Startseite: Bräuche im Salzburger LandFolge 2: Vom Frühling bis zum Herbst (in Arbeit)Folge 3: In Familie und Gesellschaft (in Arbeit)Begleitheft (in Arbeit)ZitierempfehlungVolltextsucheHilfe

Kapitel 5. Spiele, Bräuche, Lieder

Inhaltsverzeichnis

5.1. Ein Prozess sinnstiftender Identität. Regionale (Salzburger) Bräuche (Ulrike Kammerhofer-Aggermann)
5.2. Salzburger Perchten- und Krampuspassen heute (Ernestine Hutter)
5.3. Kramperl, Perchten u. a. Drohgestalten (Ulrike Kammerhofer-Aggermann)
5.4. Maskenverbote im 17. und 18. Jahrhundert (Ulrike Kammerhofer-Aggermann und Gerda Dohle)
5.5. Perchtenlaufen zwischen Mythos und Karneval. Woher stammen die Unkener Tresterer und Stelzentänzer wirklich? (Ulrike Kammerhofer-Aggermann)
5.6. Perchtenaufnahmen im Nachlass von Richard Wolfram (Andrea Bleyer)
5.7. Die Gasteiner Perchtengeschichte (Horst Wierer)
5.8. Wilde Jagd. Darstellung aus der Sicht eines Mitwirkenden (Adolf Freudl)
5.9. Das „Wilde Gjoad“ vom Untersberg. Ein Phänomen der Salzburger Brauchtumspflege (Franz Grieshofer)
5.10. Vorchristliche Feste, Idole und Masken (Christian Rohr)
5.11. Weihnachtsbräuche in der Schifferstadt Laufen (Hans Roth)
5.12. Bräuche im ehemals fürstlichen Berchtesgaden (Franz Schned)
5.13. Lieder für den Advent und den Weihnachtsfestkreis (Thomas Hochradner)
5.14. Lebendiger Umgang mit zeitgemäßem Liedgut (Franz Zaunschirm und Sabine Zaunschirm)
5.15. Weihnachtslieder-Service der Volksliedwerke (Maria Walcher)
5.16. „Josef, lieber Josef mein“. Ein Weihnachtslied aus dem Mittelalter (Franz Viktor Spechtler)
5.17. Das Weihnachtslied als Gattung (Gerhard Walterskirchen)
5.18. „Stille Nacht! Heilige Nacht!“. Von Salzburg in alle Welt (Manfred W. K. Fischer)
5.19. Das Stille-Nacht-Lied im deutschen Luthertum – „Christ der Retter ist da!“ (Wolfgang Herbst)
5.20. „Stille Nacht“ – ein Flachgauer Hirtenlied (Gerlinde Haid)
5.21. Sternsinger (Helga Maria Wolf)
5.22. Sternsingen, Christkind und Eintöpfe (Konrad Köstlin)
5.23. Zur Überlieferung des „Halleiner Weihnachtsspiels“ (Thomas Hochradner)
5.24. Das Gollinger Sommer- und Winterspiel (Lucia Luidold)
5.25. Richard Wolframs Salzburger „Brauchtumsaufnahme“ (Olaf Bockhorn)

5.1. Ein Prozess sinnstiftender Identität. Regionale (Salzburger) Bräuche (Ulrike Kammerhofer-Aggermann)

5.1.1. Kurztext

5.1.1.1. Regionale Salzburger Bräuche

Das Bedürfnis nach Selbstdefinition über „Einzigartigkeiten“ war nie größer als heute. Dabei ist „Identität“ nicht Summe eines „nationalen Erbes“, sondern ein steter, wandlungsfähiger Prozess sinnstiftender Aneignung, Synthese und Integration. „Identität“ formt ein spezielles, individuelles Selbstverständnis und ist sowohl für Einzelpersonen als auch für Gruppen zur Gestaltung eines konkreten Erfahrungsraumes – einer „Heimat“ – notwendig.

Auch die Geschichte des „typisch Salzburgischen“ zeigt Identifikatoren – also Werte, Inhalte, Symbole und Handlungen, die jeweils für eine bestimmte Zeit typisch waren. Differenzierung (Unterscheidung) und Distinktion (Abhebung), also bewusste Bewertungen und Abgrenzungen, waren jeweils Grundlage dieser Entwicklungen.

Dazu kommt die Entwicklung persönlicher, verschränkter und tragfähiger Rollenbilder, die jeder Einzelne für sich, in Verquickung aller seiner Aufgaben und Werte, leisten muss. Vorrangig interessieren uns hier aber Landesidentitäten und die damit verbundenen Bräuche.

5.1.1.2. Bräuche sind Schnittpunkte der Kulturdimensionen

Die Symbole und Bräuche einer Region sind jeweils genau definierte Schnittpunkte im Koordinatenkreuz der Kulturdimensionen (Zeit, Raum, soziale Gruppe – und aus heutiger Sicht: Individuum). In ihnen wird die Verschränkung vielfältiger Einflüsse sichtbar. Oberflächlich betrachtet, können gleiche und ähnliche Erscheinungen Symbole für unterschiedlichste Darstellungsansprüche sein. In allen historischen Entwicklungsstufen lassen sich wechselnde Kulturkontakte wie bedürfnisgerechte Übernahme- und Aneignungsprozesse vor der Folie des Lebensumfeldes aufzeigen.

Am Beispiel der Entwicklung des Salzburger Perchtenwesens, seiner Begriffe und Ausformungen lässt sich eine Wanderung in die Geschichte unternehmen und den unterschiedlichen Sichtweisen und Bewertungen verschiedener Zeiten nachgehen. Daraus wird deutlich, dass es keine absolute Kontinuität gibt. Denn jede Zeit hatte ihre Formen, ihre Masken, ihre spezielle Art der Läufe.

Ebenso hatte jede Zeit aber auch eine ganz spezielle Einschätzung und Bewertung der Ereignisse, die wir heute nicht oder nur teilweise nachvollziehen können. Wir schätzen Bräuche aus unserem heutigen Geschichtsverständnis und unseren gegenwärtigen Bedürfnissen anders als früher und wiederum einzigartig und unnachahmlich ein.

5.1.1.3. Verschiedene Blickwinkel und Meinungen

Im 17. und 18. Jahrhundert wurden Maskenläufe immer wieder verboten, da sie als Gelegenheit für revolutionäre Handlungen, Unsittlichkeit und Unruhe gesehen wurden. Verbote und Gerichtsprotokolle zeigen, dass im Rahmen der Perchtenläufe soziale Kritik geübt wurde. Gleichzeitig waren die Läufe für die einfache ländliche Bevölkerung seltene Belustigungen, Faschingsvergnügen. Heute gelten solche Perchtenläufe der Regierung als Ausdruck von Landesbewusstsein und Regionalcharakter und werden gefördert und unterstützt. Den Mitwirkenden sind sie Anliegen und Traditionspflege, den Touristen Vergnügen und „authentisches“ Erlebnis.

