksichtslosigkeit und Geldgier reicher und politisch einflussreicher Leute. Vor diesem Hintergrund sind wohl Friedrich Schillers Stück „Die Räuber“ und Filme über die Mafia zu sehen. Der edle Räuberhauptmann und der noble Mafioso, die verwegen auftreten und von schönen Frauen umgeben sind, stellen sich den Aristokraten gleich. Sie tragen, obwohl sie Randkulturen angehören, das Charisma der Außeralltäglichkeit.

4. Randkulturen der gemeinsamen Herkunft

Hierbei handelt es sich um Randkulturen, deren Mitglieder durch Zugehörigkeit zu einer Sprach- oder Kulturgemeinschaft wie einer religiösen Gruppe oder einer Großfamilie miteinander ver- und aneinander gebunden sind. Dazu gehören Gruppen von Romas, Juden, Griechen, Italienern, Armeniern und ähnliche ethnische Gruppierungen. Als Vertriebene, Flüchtlinge oder Emigranten suchen sie zueinander Kontakte, um mit Geschick in Würde zu überleben, wie zum Beispiel die „Landler“ in Rumänien.

Die Landler in Rumänien

Die Landler wurden unter der angeblich frommen Maria Theresia aus Österreich nach Siebenbürgen in Rumänien verbannt, weil sie sich als Protestanten geweigert hatten, katholisch zu werden. Ihre Nachfahren haben ihre Kultur bis in die heutigen Tage bewahrt. Sie bilden eine eigene Randkultur, da sie sich als Protestanten kulturell vollständig von der sie umgebenden orthodoxen rumänischen Gesellschaft abheben. Die Grenzen zu der sie umgebenden Kultur sind bisweilen sehr stark. Derartige Randkulturen entwickeln zumeist ausgeklügelte Strategien, um in einer ihnen feindlichen Welt wirkungsvoll zu bestehen. Nämlich in einer Welt, in der sie als Fremde und Außenseiter gesehen werden. Bei den Landlern handelt es sich um eine Kultur, die heute am Ausklingen ist, denn die Landler sind wiederum unterwegs in die Länder Österreich – aus dem sie wegen ihres Glaubens als „Kriminelle“ verbannt worden sind – und Deutschland, das ihnen als ein Land der Hoffnung vorschwebt.

Es existieren in Siebenbürgen drei Landlerdörfer, nämlich: Grosspold, Neppemdorf und Grossau, sie liegen zwischen Hermannstadt (Sibiu) und Mühlbach (Sebes). Die Landler sind mit den bereits lang vor ihnen in Siebenbürgen sesshaft gewordenen Sachsen eine enge Symbiose eingegangen. Sie haben aber dennoch ihre eigene Identität, ihr Selbstverständnis als Landler bewahrt. Sie sprechen ihre alte österreichische Sprache. Das Wort „Landler“ leitet sich übrigens von jenem Gebiet in Oberösterreich ab, in dem der Bauernkrieg seinen großen Anfang nahm, nämlich vom so genannten „Landl“, dem Gebiet um Peuerbach und Eferding.

Ein die Landler einigendes Band ist die von den Ahnen nach Siebenbürgen gebrachte protestantische Religion samt ihrem Repräsentanten, dem Pfarrer. Sein Fleiß hilft dem Landler, auch in schwierigen Situationen und Zeiten zu überleben. Er wusste aber auch im kommunistischen System mit der Einrichtung der Kollektivwirtschaft listig umzugehen. Über eine solche List erzählte mir eine Landlerin: „Wir hatten uns verpflichtet, 1.000 Liter Milch im Jahr zum Staat zu tragen. Die Milch, die ich am Morgen gemolken habe, war die beste Milch. Die habe ich nicht zum Staat getragen. Die Abendmilch kam in einen Topf. In der Früh habe ich die Sahne [den Rahm] weggeben und noch 2 Liter Wasser dazugegeben. So habe ich die Milch abgeliefert, ohne Sahne, aber mit Wasser. Auf diese Idee sind wir erst später gekommen. Am Anfang waren wir noch ehrlich. Die Milch, die wir gebracht haben, wurde wahrscheinlich von denen, die sie gesammelt haben, noch einmal mit Wasser vermischt. Und dann noch einmal. Die Milch wurde sicherlich viermal getauft bis sie zu den Städtern kam. Die Milch war dann ganz blau, wie die Donau“.