Im Vergleich der Salzburger Perchtenfiguren mit ähnlichen Maskengestalten in Europa lassen sich Kulturwanderungen, -vernetzungen und regionaltypische Umformungen aufzeigen. Die internationale Perchtenforschung der letzten Jahrzehnte hat gezeigt, dass heute nicht mehr von „germanischen Kontinuitäten“ und „mythischen Wurzeln“ gesprochen werden kann. Das Perchtenwesen stellt eine Verquickung von Elementen katholischer Erziehung, historischen Formen des Faschings wie von zeittypischen Sehnsüchten und Ausdrucksweisen dar.

5.1.1.4. Etappen einer regionalen Entwicklung

In einer Verbindung von wissenschaftlicher Literatur, Originalzitaten älterer Reise- und Landesbeschreibungen und dahinter stehendem jeweiligem Zeitgeist werden Etappen des Maskenwesens für Salzburg dargestellt. Die „Frau Berchte“ als Erziehungs- und Ordnungsfigur ist seit dem Hochmittelalter bezeugt und im Alpenbogen in reichen lokalen Varianten heute noch zu finden. In der „Kuenburg-Sammlung“ des 18. Jahrhunderts findet sich eine Gollinger Frau Berchte in der häufigen schwarz-weißen Kleidung. Bereits um 1700 wurde der Begriff „Berchte“ in Salzburg sowohl für diese Ordnungsgestalt als auch als Synonym für Masken verwendet. „Nachfahrinnen“ dieser Bercht sind die Lungauer und Rauriser Perchten, die am Vorabend von Dreikönig die Ordnung im Haus kontrollieren.

Maskenläufe mit Paaren und Gruppen von Schönen und Hässlichen, mit Nachfahren der älteren Masken wie der Figuren des italienischen Theaters und Karnevals, die in Umzügen und Rundtänzen umherziehen, finden sich in Salzburg bereits im 17. Jahrhundert Sie sind auf unterschiedliche Weise in unser Land gekommen. Der Gasteiner Perchtenlauf enthält viele dieser theatralischen Bestandteile.

Mit der Auflösung der Ständegesellschaft verschwanden die Aufzüge und lebten nur vereinzelt in stadtfernen Regionen weiter. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts berichten Reiseschriftsteller über das Leben der „[...] rohen Naturmenschen dieser Gegenden [...]“.[1253] Ihre Aufzeichnungen dienten der staatlichen Reform im Bereich des Sozial- und Bildungswesens sowie der wirtschaftlichen Effizienzsteigerung.

5.1.1.5. Der bürgerliche Blick

Die Aufzeichnungen der Reiseschriftsteller am Ende des 18. Jahrhunderts wurden zum Ausgangspunkt der binnenexotischen Idyllisierung der „National-Culturen“ durch Künstler, Nationalökonomen, Adel und Großbürgertum. Die „Volkskultur“ war als Genre entdeckt worden und wurde nun – bis heute – bewundert, stilisiert und für vielerlei Anliegen verwendet. Im 19. Jahrhundert dienten dieselben Aufzeichnungen – in abermaliger Veränderung – der Bewertung und Definition sowohl neu entstandener Bevölkerungsgruppen wie auch ganzer Länder und Staaten. Ab 1860 wird die Binnenexotik zur Idylle. National-romantische Strömungen, oft gepaart mit den Ausläufern des Historismus, suchten nach vergangener Größe, Idylle, Naturmythen und naiver Kreativität.

Das Schwelgen in den Nationalkulturen verfolgte zum Ende der Monarchie durchaus Völker verbindende und staatserhaltende Interessen. Im „Kronprinzenwerk“[1254] bringt Franz Zillner Schilderungen von pompösen Faschingsaufzügen, die ältere Einflüsse wie städtische Elemente des 19. Jahrhunderts aufweisen.

Rund um 1900 wurden die Perchtenumzüge von naturkultisch orientierten Altertumsforschern und kurz darauf von der Heimatschutzbewegung wiederentdeckt. Sie dienten der Bildung eines neuen Salzburg-Bewusstseins, das auf den Säulen „Erhalt der Bräuche“, „Tourismus“ und „Binnenwirtschaft“ ruhte. Aus Erzählungen und Quellen wurden neue Perchtenaufzüge herausstilisiert, mit den Werten der Zeit besetzt und deren Ausübung finanziell und ideell gefördert. In Kultur- und Trachtenvereinen spielten die Städter heile Welt.

5.1.1.6. Natur- und Traditionssehnsüchte

Mit dem Nationalsozialismus suchte man schließlich im Sinne der Quellstromtheorien germanische Mythen in den Perchtenaufzügen. Heute passen sich diese Bräuche immer mehr der Freizeit- und Mediengesellschaft an. Sie bieten „fun and action“, sind häufig gut inszenierte Spektakel für große Zuschauermengen, zeigen alle Übersteigerungs- und Vervielfachungstendenzen städtischer Ballungsräume auf. Als Tourismusattraktionen sind sie daher bestens geeignet.

Vielfach dienen sie auch der Suche nach „authentischer Regionalkultur“, also nach einzigartiger Identität. Sie entsprechen den Tendenzen der Remythologisierung der ländlichen Welt, wie sie seit den 1970er-Jahren wieder zunehmen. Bedürfnisse nach „Authentizität“ („Echtheit“) werden durch sie erfüllt. Und schließlich dienen sie – über kulturelle und wirtschaftliche Feste und Initiativen – auch dem populären Kulturkontakt im offenen Europa.

Eigenständigkeit ist nicht das Ergebnis von Abschottung und Bewahrung. „Eigen-Sinn“ ist stete, selbstbewusste Rezeption sowohl der eigenen Traditionen wie anderer Kultureinflüsse. Aus dieser engagierten, kreativen und prozesshaften Aneignung (nämlich Kulturarbeit!) entwickeln sich jeweils für eine Zeit, eine Gruppe oder eine Region authentische, weil im Lebenszusammenhang stehende Sub- und Teilkulturen. Und nur diese werden als „richtig“ und „echt“, als den Bedürfnissen entsprechend, empfunden.