Arbeitsfleiß entspricht der protestantischen Kultur der Landler, mit ihm verbinden sich jedoch auch Strategien des wirkungsvollen Überlebens in einer feindlichen Umwelt. Die Landler in Siebenbürgen haben eine spannende bäuerliche Kultur bewahrt, die allerdings bald verschwunden sein wird.

Nachwirkungen

Wichtige ethische Fragen ergeben sich auch nach Beendigung der Forschung, zunächst in der Phase, während der man sich aus der untersuchten Gruppe zurückzieht. Es ist im Sinne der Ethik des freien Feldforschers, dass er die zentralen Personen, mit denen er während der Forschung gerade in so genannten Randkulturen zu tun hatte, nicht „wie heiße Erdäpfel“ einfach fallen lässt. Ich finde es zudem immer recht förderlich, auch für die gesamte Arbeit, wenn ich das fertige, aufgrund meiner Forschung erstellte Manuskript Leuten aus der betreffenden Lebenswelt zeige. Ich erfahre dabei einiges, was der Studie nützlich sein kann, ich demonstriere aber dadurch auch Respekt vor jenen Menschen, die mir freundlich ihre Welt präsentiert haben.

Als ich zwei Wiener Stadtstreichern mein über ihre Randkultur geschriebenes Manuskript zum Lesen gab, erlebte ich Erfreuliches. Der eine meinte, 95 Prozent des Geschriebenen würden der Wahrheit entsprechen. Und der andere hielt sogar fest, dass die gesamte Arbeit bis auf die Rechtschreibfehler „in Ordnung“ sei. Auch meine Studie über ein siebenbürgisches Dorf ließ ich einen dortigen Lehrer und eine Bäuerin lesen. Beide waren hoch geehrt, brachten kleine Ergänzungen an und lobten die Arbeit. Der Lehrer zeigte sich verwundert, dass es mir trotz der kurzen Zeit gelungen sei, so ziemlich „alles“ zu beschreiben.

Ein interessantes Erlebnis hatte ich auch nach dem Erscheinen meines Buches „Rotwelsch“. In diesem hatte ich einen Mann am Wiener Strich, der mir sehr behilflich war, mit lobenden Worten bedacht. Richard, so hieß der Mann, war hoch erfreut. Er bat mich daher, ihn in einem seiner Bordelle zu besuchen. Ich erschien dort. Als wir gemütlich beisammen saßen, erzählte er mir, er habe für seine Freunde goldene VIP-Karten, mit diesen bräuchten diese in den acht auf dieser Karte genannten Bordellen nur die Hälfte des Preises für Getränke usw. bezahlen. Da ich jedoch sein besonderer Freund sei, weil ich in meinem Buch gut über ihn geschrieben habe, überreichte er mir zu meiner Überraschung die Platin-VIP-Karte mit der Bemerkung, für mich sei in diesen Lokalen alles frei, ich müsse also für das Dargebotene nichts bezahlen. Meine VIP-Karte hat die Nummer 3, die Nummer 2 hat angeblich der Fußballtrainer der österreichischen Fußballnationalmannschaft. Ich war über die Karte sehr geehrt. Schließlich war sie für mich ein Symbol dafür, dass meine Studie über die Gaunersprache von Herrn Richard als gut und ehrlich empfunden wurde. Ich fühlte mich in meiner Meinung bestärkt, dass der echte Feldforscher gerade in Randgruppen kein Missionar, Sozialarbeiter oder Richter ist, sondern lediglich Zeuge (siehe das 9. Gebot meiner „10 Gebote“).

Noch etwas anderes freute mich: Auf Grund meines Buches über Wilderer wurde ich von liebenswürdigen Leuten aus St. Pankraz nicht weit von Hinterstoder gebeten, mit ihnen ein Wilderermuseum zu gestalten. Dies tat ich auch, es ist beim Gasthaus Kerbl eingerichtet und erfreut sich großer Beliebtheit. Über dieses Museum schrieb der Doyen der österreichischen Journalisten Günther Nenning etwas, das ich aller Bescheidenheit hier wiedergeben will:

„Roland Girtler hat wieder zugeschlagen. ... Girtlers Europäisches Wilderermuseum, mit der Sonderausstellung ‚Erotik der Sennerin‘, ist kein Witz, sondern ein Zusammentreffen von Witz und Wissenschaft, eine glückliche Verbindung, die immer seltener wird. Mittel aus dem Fonds für wissenschaftliche Forschung erhält das Wilderer-Museum keine und braucht auch keine. Es blüht und gedeiht, die Touristen haben eine Riesenfreud. ... Im Wilderer-Museum erfährt man, auf pädagogisch meisterliche und volkstümliche Weise, den tiefen historischen Hintergrund des Wildschützenwesens, zurückreichend über Jahrhunderte. Girtler ist ein Typ, wie er braven Wissenschaftern verdächtig ist. Er steht historisch zu den Wilderern, auf Seiten der armen Leute, die sich illegal Zukost verschaffen. Und er ist begeistert von Volkskultur, Volkskunst, Volksliedern, die mit den Wilderern verknüpft sind. Und tatsächlich, wenn man das Wilderermuseum, reich belehrt, verlässt, hat man das Gefühl der Sympathie und Trauer. Welche Schätze an Schönheit aus dem Volk sind verloren gegangen! Girtler schrieb über die Wilderer ein Buch bei Böhlau, nun schon in der vierten Auflage. Ich finde es gut, dass sich ein Kundiger gefunden hat, der uns wegführt von der öden Spaßkultur – zu den Quellen des Lebens im Gebirge.“

Ich bin geehrt und freue mich über solche freundlichen Worte – ganz im Sinne meiner Absicht, über die Buntheit von Randkulturen zu berichten.

Abschließende Gedanken

Es ist der Drang nach Würde, der dem menschlichen Leben und dem Handeln der Menschen wesentlich zu Grunde liegt und der gerade in Randkulturen offensichtlich wird.

Randkulturen sind seit Urzeiten Bestandteile menschlicher Gesellschaften. Ihre Bühnen waren und sind die Landstraßen, die Städte, die Dörfer und das Felsgebirge. Fast alle haben eine lange und oft geheimnisvolle Geschichte, die von Not, Elend, Ärger, Verfolgung und Mühen kündet, die aber auch ihre Schönheiten hat und von Mut und Würde erzählt, aber auch von ihren Grenzen, ohne die diese Buntheit nicht möglich wäre.

Literatur:

Ashbury, Herbert: Gangs of New York. New York 1928.

Brenner, G.; Innenministerium (Hg.): Suchtmittelbericht 2003. Jagd auf Drogenbosse. {Link: http://www.bmi.gv.at/oeffentlsicherheit/inhalt_s.asp }Wien 2004.

Girtler, Roland: Der Strich. 3. Aufl. Wien 1990.

Girtler, Roland: Verbannt und vergessen. Eine untergehende deutschsprachige Kultur in Rumänien. Linz 1992.

Girtler, Roland: Wilderer – Rebellen in den Bergen. Wien 1998.

Girtler, Roland: Randkulturen – Theorie der Unanständigkeit. Wien 1999.

Girtler, Roland: Rotwelsch – die alte Sprache der Gauner, Dirnen und Vagabunden. Wien 1999.

Girtler, Roland: Methoden der Feldforschung, Wien UTB-Verlag 2001.

Girtler, Roland: Echte Bauern – der Zauber einer alten Kultur. Wien 2002.

Girtler, Roland: Die Randkultur der Hacker – Rebellen, Spione und Diebe. In: „Elektrotechnik und Informationstechnik“. Heft 7/8. August 2003.

Trasher, F. M.: The Gang. A Study of 1313 Gangs in Chicago. Chicago 1936.

Whyte, W. F.: Street Corner Society. Chicago 1943 (1955).

Anhang:

Roland Girtler: Die 10 Gebote der Feldforschung[2342]

  1. Du sollst einigermaßen nach jenen Sitten und Regeln leben, die für die Menschen, bei denen du forschst, wichtig sind. Dies bedeutet Achtung ihrer Rituale und heiligen Zeiten, sowohl in der Kleidung als auch beim Essen und Trinken. – Si vivis Romae Romano vivito more!

  2. Du sollst zur Großzügigkeit und Unvoreingenommenheit fähig sein, um Werte zu erkennen und nach Grundsätzen zu urteilen, die nicht die eigenen sind. Hinderlich ist es, wenn du überall böse und hinterlistige Menschen vermutest.

  3. Du sollst niemals abfällig über deine Gastgeber und jene Leute reden und berichten, mit denen du Bier, Wein, Tee oder sonst etwas getrunken hast.