5.1.2. Langtext[1255]

5.1.2.1. Volkskultur, Regionalkultur und Identität

Diese Begriffe werden heute in Politik, Kultur und Wissenschaft strapaziert. Im populären Sprachgebrauch wird „Identität“ häufig als Resultat eines biologisch bzw. territorial vorgegebenen, unveränderbaren „Erbes“ angesehen.[1256] Daneben war das Bedürfnis von Regionen nach Selbstdefinition über proklamierte „Einzigartigkeiten“ nie größer als heute. „Identität“ ist und war niemals Summe eines solchen „Erbes“, sondern sie ist ein steter, wandlungsfähiger Prozess sinnstiftender Aneignung, Synthese und Integration. „Identität“ ist die Strukturierung und Formung eines jeweiligen sozial, territorial und temporär konstituierten Selbstverständnisses.[1257] Sie vermittelt Vertrautheit, Sicherheit und Beheimatung. Kulturindikatoren und Identifikatoren sind Teile jener Strategien, mit denen sich Gruppen von Menschen Konzepte wie „Heimat“, „Tradition“, „Kultur“, „Authentizität“ und „Identität“ aneignen. Symbole und symbolhafte Handlungsweisen (Denkmale, Sachgüter, Sitten, Bräuche etc.) wurden und werden, nach den jeweiligen Bedürfnissen, zu einem konkreten Erfahrungsraum[1258] verwoben, der Zugehörigkeit vermittelt.

Die Ausbildung einer neuen Salzburger Identität seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigt dies deutlich. Das endgültige Ende des reichsunmittelbaren Erzstiftes 1916 und die Zuordnung Salzburgs zum Kronland Oberösterreich der k. u. k. Monarchie bedeutete nicht nur Abwanderung und wirtschaftliche Nöte, sondern auch einen weitreichenden Identitätsverlust. Die Protokolle des Salzburger Gemeinderates ebenso wie die Gründung der Mozartgemeinde zeigen diese Suche nach Identität deutlich. Mit 1842 wurde die neue Salzburger Identität auf die Säulen Tourismus und Mozart gestellt. Die Bewahrung der Salzburger Altstadt, der Landschaft und der Volkskultur wurde erstmalig beschlossen. 1911 wurde, im Zusammenhang mit der Heimatschutzbewegung – die Denkmalschutz, Brauchtumspflege und neomerkantile Förderung der Kleingewerbe zum Ziel hatte –, ein Landesausschuss „betreffend Förderung und Hebung der Salzburger Eigenart in Tracht, Sitten und Gebräuchen“ gegründet:[1259] Differenzierung und Distinktion waren auch in dieser Entwicklung Grundlage der Identitätsbildung.

„Promoted differences“[1260] werden im Alltag zur Selbststilisierung und Sinnstiftung eingesetzt. Sie fungieren als Kulturtechnik und Ordnungssystem in einer sich globalisierenden Welt.[1261] Das Identitätsmuster der „promoted differences“ ist zum Ordnungssystem und Handlungsrahmen[1262] der postmodernen Gesellschaft geworden. Der Reflexions- und Relationsbegriff Identität[1263] wird dadurch in sein Gegenteil verkehrt, er wird zur „banalité précise“[1264], zur schwammigen und im politischen Diskurs gefährlichen „parole“.[1265] Die Vorgabe instrumentalisierender Bedarfsidentitäten kann daher sogar zur Desintegration und zu Brüchen in der Persönlichkeit führen. Denn diese eignen sich im Sinne von Bourdieus „Distinktion“[1266] sowohl zur Schaffung von Nähe wie von Distanz, zur Bildung von Gemeinschaft, aber auch zur Ab- und Ausgrenzung. Psychologisch gesehen ist Identität nicht dasselbe wie Individualität. Identität ist das temporäre Ergebnis weitreichender individueller Synthese-, Integrations- und Kommunikationsleistungen.[1267] Eine Förderung der Identitätsbildung kann daher nur über Angebote zur Selbsthilfe geschehen. Das heißt, durch die Schaffung von Rahmenbedingungen für die Ausbildung multipler, gegenwartsbezogener Identitäten für möglichst viele Gruppierungen innerhalb der Gesellschaft. Diese Aufgabe leisten in Salzburg die (Volks-)Kulturvereine am Lande, die Erwachsenenbildung und in letzter Zeit verstärkt das Referat Salzburger Volkskultur. Die Aufgabe starrer, stilisierter und retrospektiver Landesidentitäten zugunsten einer kreativen Kulturarbeit steht dabei im Mittelpunkt.

5.1.2.2. Globalität und Regionalität als multiple verschränkte Identitäten

Die Vielschichtigkeit gegenwärtigen Lebens, die Einbindung jedes Einzelnen in mehrere gesellschaftliche Subsysteme erfordert die simultane Ausbildung vielschichtiger Verhaltensweisen und Rollenbilder und damit multipler (multiplexer), verschränkter und tragfähiger Identitäten. Heute gibt es keine präformierten, standesspezifischen Identitäten mehr, die Ausbildung der persönlichen Identität ist daher zur mentalen und sozialen Leistung der Individuen geworden. Immer wieder sind Orientierungslosigkeit und Ängste das Resultat misslungener Identifikationsprozesse. Projiziert auf Unbekanntes, entstehen daraus Intoleranz und Fremdenhass.

Daher ist die Erfahrung von Nähe und Vertrautheit sowie das Erleben konkreter Mitgestaltungs- und Mitverantwortungs-Leistungen notwendig. Dazu bieten sich alle Formen regionaler und lokaler Vereinigungen an, die aktives Engagement ermöglichen.[1268] Vielfach sind dies Brauchtumsvereine, Musikkapellen und -ensembles, Theatergruppen und Kulturvereine mit über 33.000 Mitgliedern in Salzburg (1998). Für die Integration in komplexen Gesellschaften sind diese kleinen überschaubaren Einheiten besonders wichtig, da in ihnen aktive Produktions- und Reproduktionsgemeinschaften entstehen, in denen durchgängige Übereinstimmung in Bezug auf den Sinn des Lebens möglich ist.[1269] Dort entwickelt sich Kreativität als Ausdruck der kulturellen Bestimmtheit des Menschen.[1270] Identifikatoren entstehen und führen zur Ausbildung tragfähiger Bedürfnis-Identitäten. So ist heute etwa ein Perchtentänzer und zweiter Obmann einer großen Brauchtumsgruppe gleichzeitig Vater und Ehemann, ehrenamtlicher Buchhalter eines wissenschaftlichen Vereines, Abteilungsdirektor in seinem Beruf, Computerspezialist im Hobby, im Umweltschutz und in der katholischen Gemeindearbeit engagiert. Alle Rollen seines Lebens machen seine Persönlichkeit aus.