  4. Du sollst dir ein solides Wissen über die Geschichte und die sozialen Verhältnisse der dich interessierenden Kultur aneignen. Suche daher zunächst deren Friedhöfe, Märkte, Wirtshäuser, Kirchen oder ähnliche Orte auf.

  5. Du sollst dir ein Bild von der Geografie der Plätze und Häuser machen, auf und in denen sich das Leben abspielt, das du erforschen willst. Gehe zu Fuß die betreffende Gegend ab und steige auf einen Kirchturm oder einen Hügel.

  6. Du sollst, um dich von den üblichen Reisenden zu unterscheiden, das Erlebte mit dir forttragen und darüber möglichst ohne Vorurteile berichten. Daher ist es wichtig, ein Forschungstagebuch (neben den anderen Aufzeichnungen) zu führen, in das du dir jeden Tag deine Gedanken, Probleme und Freuden der Forschung, aber auch den Ärger bei dieser einträgst. Dies regt zu ehrlichem Nachdenken über dich selbst und deine Forschung an, aber auch zur Selbstkritik.

  7. Du sollst die Muße zum „ero-epischen (freien) Gespräch“ aufbringen. Das heißt, die Menschen dürfen nicht als bloße Datenlieferanten gesehen werden. Mit ihnen ist so zu sprechen, dass sie sich geachtet fühlen. Man muss sich selbst als Mensch einbringen und darf sich nicht aufzwingen. Erst so lassen sich gute Gesprächs- und Beobachtungsprotokolle erstellen.

  8. Du sollst dich bemühen, deine Gesprächspartner einigermaßen einzuschätzen. Sonst kann es sein, dass du hineingelegt oder bewusst belogen wirst.

  9. Du sollst dich nicht als Missionar oder Sozialarbeiter aufspielen. Es steht dir nicht zu, „erzieherisch“ auf die vermeintlichen „Wilden“ einzuwirken. Du bist kein Richter, sondern lediglich Zeuge!

  10. Du musst eine gute Konstitution haben, um dich am Acker, in stickigen Kneipen, in der Kirche, in noblen Gasthäusern, im Wald, im Stall, auf staubigen Straßen und auch sonst wo wohl zu fühlen. Dazu gehört die Fähigkeit, jederzeit zu essen, zu trinken und zu schlafen.

zu Gebot 7: Den Begriff „ero-episches Gespräch“ habe ich in Anlehnung an Homers „Odyssee“ entwickelt. In der „Odyssee“ fragt stets einer und ein anderer erzählt, wobei sich jeder von beiden in das Gespräch einbringt – dabei wird getrunken und gescherzt. Den Begriff Interview finde ich schlecht, denn er entstammt der Journalistensprache. Als Zögling des Klostergymnasiums zu Kremsmünster lernte ich sechs harte Jahre lang Altgriechisch. Hierbei ist zu erwähnen, dass ich mich als wahrer Altphilologe im besten Sinne des Wortes sehe. Das heißt, ich brachte Liebe (philos – der Freund, der Liebhaber) für das alte Griechisch auf, ohne deswegen ein guter Schüler gewesen zu sein. So erfreuten und erfreuen mich besonders die Schriften Homers, derart, dass ich jetzt auf diese zurückgriff. Schließlich erfährt der Kulturwissenschafter eine Menge aus der „Odyssee“ über das Leben im Alltag der Antike. – Im Wort „ero-episch“ stecken folgende altgriechische Vokabeln: erotan – fragen und eipon (epos) – reden, mitteilen (Erzählung).



[2337] Girtler, Roland: Methoden der Feldforschung. Wien UTB-Verlag 2001.

[2338] Girtler, Roland: Die Randkultur der Hacker – Rebellen, Spione und Diebe. In: „Elektrotechnik und Informationstechnik“. Heft 7/8. August 2003.

[2339] Ashbury, Herbert: Gangs of New York. New York 1928.

[2340] Trasher, F. M.: The Gang. A Study of 1313 Gangs in Chicago. Chicago 1936. – Whyte, W. F.: Street Corner Society. Chicago 1943 (1955).

[2341] Brenner, G.; Innenministerium (Hg.): Suchtmittelbericht 2003. Jagd auf Drogenbosse. Wien 2004.

[2342] Girtler, Roland: Methoden der Feldforschung. Wien UTB-Verlag 2001.

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