5.1.2.3. Bräuche als definierte Schnittpunkte im Koordinatenkreuz der Kulturdimensionen

Werden Bräuche einer Region – dasselbe gilt für alle Normen, Handlungen und Objekte von identifikatorischem Wert – nicht als statische, geschichtslose Phänomene ethnischer Ausprägung, sondern als jeweils genau definierte Schnittpunkte im Koordinatenkreuz der Kulturdimensionen (Zeit, Raum, soziale Gruppe – und aus heutiger Sicht: Individuum) betrachtet, so wird in ihnen die Verschränkung vielfältiger Einflüsse sichtbar. Oberflächlich betrachtet, können gleiche und ähnliche Erscheinungen Symbole für unterschiedlichste Distinktions-Ansprüche sein. In allen historischen Entwicklungsstufen lassen sich wechselnde Kulturkontakte wie bedürfnisgerechte Rezeptions- und Reproduktionsprozesse vor der Folie des Lebensumfeldes aufzeigen.

So wurden etwa „Läufen der Maschera und Claiderverstöllungen“ (Hofratsbefehl 1686) im 17. und 18. Jahrhundert von den Erzbischöfen 1664 bis 1792 nachweislich immer wieder verboten, da sie als Gelegenheit für revolutionäre Handlungen, Unruhe, Unsittlichkeit und Unzucht gesehen wurden. Verbote und Gerichtsprotokolle zeigen, dass im Rahmen der Perchtenläufe soziale Kritik an Verwaltungsbeamten wie Mitbürgern geübt wurde. Das üppige und zeit- wie geldaufwendige Getriebe widersprach auch dem rationalen, wirtschafts- und bildungsbezogenen Denken der Aufklärer. Gleichzeitig waren die Läufe für die einfache ländliche Bevölkerung seltene Belustigungen, auf die man nicht verzichten wollte. Sie waren deren Faschingsvergnügen und, in vielerlei Schritten der Rezeption, die Nachahmung des Verhaltens von übergeordneten Schichten. Heute gelten solche Perchtenläufe der Regierung als Ausdruck von Landesbewusstsein und Regionalcharakter und werden gefördert und unterstützt.

5.1.2.4. Die Salzburger Perchtengestalten als soziokulturelle Indikatoren

Im Vergleich der Salzburger Perchtenfiguren zu ähnlichen Maskengestalten in Europa lassen sich vielfältige Kulturwanderungen, -vernetzungen und regionaltypische Rezeptions- und Reproduktionsformen aufzeigen. Die bereits im Mittelalter erwähnte Frau Berchte[1271] – Dietz Rüdiger Moser aus der Münchener Schule der historischen Quellenforschung hält den Namen für eine Verballhornung von „Epiphanie“ – hat in Südost-Europa viele Verwandte, sowohl als Begleiter wie auch als Äquivalent zu Nikolaus oder anderen Figuren. Ihre Existenz verbindet Gebiete, die eine starke katholische Katechese erfahren haben. Der Zeitraum ihres Auftretens entspricht der Weihnachtsquadragese, besonders der Zeit zwischen St. Nikolaus und Epiphanie (Heilige Drei Könige). Die Figuren kontrollieren die häusliche Ordnung (früher wohl wie St. Nikolaus auch die Kenntnisse der Religion), strafen und belohnen. Diese Art der Frau Percht tritt im Rauriser Tal als „Schnabelpercht“ mit Buckelkorb, Schere und Besen auf, sie ist im Lungau – wie in der Obersteiermark – einzeln und paarweise, in alte Fetzen gehüllt, mit schwarzer oder weißer Verschleierung zu finden und vertreibt auch auf dem Dürrnberg[1272] mit „Bi Bi“-Geschrei „Unreim und Unrat“. Eine Mischform zwischen dieser Frau Percht und den Faschingsläufern stellen die Pinzgauer Brotperchten dar.

In Italien ist die Bercht als Befana, in weiten Teilen des einstigen Innerösterreich, besonders in den heutigen Ländern Steiermark, Kärnten, Slowenien, Kroatien, Burgenland und Ostungarn (inklusive der dort lebenden Roma-Bevölkerung) und in Niederösterreich als Budelmutter, Luzelfrau und Berchtl bekannt. Als Bercht in Salzburg, Tirol und Vorarlberg hat sie in ländlichen wie alpinen Gebieten der einstigen Habsburger-Monarchie – ungeachtet der Volksgruppen – am längsten als Brauchgestalt überlebt. Sie wird seit dem Hochmittelalter als Volksmaske bezeugt. In Hans Vintlers: „Pluemen der tugent“ (Augsburg, 1486), einer Handschrift mit Inkunabeln (ÖNB Wien Ink 18.F.1) ist eine Frau Perchte mit Schnabelmaske als Arbeit der Mönche dargestellt.[1273] In der „Kuenburg-Sammlung“, einem Salzburger Kostümkodex der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, findet sich eine Abbildung der Gollinger Frau Berchte in der häufigen schwarz-weißen Kleidung, allerdings als Fellmaske. Bereits um 1700 wurde der Begriff „Berchte“ in Salzburg sowohl für diese katechetische, weibliche Ordnungsgestalt als auch im Alpenraum als Synonym für Masken und Kostümierungen aller Art verwendet.[1274]

Im 19. Jahrhundert wurden der Berchte, wie auch den anderen Maskengestalten unter dem Namen „B/Percht“, natur- und fruchtbarkeitskultische Bedeutungen[1275] unterlegt. Das entsprach dem historistischen Denken jener Zeit, das die Bedürfnisse und Sehnsüchte seiner Gegenwart aus dem „fortwirkenden Urquell“ einer mythischen Zeit unverbildeter naiver Seelen stillen wollte. Der Nationalsozialismus wollte in ihr die Totengöttin Hel, die Frau Holle und damit die Relikte germanischen Kultes sehen[1276]. Auch sind dies Wunschvorstellungen, die aus den Denkkonzepten jener Zeit entstanden waren. In der Bercht wie in den „Schiachperchten“ finden sich dagegen Relikte der Bußdisziplin des 7. Jahrhunderts ebenso wie der Katechese und Höllenvorstellungen des Hochmittelalters. Dämonen und Teufel auf mittelalterlichen Tafelbildern – denken Sie an den Pacher-Altar in St. Wolfgang – wie an den Fassaden von romanischen und gotischen Kirchen zeigen vergleichbare Masken. Frau Berchta mit der langen Nase scheint als „Frau Welt“ und „Frau Sünde“ ebenso wie als teuflische Verführerin in spätmittelalterlichen Codices auf.[1277]

Maskenläufe mit Paaren und Gruppen von Schönen und Hässlichen, mit Nachfahren der mittelalterlichen Dämonengestalten wie der Figurinen des italienischen Theaters und Karnevals, die in Umzügen und Rundtänzen umherziehen, finden sich in ganz Europa.[1278] Bereits im frühen 17. Jahrhundert sind solche Einflüsse in Salzburg archivalisch nachweisbar.[1279] Auch ihre Tänze und Bewegungen beziehen stets Schritte der mittelalterlichen Springprozessionen, der höfischen Moreskentänzer wie den Requisitentänzen (Reiftänze, Schwerttänze) der Handwerker um 1500 ein. Diese Anbindung an die italienischen Komödien finden sich im Gasteiner Perchtenlauf etwa in der Figur des Ölträgers, in den Masken mit ihren „Gehilfinnen“, im Harlekin mit seiner langen Wurst sowie in der Kropfoperation etc. Die Bewertung als Faschingsspiel und nicht als Kult – sowohl durch die Mitwirkenden wie durch die Beobachter – stellt sich in den literarischen Texten des 19. Jahrhunderts sowie in den Verboten früherer Jahrhunderte deutlich dar. Im folgenden Text wird sichtbar, dass nach den Verboten der Aufklärer aus dem Perchtenlauf bei Tage ein nächtliches, zwar verbotenes, aber toleriertes Treiben wurde.

„Am folgenden Tage ließ ich mir von den Purschen das Berchtenlaufen und andere hier übliche Spiele und Künste noch zeigen. Zu jenen gehört eine Gesellschaft von 20 oder 30 vermummten Purschen. Einige waren als Teufel, andere mit Kühgesichtern und wieder andere als Narren mit ziemlich kostspieligem Prunke maskiert. Alle hatten Kühglocken und große mit Stacheln versehene Stöcke, mehrere außerordentlich lange und wie Böller knallende Peitschen. Jetzt sind zwar diese, meistens im Karneval umherziehenden Maskeraden, des damit verbundenen Unfuges wegen verboten; doch lassen die Berchten öfters sich noch sehen und ihre Ankunft vorher verkündigen. Die Lichter müssen in den Häusern ausgelöscht werden, um die Fenster ganz zu erhalten und niemand darf sich vor ihnen auf dem Wege blicken lassen, der nicht unangenehmen Begegnungen sich aussetzen will. Sie tanzen, springen und singen vor den Häusern der Beamten und ihrer Schönen, und man läßt sie ungestört umherziehen, wenn sie die Gränzen der Ordnung und Sittlichkeit nicht allzuauffallend überschreiten. Auch würden sie schwerlich von irgend einer Gerichtsperson eingeholt und verhaftet werden können, denn mittels ihrer Stöcke springen sie über Gräben und Zäune und ihre Vermummungen machen sie unkenntlich. Manche der vermummten Pursche benutzen ihren langen Stock zu allerley Sprüngen mit einer bey den größten Künstlern gewiss selten zu bemerkenden Kraft und Behendigkeit. Einer der Pursche berührte mit seinen Fußsohlen die Decke des Zimmers. Andere sechs machten einen Kreis im Hofe, auf ihre Schultern stellten sich vier rüstige, auf diese drey etwas geringere Pursche, die ihre Köpfe zusammen steckten und oben auf diesem piramidalischen Gipfel stand einer ihrer Waghälse mit den Füßen gen Himmel, balancierte und stürzte sich endlich mit einem Salto mortale auf die Erde.“[1280]

5.1.2.5. Im internationalen Vergleich

Die slovenischen Kurentovane, die schwäbisch-alemannische Fasnacht, der Imster Schellerlauf, die roten Tänzer in Spanien, die Pinzgauer Tresterer und Stelzentänzer, die Karnevalstänzer aus Bagolino in Trient sowie die englischen Morristänzer sind hier vielfach vergleichbar. Die Kostüme, Schrittfolgen und Rundtänze der Karnevalstänzer aus Bagolino wie der Baskischen Maskerades weisen dieselben Grundelemente auf. Gesamteuropäische Kultureinflüsse bilden die Grundlage, auf welcher sich seit dem Hochmittelalter schichtenspezifische und bis 1600 schließlich auch regionaltypische Ausformungen wie Deutungsmuster ausgebildet haben. Gerade die Kostüme der Pinzgauer Tresterer, Stelzentänzer und Schönperchten weisen viele italienische Merkmale auf. Auch ihre barocken Kostüme, die Flinserl- sprich Paillettenstickereien, ihre Blumen- und Bänderkappen, die Bevorzugung der Farbe rot etc. weisen darauf hin. In ihnen spiegeln sich sowohl der Kulturtransfer entlang der alten Passstraßen und Fernhandelsrouten als auch jener über den international orientierten Salzburger Hof, seine Feste und seine Theateraufführungen sowie – wie Horst Wierer nachweist – die rekatholisierende Besiedelung der Gastein mit katholischen Tiroler Bauernsöhnen, die offenbar die Spieltradition mitbrachten.

5.1.2.6. Die Bedeutungen

Bräuche hatten in den verschiedenen Epochen unterschiedliche Bedeutungen im Leben der Bevölkerung sowie für die Obrigkeit. Oft scheitert der nähere Zugang zur Alltagskultur an den Quellen. Bis zum 18. Jahrhundert erfahren wir über Bräuche nur aus Rechnungsbüchern, Gerichtsakten sowie Gesetzen, Verordnungen und Ritualen. Das Leben der kleinen Leute erschien den Schriftkundigen nur insofern interessant, als es Wirtschaft, Recht und Ordnung betraf. Wir finden daher nur schlaglichtartige Seitenblicke in Details und ein durch die Intentionen der Obrigkeit vorgefiltertes Bild.

Im 17. und 18. Jahrhundert waren Perchtenumzüge eine Belustigung für die einfache ländliche Bevölkerung. Die Umzüge brachten Gelegenheit für Raufhändel, zur Anbahnung von Liebschaften, für sexuelle Begegnungen und alkoholische Exzesse. Daneben wurde mit ihnen soziale Kontrolle in der Gruppe und Kritik an der Obrigkeit (Fischer, u. a. 1750; Unken)[1281] ausgeübt. So sah die Obrigkeit in ihnen immer „ärgerliche Missbräuche“ (Fischer, Hofgerichtsbefehl 17. 2. 1730) [1282] – ein Unruhepotential und einen Angriff auf Ordnung und Sittlichkeit. Die Verbote bzw. Strafen häuften sich im Zusammenhang mit der Protestantenaustreibung im 17. und 18. Jahrhundert, in Gebieten mit hohem Kryptoprotestantismus, zur Zeit von Kriegen und im Zusammenhang mit der 1848er Revolution[1283]

Mit der Auflösung der Ständegesellschaft, der Verstädterung und Industrialisierung verschwanden die Aufzüge und lebten nur vereinzelt in stadtfernen Regionen weiter. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts berichten Reiseschriftsteller – meist Kameralistiker und Statistiker – in ihren Landesbeschreibungen über das Leben der „[...] rohen Naturmenschen dieser Gegenden, die gewiß keine arkadischen Schäfer sind [...]“[1284]. Ihre Aufzeichnungen dienten der staatlichen Reform im Bereich des Sozial- und Bildungswesens sowie der wirtschaftlichen Effizienz-Steigerung. Darüber hinaus verzeichnen sie das „Curieuse“, also die Differenzen zur städtischen und gebildeten Bevölkerung. Auch dass in den historischen Topograpfien und Reiseberichten in erster Linie der Pinzgau beschrieben wird, weist darauf hin, dass man dort die „Alpenidylle“ suchte, während in Gastein der moderne Kur- und Badebetrieb geschildert wird. Allein diese Vorauswahl sollte unter Weglassung anderer Eindrücke Gastein als bekannten Weltkurort präsentieren.

„Winterbelustigungen sind Tanz, Kartenspiel und das Eisschießen, [...]. Es besteht im Werfen eines Holzblocks nach dem ‚Hasel‘ (Häschen) oder Ziele, und geschieht um Geld und nicht selten mit Leidenschaftlichkeit [...]. Das Berchtenlaufen, ein Maskenzug von Haus zu Haus und oft von Ort zu Ort, ist im Pinzgau fast außer Gebrauch, aber das Anklöckeln besteht noch.“[1285] „Mit den Berchten verhält es sich auf eine ähnliche Weise [Anm. Ka.: wie mit dem Kühtreiben und Klöcken]: diese tanzen bey hellem Tage mit den possierlichsten Masken, mit allen Arten von Gewehren bewaffnet, einher; ihre Anzahl ist sehr beträchtlich, und besonders im Pinzgau beläuft sie sich manches Mal auf 100–300 Köpfe. Endlich gehöret hierher auch noch das sogenannte Faschingbau [...].“[1286]

Die Aufklärung kann ganz allgemein als Zeit der größten Differenzierung zwischen den Sozialschichten gesehen werden. Die Aufzeichnungen wurden zum Ausgangspunkt der binnenexotischen Idyllisierung der „National-Culturen“ durch Künstler, Nationalökonomen, Adel und Großbürgertum. Die Spannungen im bürgerlichen Leben des Vormärz – zwischen gesellschaftlichem Umbruch, Polizeistaat und Biedermeieridylle – werden vielfach in der Bewertung der Volkskultur in Arbeiten zwischen 1816 und 1848 sichtbar. Die erwünschte Orientierung der Unterschichten an den Oberschichten spiegelt sich darin ebenso wie der Wunsch der Städter nach Erweiterung ihres Lebensraumes, nach Verbesserung, Schönung und Idyllisierung. So vergleicht Ignaz Kürsinger 1841 die Trestererkostüme und -tänze mit einem Indianerritual. Kürsinger[1287] und Matthias Koch[1288] wie Graf Spaur[1289] sehen darin das unbeschwerte Treiben fröhlicher Landkinder. Beides entspricht der Neigung der Zeit für native Kultur und Kunst, in welchen man naive, unverbildete Energien finden wollte.

Im Oberpinzgau, „zur Zeit der winterlichen Freuden, in welcher der Städter in hellerleuchteten Sälen bei Strauß’schen Weisen Erholung sucht, [...] in derselben Zeit sucht auch der arme Hochländer in seinen stillen Thälern Erholung [...].“ „Junge rüstige Bursche, acht bis zehn an der Zahl, bilden eine Gesellschaft, von denen zwey, alte häßliche Gestalten, mit alten Besen bewaffnet, vorstellen, es sind die Berchten (häßliche, grausliche Gestalten, deren Name noch in mancher Kindsstube als Schweigmittel helfen muß), ihnen folget gewöhnlich die Karricatur aus Hanswurst, Landstreicher und anderem Gesindel zusammengesetzt; und diesem Compositum folgen die Tänzer mit festanliegenden Kleidern, mit grellfärbigen Bändern rundum geziert, auf dem Haupte eine Krone von hochfliegenden Hahnenfedern, von welchen unzählige lichtfärbige Bänder über Schultern und Rücken herabflattern. Das Gesicht mit einer Larve verhühlt, haben sie am Ende des Rückens eine Alpenglocke, oft bis zu einem Viertel-Centner Schwere angehängt.“ „Es ist das Berchtenlaufen, das Trestern und der Dreyschlag; ihre Kleidung und Tanz erinnerte mich lebhaft an die Tänze der Indianer, wie ich sie in Bildern sah. Sie ziehen von Pfarre zu Pfarre, begrüßen die bessern Häuser, wo ihnen die Mühe des Tanzes mit Branntwein und Brod gelohnt wird [...].“ „Alt und Jung, Groß und Klein läuft diesem uralten Volks-Schauspiele zu, weidet sich fröhlich an den Sprüngen der Tresterer, freuet sich über die Berchten, und belachet den Hanswurst.“[1290]

Im 19. Jahrhundert dienten dieselben Aufzeichnungen in abermaliger Veränderung der Bewertung, der Redefinition bzw. Identifikation sowohl neu entstandener Bevölkerungsgruppen wie auch ganzer Länder und Staaten. Ab 1860 wird die Binnenexotik zur Idylle. National-romantische Strömungen, oft gepaart mit den Ausläufern des Historismus suchten nach vergangener Größe, Idylle, Naturmythen und naiver Kreativität. Dem „[...] reinsten Genusse hoher Naturschönheiten [...].“[1291] wurden auch die einfachen „pittoresken Älpler in ihren bunten National-Costumen“[1292] und mit ihren Spielen und Bräuchen subsummiert. „Endlich gehöret auch unter die Volksbelustigungen das Berchtenlaufen mit dem dabei gewöhnlichen Berchtentanze, das Hahnschlagen, die Bettlerhochzeit, und das Kropfschneiden, welche beyden letzteren Belustigungen eine Art Maskeraden sind. [...] Das Kropfschneiden bestehet hauptsächlich darin, daß ein außerordentlich kropfichter Bursche mit einem mit Blut und Milch gefüllten Kropfe öffentlich operirt wird, wobey ebenfalls mancherley Grimassen und Scherze vorkommen.“[1293]

Das Schwelgen in den Nationalkulturen verfolgte zum Ende der Monarchie durchaus völkerverbindende und staatserhaltende Interessen[1294]. Im sogenannten „Kronprinzenwerk“ zeigte Franz Zillner[1295] im Vergleich zu 1880 jene Veränderungen im ländlichen Alltagsleben auf, die durch die 1848er Revolution entstanden. Sein Werk stellt drei Zeitstufen dar. Zum Faschingstreiben gibt er Schilderungen von pompösen Aufzügen mit vielfältigen Figuren, Szenen und Attraktionen, die viele ältere Einflüsse aus den Carnevalsaufzügen wie städtische Elemente des 19. Jahrhunderts aufweisen.

Rund um 1900 wurden die Perchtenumzüge von naturkultisch orientierten Altertumsforschern und Anthropologen (Marie Andree-Eysn)[1296] wiederentdeckt und kurz darauf auch von der Heimatschutzbewegung. Sie dienten der Bildung eines neuen Salzburg-Bewusstseins, das auf den Säulen: Erhalt der Bräuche, Tourismus und Binnenwirtschaft ruhte. Aus Erzählungen und Quellen wurden neue Perchtenaufzüge herausstilisiert, mit den Werten der Zeit besetzt und deren Ausübung finanziell und ideell gefördert. Lehrer, Beamtenschaft, Politik, Wirtschaft und Tourismus arbeiteten aufs Engste zusammen. In Kultur- und Trachtenvereinen spielten die Städter heile Welt – als eine letzte Stufe des Historismus. Mitglieder des großbürgerlichen Vereins Alpinia kostümierten sich für ihre Bälle als „Dürrnberger Schwerttänzer“ oder „Pinzgauer Tresterer“. Die Brüder Mayr (Richard der berühmte Kammersänger und Gastgeber der frühen Festspieljahre und der Kostümbildner Carl) wirkten an diesen öffentlichen Gesellschaftsspielen lenkend mit.[1297] Auch Karl Adrian trug mit seinen Aufzeichnungen zu einer Bewertung als schützenswertes Kulturgut bei.[1298] Diese Bewertung der Faschingsumzüge als Relikte naturmythologischer Kulte bzw. verlorener Traditionen nahm ihnen bald das spielerische und kreative Element. Besonders die kleinbürgerlichen Vereine verlangten nach Reglementierung, Stilisierung und Bewertung als „echt“, „wertvoll“ und „eigen“. Die Flitter und Spiegel an den Kostümen wurden nun als Dämonenabwehr verstanden.

Aus dieser Tradition stammte etwa auch Peter Lechner (15. 2. 1879–4. 5. 1951), „Krimmler Dorfpoet, Perchtentänzer, Spielleiter, Musikant, Mineralisammler, Unterhaltungssänger, Geschichtsforscher und Maskenschnitzer“. Im Bemühen „Krimmler Kulturgut, Bräuche und Sitten der jüngeren Generation weiterzugeben“ schuf er um 1940 das Stück „Weihnacht in Krimml vor 60 Jahren“. „In diesem Stück versetzt er die Zuschauer in das Jahr 1880, als noch keine Pinzgauer Bahn verkehrte, das Dorf aus 59 Häusern bestand und ein Brief vom Postamt Neukirchen bis Krimml 14 Tage brauchte. Dieses Theaterstück, in dem ein bäuerliches Ehepaar die Hauptrolle spielt, beginnt mit dem Anklöckeln und leitet über in das ‚Bröseln‘ (= Löseln, Lasseln, Zukunft raten). [...] Plötzlich erschallen laute Rufe und Juchzer. In langen weißen Gewändern, das Gesicht mit Totenkopf- oder Tiermasken verdeckt, große Glocken an einem Strick am Rücken befestigt, kommen die Brotperchten. Zum Klang einer Klarinette führen sie ihre eigenartigen Schleif- und Tanzschritte, durch Sprünge unterbrochen, vor, bis ihnen die Bäuerin das begehrte Brot reicht. [...]“ Weiters kommen in diesem Stück auch die Sternsinger, Spielfiguren, Schönperchten, und Branntweinperchten vor, die den „Krimmler Faschings- oder Maskentanz“ vorführen.[1299]

Mit dem Nationalsozialismus suchte man schließlich germanische Mythen, im Sinne der Quellstromtheorien in ihnen. Aus dem Spiel wurde das stilisierte Weitertragen germanischen Kultes und ein didaktisches Mittel der „Umvolkung“. Die „Echtheit“ und „Ernsthaftigkeit“, die allen Mitteln der nationalsozialistischen Indoktrination eigen war, breitete sich auch über das Perchtenwesen[1300]. Besonders die Schiachperchten – als Wotans wilde Jagd verstanden – wurden neu gruppiert und ihre Termine vom Fasching auf die Tage des Nikolaustreibens verlegt. Als Begründung nannte man die „Zwölften“ bzw. die „Raunächte“ und ließ ihre Bedeutung als heilige Gebets- und Räuchernächte der katholischen Kirche damit verschwinden.

Der Brauchtumspfleger Kuno Brandauer konzipierte noch 1943 den Umzug der „Wilden Jagd vom Untersberg“, führte den Aufzug aber erst 1947 auf (bis heute bestehend). Heute passen sich diese Bräuche immer mehr der Freizeit- und Mediengesellschaft an. Sie bieten „fun and action“, sind häufig gut inszenierte Spektakel für große Zuschauermengen, zeigen alle Übersteigerungs- und Vervielfachungstendenzen städtischer Ballungsräume auf. Als Tourismus-Attraktionen sind sie daher bestens geeignet. Vielfach dienen sie auch der Suche nach „authentischer Regionalkultur“, also nach einzigartiger Identität. Sie entsprechen ebenso den Tendenzen der Remythologisierung der ruralen Welt, wie sie seit der internationalen Keltenwelle der 1970er-Jahre zunehmen. Bedürfnisse nach atavistischer Anbindung wie nach Authentizität werden durch sie erfüllt. Und schließlich dienen sie – über kulturelle und wirtschaftliche Feste und Initiativen – auch dem populären Kulturkontakt im offenen Europa.[1301]

5.1.2.7. Welche Erkenntnisse sind aus dieser Entwicklungsgeschichte zu ziehen?

Die Kulturgeschichte des Perchtenwesens zeigt, dass alle – heute als regionale oder lokaltypische Bräuche gehandelten – „Eigenheiten“ im internationalen Kulturaustausch entstanden sind. Sie präsentieren sich heute als einzigartig, weil sie jeweils eigenständige Rezeptionen und Verknüpfungen von zeittypischem, sozialem, historischem und geografischem Kulturtransfer sind. Was ist daraus für den gegenwärtigen internationalen oder europäischen Kulturaustausch zu schließen? Kulturpessimismus, Bewahrungsstrategien oder Aufgabe der Identität sind weder vorprogrammiert noch notwendig.

Diese Entwicklungsübersicht zeigt, dass Eigenständigkeit nicht das Ergebnis von Abschottung und Bewahrung ist. „Eigen-Sinn“ ist stete, selbstbewusste Rezeption sowohl der eigenen Traditionen wie anderer Kultureinflüsse.[1302] Aus dieser engagierten und kreativen, prozesshaften Aneignung (nämlich Kulturarbeit!) entwickeln sich jeweils für eine Zeit, eine Gruppe oder eine Region authentische, weil im Lebens-Zusammenhang stehende Sub- und Teilkulturen. Und nur diese werden als „richtig“ und „echt“, als den Bedürfnissen entsprechend, empfunden.



[1255] Dieser Artikel wurde in kürzerer Form veröffentlicht in italienischer Sprache, übersetzt von Antonio Pasinato, als: [Kammerhofer-Aggermann 2000a]. – In deutscher Sprache veröffentlicht: [Kammerhofer-Aggermann 2001a].

[1256] Den Kapiteln 1 und 2 liegt zugrunde: [Kammerhofer-Aggermann/Keul 2000a]. – [Kammerhofer-Aggermann 1998c].

[1258] Vgl.: [Welz 1998], dort zit.: [Hannerz 1995].

[1260] [BeckSt 1998]. – vgl. [Köstlin 1980]. – Vgl. [Schulze 1995], S. 203.

[1262] Im Sinne Soeffners: [Soeffner 1995], Bd. 2, S. 166 ff. – Vgl.: [Goffman 1982], S. 273–276.

[1265] Im Sinne von: [Bourdieu 1993], S. 56 f.

[1271] [MoserHu 1977]. – [Kapfhammer 1977b], hier S. 171. – Das Heischen hat Hanns Koren ([Koren 1954]) als Übernahme einstiger Seelenspenden in die Armenversorgung und in die Vorrechte der Burschen und Kinder erläutert. Richard Wolfram hat diesen Heischecharakter für alle Perchtenbräuche abgelehnt, wohl weil er seiner mythisch-kultischen Deutung widerspricht.

[1272] Freundliche Mitteilung von Frau Schuldirektor Linde Moldan im Rahmen der Fragebogenaktion. Siehe: [Moldan 1989].

[1273] [Rumpf 1991], bes. S. 61–93. – [MoserDR 1993], S. 17, S. 232. – Den Hinweis auf die Arbeiten der Mönche verdanke ich Frau Mag. Ingrid Loimer-Rumerstorfer und Herrn Diplombiologen Remigius Geiser.

[1274] [Spaur 1800], bes. Bd. 1, S. 243–245. – [Spaur 1800], Bd. 2. – [Kürsinger 1841], S. 166.

[1276] Artikel von Kuno Brandauer in der Gebirgstrachtenzeitung zwischen 1912 und 1938 ([GTZ 1912], [GTZ 1921] und [GTZ 1924]. Das „Amt Rosenberg“ widmete sich auch in diesem Sektor der Mythensuche: u. v.  a.: [Spieß Berchtenzeit]. – [Strobel 1937b]. – [Strobel 1936b]. – vgl. [WolframR 1979a], bes. S. 65–79: Trestern, S. 87–97: Stelzentanz. – [WolframR 1936a], bes. S. 2 f. – [WolframR 1978], bes. S. 340 f. – [WolframR 1951], S. 46–49.

[1277] [Rumpf 1991], bes. S. 61–93. – [MoserDR 1993], S. 117–121, S. 46 ff.

[1279] [Rainer 1997], bes. S. 208–214. Hofrat Werner Rainer ist noch für weitere freundliche Hinweise aus den Steinhauser-Tagebüchern des frühen 17. Jahrhunderts zu danken. – [SchwedtH/SchwedtE 1975].

[1280] [Spaur 1800], bes. Bd. 1, S. 243.

[1281] [FischerFJ 1963], siehe S. 112 f., S. 120. Die Seiten 119 bis 121 nennen die Originaltexte aus den Salzburger Hofrathsprotokollen. – vgl. [Kramer 1974].

[1282] [FischerFJ 1963], siehe S. 112 f., S. 120. Die Seiten 119 bis 121 nennen die Originaltexte aus den Salzburger Hofrathsprotokollen.

[1283] [FischerFJ 1963], siehe S. 112 f., S. 120. Die Seiten 119 bis 121 nennen die Originaltexte aus den Salzburger Hofrathsprotokollen. – [Lürzer von Zehendthall 1802], S. 45–48.

[1285] [Koch 1846], S. 308.

[1286] [Hübner 1796], Bd. 2, S. 397–400, S. 399.

[1288] [Koch 1846], S. 308.

[1289] [Spaur 1800], bes. Bd. 1, S. 243–245.

[1291] [Schultes 1804], Bd. 1, S. 270.

[1292] [Schultes 1804], Bd. 1, S. 140 ff.

[1293] [Hübner 1796], Bd. 2, S. 397–400, S. 399.

[1295] [Zillner 1889], hier S. 442 f.

[1298] [Adrian 1923b] und Abb. 8 vor 313: Umzug der Pongauer Tafelperchten von Franz Kulstrunk. – [Adrian 1924], S. 364–375 sowie S. 61–70, bes. S. 63 f.: Der Unkener Stelzenbandltanz. Der Pinzgauer Hexentanz. Der Krimmler Faschingstanz. – [Adrian 1924], S. 49–70: Perchtenlauf und Perchtentanz. – [Adrian 1924], S. 71–72: Das Brotperchtenspringen. – [Adrian 1924], S. 72–77: Das Halleiner Winter- und Sommerspiel. – vgl. [Hutter/Hörmann 1992].

[1299] [Zobl Skript]. Skriptum im Rahmen der Fragebogenaktion freundlicherweise von Herrn Zobl zur Verfügung gestellt. – [Göttsch 1991].

This document was generated 2019-11-28 15:36:39 | © 2019 Forum Salzburger Volkskultur | Impressum